Arme und wenig gebildete Menschen leben in Deutschland deutlich kürzer als ökonomisch besser gestellte Bürger. Das zeigt eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und bestätigt damit viele ähnliche internationale Befunde. "In fast allen Ländern leben Hochschulabsolventen im Durchschnitt zwei bis zwölf Jahre länger als Landsleute, die höchstens eine Grundschule oder gar keine Schule besucht haben", heißt es in der Studie. Besonders alt werde die Wissenschaftselite: Mitglieder der nationalen Akademien in Deutschland hätten eine überdurchschnittlich hohe Lebenserwartung.

 "Viele Studien belegen, dass zwei Faktoren entscheidend sind für gesundheitliche Ungleichheit und damit das Risiko, vorzeitig zu sterben: der Sozialstatus und das Bildungsniveau", sagt Reiner Klingholz, der Direktor des Berlin-Instituts. Je niedriger der sozioökonomische Status, desto höher die subjektiv erlebte Stressbelastung. Auf Dauer fördere dieser Lebensstress die Entstehung von körperlichen Erkrankungen, Depressionen und anderen psychischen Störungen. Hinzu komme, dass Risikofaktoren für die Gesundheit wie Bewegungsmangel, Übergewicht und Rauchen in Gruppen mit niedrigem Sozialstatus überproportional häufig vorkommen.

Die Studie verweist darauf, dass die Gesellschaft in vielen Industrieländern in zwei Gruppen unterteilt sei. Auf der einen Seite seien jene, die ein sehr hohes Alter erreichen und dabei lange fit und gesund bleiben. Auf der anderen Seite die weniger Privilegierten, die tendenziell eher riskante Verhaltensweisen pflegen, denen der Lebensstress zusetzt und die häufiger erkranken und früher sterben. Auch gebe es regional große Unterschiede bei der Entwicklung des durchschnittlichen Lebensalters: "So können neugeborene Jungen im wohlsituierten bayerischen Landkreis Starnberg mit rund acht Jahren mehr Lebenszeit rechnen als ihre Geschlechtsgenossen in der ehemaligen Schuhmachermetropole Pirmasens in Rheinland-Pfalz."

Alter lässt sich nicht unbegrenzt steigern

Der Studie zufolge steigt die globale mittlere Lebenserwartung seit gut einem Jahrhundert ständig an. Um 1900 lag sie weltweit bei geschätzten 30 Jahren. Heute ist sie bei einem Durchschnitt von rund 71 Jahren angelangt – ein Zugewinn an Lebenszeit von etwa dreieinhalb Jahren pro Jahrzehnt. Am schnellsten steigt den Angaben zufolge die Lebenserwartung in Afrika und Südostasien, "allerdings ausgehend von einem viel niedrigeren Niveau". In Deutschland beträgt die Lebenserwartung für neugeborene Jungen inzwischen 78 Jahre und zwei Monate, für Mädchen sogar 83 Jahre und einen Monat.

Die Autoren der Studie rechnen damit, dass sich das Alter der Menschen nicht unbegrenzt steigern lässt. "Selbst wenn Einzelne Altersrekorde erreichen, dürfte es künftig schwieriger werden, den Durchschnitt zu erhöhen", heißt es. Weil überall bessergestellte Mittelschichten entstehen, nehme gleichzeitig die Zahl der Menschen zu, die an krankhaftem Übergewicht leiden. Das könne auch zu Rückschritten bei der weltweiten Lebenserwartung führen.