Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Peter Brinkrolf kennt die Entfernungen Mecklenburg-Vorpommerns aus einer Perspektive, die den meisten Bürgern fern ist: aus der Luft. Brinkrolf ist Notarzt, er steigt regelmäßig mit dem Rettungshubschrauber auf, um Menschen in Not zu helfen. Wenn er im Helikopter mit bis zu 250 Stundenkilometern über die leeren Landschaften fliegt,  kann er selbst die entlegensten Winkel des Landes binnen weniger Minuten erreichen. Dennoch sagt er: "Man bekommt schon Respekt vor den Distanzen."

Brinkrolf sitzt in diesen Tagen viel am Schreibtisch statt im Helikopter. Er macht sich Gedanken darüber, wie die Notarztversorgung in seiner Region künftig funktionieren soll. Er weiß: So wie bisher kann es nicht weitergehen.

1.508 Mal ist der Greifswalder Hubschrauber im vorigen Jahr aufgestiegen – durchschnittlich vier Mal am Tag. Seit Jahren steigt die Zahl der Einsätze, auch solche mit dem Auto, das noch immer das häufigste Einsatzfahrzeug ist. "Die Menschen in Vorpommern werden älter, die medizinische Versorgung wird besser – der Trend wird sich fortsetzen", sagt Brinkrolf. Der 36-Jährige hat deshalb vom Landkreis Vorpommern-Greifswald den Auftrag bekommen, das Notarzt-System der kommenden Jahre zu entwerfen. Land|Rettung heißt das Programm. Es soll sicher stellen, dass auch in einem der dünnsten besiedelten Landkreise der Republik die Hilfe zu denen kommt, die sie brauchen.

Zehn Minuten dürfen die Retter bis zum Einsatzort brauchen, nur in Einzelfällen darf es länger dauern. So steht es in den Richtlinien. Die sogenannte Hilfsfrist variiert von Bundesland zu Bundesland, Mecklenburg-Vorpommern ist mit seinen zehn Minuten vergleichsweise ambitioniert. In Thüringen darf es auf dem Land sogar 17 Minuten dauern, bis die Retter eintreffen, in Brandenburg 15 Minuten und in Nordrhein-Westfalen 12. Die offiziellen Zahlen aus Mecklenburg-Vorpommern zeigen allerdings: Tatsächlich sind es im Schnitt 11,6 Minuten, bis der Notarzt eintrifft. Und inoffiziell sagen selbst Behördenvertreter: Manchmal dauert es sogar bis zu 20 Minuten.

Brinkrolf und sein Team haben schon vor Monaten Vorschläge gemacht, wie es schneller gehen könnte. Ab dem Herbst sollen Notärzte per Funk in Krankenwagen zugeschaltet werden können, die meist schneller vor Ort sind als die Ärzte selbst. Zum Plan gehört auch eine App, die der Landkreis eigens hat programmieren lassen. Sie soll dafür sorgen, dass sich mehr Menschen an der Rettung beteiligen, auch einfache Bürger, die medizinisches Vorwissen besitzen.

Wer auf dem Land lebt und Arzt, Sanitäter, Krankenpfleger, Medizinstudent oder aus anderen Gründen mit Erster Hilfe vertraut ist, kann sich registrieren lassen und die App auf seinem Smartphone installieren. Die App teilt einer Datenbank in der Rettungsleitstelle permanent mit, wo sich ihr Besitzer gerade befindet. "Bei einem Notruf kann der Disponent in der Leitstelle dann nachschauen, ob ein Ersthelfer in der Nähe ist", sagt Brinkrolf: Das Ziel: Ein Netzwerk zu spannen, das so dicht ist, dass dies in der Regel der Fall ist.