In einem Haus in Oberösterreich wird ein Kind geboren und ein ganzes Land beschäftigt sich damit, seit sechs Jahren. Denn das Kind war Adolf Hitler. Gerade einmal drei Jahre lebte die Familie in dem ehemaligen Braugasthaus in Braunau. Später zogen sie nach Passau. Und 100 Jahre später streiten sich Staat und Eigentümer darüber, wem Hitlers Geburtshaus eigentlich gehört.

Das Haus ist bereits seit den 1950er Jahren in Privatbesitz, seit 1972 wird es von der Republik Österreich gepachtet. Zuletzt für 4.800 Euro im Monat, obwohl es seit sechs Jahren leer steht. Die Rentnerin, der das Haus gehört, lehnte Kaufangebote des Staates bisher ab. Verhandlungen über eine Neugestaltung des Hauses scheiterten. Im Dezember des vergangenen Jahres stimmte der österreichische Nationalrat dann mit großer Mehrheit für die Enteignung des Grundstücks, die Eigentümerin klagte dagegen.

Das österreichische Verfassungsgericht hat an diesem Freitag bestätigt, dass das Gebäude mit der Adresse Salzburger Vorstadt Nr. 15 rechtmäßig dem Staat gehört. Die Enteignung sei im öffentlichen Interesse geschehen, die frühere Eigentümerin solle entschädigt werden. Österreich ist nicht dafür bekannt, ein Vorreiter in der Aufarbeitung seiner nationalsozialistischen Vergangenheit zu sein. Im Gegenteil, das Land hat Jahrzehnte gebraucht, um sich öffentlich zu seiner Mitschuld an den NS-Verbrechen zu bekennen. Es dauerte rund 45 Jahre, konkret bis zum 8. Juni 1991, bis ein österreichischer Regierungschef erstmals den Opfermythos relativierte und sich offen zur Mitverantwortung der Österreicher am Zweiten Weltkrieg bekannte. Und dieses Land soll in seiner Gedächtniskultur nun progressiver sein als Deutschland? Wie man mit Bauten aus der Zeit des Nationalsozialismus umgeht, ist auch Kern der Erinnerungskultur in der Bundesrepublik. Im Vergleich zu Österreich hat die kritische Auseinandersetzung – auch baulich – hier früher eingesetzt, dennoch entstanden die ersten Dokumentationsorte erst in den 1980er Jahren. Innerhalb der Forschung ist man sich bis heute über die Vergangenheitsbewältigung der Deutschen uneins.

Es ist nachvollziehbar, dass nicht alle Orte, die vom Nationalsozialismus berührt waren, denkmalgeschützt erhalten werden können. Viele unzerstört gebliebene Gebäude wurden in ihrer Funktion weiter genutzt: In Siedlungen der NS-Zeit wurde gewohnt, in den HJ-Heimen und Schulen unterrichtet und noch heute ist die Bundeswehr in Kasernen aus der NS-Zeit untergebracht.

Der entscheidende Punkt ist, jene Bauten zu bewahren, die aus repräsentativen und ideologischen Gründen errichtet wurden. Das gilt für das Haus der Kunst in München wie für das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg oder die in den 1930er Jahren beabsichtigte Feriensiedlung Prora auf Rügen. Nur in Prora sieht man das teilweise anders.

Prora, ein Ortsteil von Binz, liegt an der Ostseeküste und ist aus einer geplanten Ferienanlage des Nationalsozialismus entstanden. 20.000 Menschen sollten hier gleichzeitig Urlaub machen, in Zimmern mit Seeblick und fließendem Wasser. Das Seebad war eines der monumentalsten Bauvorhaben der Nationalsozialisten und ist bis heute das größte bauliche Erbe dieser Zeit. Fünf Kilometer lang sollte die Anlage werden, mit einer zentralen Festhalle für Massenveranstaltungen. Der Betreiber: die Organisation Kraft durch Freude (KdF). Ihre Aufgabe war es, sich um die Freizeit der Arbeitenden zu kümmern und diese gleichzuschalten, um eine "Volksgemeinschaft" zu erziehen. Denn auch die Zeit abseits der Arbeit stand in der Ideologie des Nationalsozialismus im Dienste des Staates.

Prora sollte nur die erste von insgesamt fünf Ferienanlagen werden. Dazu kam es nie. Im Zuge des Zweiten Weltkriegs wurden die Bauarbeiten offiziell gestoppt, jene die weiterhin am Bau tätig waren, waren Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Stattdessen wurden in Prora nun Polizeieinheiten und Funkerinnen der Deutschen Marine ausgebildet, später wurde der Rohbau als Militärhospital verwendet.