Seit einigen Tagen können sich Freiwillige für die App registrieren. 50 Teilnehmer haben schon zugesagt. Ein guter Anfang – aber für ein Einsatzgebiet, das anderthalb mal so groß ist wie das Saarland, nicht genug. Die Ersthelfer sollen möglichst nah am Einsatzort sein – und sich nicht erst ins Auto setzen müssen. Bis September läuft die Registrierungsphase, dann soll das Projekt starten.

Die App hat Brinkrolf nach seinen Vorstellungen programmieren lassen: "Wir haben uns vorher ähnliche Systeme aus Ländern wie Dänemark oder Italien angeschaut und dann die für uns am besten geeigneten Funktionen kombiniert. Außerdem haben wir einige neue entwickelt."

Für den Disponenten in der Leitstelle sei vor allem wichtig, dass er sofort eine Rückmeldung bekomme, dass der Retter sich wirklich auf den Weg macht." Die Benutzeroberfläche der App erinnert entfernt an die Dating-App Tinder. Wer eine Einsatzmeldung bekommt und sie nach rechts aus dem Bildschirm wischt, signalisiert der Leitstelle: Ich mache mich auf den Weg. Wer nach links wischt, bedeutet: Bei mir geht es gerade nicht oder ich bin zu weit weg.

Schon vor dem Start gab es Kritik an der App. Schließlich wirft das System unbequeme Fragen auf. In Mecklenburg-Vorpommern zieht sich der Staat mit seinen Institutionen wie Behörden, Polizei und Gerichten seit Jahren aus der Fläche zurück. Auch Krankenhäuser sind von dem Kahlschlag betroffen. Droht also jetzt bei den Ärzten die nächste Einsparrunde? Darf man wirklich im großen Stil auf Ehrenamtliche zurückgreifen, wenn es um die Notfallversorgung geht? Führt ein Telenotarzt nicht zwangsläufig dazu, dass Notärzte nicht mehr an den Ort des Geschehens geschickt werden, was unzweifelhaft besser wäre als eine Telefonverbindung?

Brinkrolf kann die Kritik nur bedingt verstehen. "Wer sich unser Projekt genauer anschaut, sieht doch schnell, dass wir hier etwas auf- und nichts abbauen." Durch die App steige sogar die Wahrscheinlichkeit, das Leben gerettet werden."Wir wissen, dass bei Herz-Kreislauf-Stillstand schon nach drei bis vier Minuten die ersten Gehirnzellen absterben. Diese Zeitspanne reicht, um einen Ersthelfer in der Nachbarschaft zu alarmieren, aber niemals, um einen Rettungswagen in ein Dorf zu bringen. Wir schließen also eine Lücke, die es immer schon gab." Beim Telenotarzt sei es ähnlich: In seinem Landkreis gebe es 24 Rettungswachen mit Sanitätern, aber nur elf Notarzt-Standorte. Da sei es nur naheliegend, dass Sanitäter vor dem Notarzt vor Ort seien. "Ich bin selbst Notarzt aus Leidenschaft", sagt Brinkrolf. "Ich will mich doch nicht abschaffen."

Marie Mennig arbeitet für die Aachner P3 Group. Das Unternehmen hat die App entwickelt und liefert auch das Telenotarzt-System. Sie sagt: "Ich bin die Kritik inzwischen ein bisschen leid." Menning kann Erfahrungen aus dem Raum Aachen verweisen. Dort existiert ein Telenotarzt-System bereits seit 2014. 20 Ärzte sind dort im Schichtbetrieb im Einsatz, 7.500 Telenotarzt-Einsätze haben sie absolviert. "Die Telenotärzte greifen in Fällen ein, bei denen sich erst vor Ort herausstellt, dass ein Notarzt gebraucht wird", sagt Mennig: "Dann ist er für den Sanitäter vor Ort auf Knopfdruck zur Stelle. Das spart wertvolle Zeit."

Ein weiteres Szenario sei der Fall, in dem alle echten Notärzte gerade einen Einsatz haben. "Das ist selten, aber es kommt vor." Dann kann es helfen, wenn der Notarzt zugeschaltet wird. Zumal eben nicht bloß telefoniert werde, sondern sämtliche Vitaldaten des Patienten und bei Bedarf auch ein Videobild in Echtzeit an den Telenotarzt übertragen würden. Diese Technik komme ab Herbst auch in Vorpommern zum Einsatz.

Dirk Scheer ist Sozialdezernent des Landkreises Vorpommern-Greifswald. Er hat sich daran gewöhnt, dass Kritiker argwöhnen, er wolle bloß Geld sparen. "Es stimmt nicht", sagt er. "Es geht darum, die Notfallversorgung aufrecht zu erhalten und dafür zu sorgen, dass Versorgungsnachteile ausgeglichen werden, die auf dem Land nun einmal entstehen."

Wie viele Kommunalpolitiker auf dem Land erlebt Scheer, dass ganze Regionen seines Landes ausbluten. Die Bevölkerung Mecklenburg-Vorpommerns schrumpfte von 1990 bis 2016 von 1,92 Millionen auf 1,6 Millionen. Die über 300.000 Menschen, die verschwanden, gingen vor allem den Dörfern und Kleinstädten verloren. Dort ist der Altersdurchschnitt seither in die Höhe geschnellt. Das Landrettungsprojekt versteht Scheer deshalb nicht nur als Beitrag zur Rettung von Menschen auf dem Land. Er hofft auch, dass es das Land selbst rettet.

Von diesen Orten haben unsere #D17-Reporter bereits berichtet

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