Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Heiko Düring ist ein Kleinstadt-Hippie. Erkundigt man sich in seiner Heimat nach ihm, nicken alle: Klar, Heiko, der bunte Hund, der Typ mit der Kultur in Bischofswerda. Er selbst sagt über sich: "Ich bin der letzte Pilz im Wald." Finden kann man Heiko Düring am Stadtrand, zwischen blankgepflastertem Aldi-Parkplatz und verwildertem Bahnhofsgelände.

Dort steht sein Eastclub, mit schwarzer Fassade und Plastikfratzen am Eingang – eine Instanz im Osten, vor allem in Ostsachen. Kleine Combos aus der Umgebung haben hier angefangen, große Bands aus der ganzen Welt auf ihren Tourneen Halt gemacht. Die Jugend aus der Gegend fand im Club mit den durchgesessenen Sofas ihr Wohnzimmer, unzählige Schuljahrgänge feierten hier. Früher war der East, wie ihn alle nennen, eine der ersten Adressen weit und breit. Heute ist es eine der letzten in der Gegend. Es ist schwer, in der Pampa mit Kultur zu überleben. Der Clubchef kann davon viele Geschichten erzählen.

Heiko Düring ist ein ewiger Kindskopf von 47 Jahren. Sein Motto: "Naivität ist doch oft viel besser als Erfahrung." Zerzauste Locken, kurze Jogginghose, Trekkingsandalen, ein Hemd über der mittelgroßen Plautze. Irgendwann im Laufe dieses hochsommerheißen Tages wird er das Hemd schwitzend ins Auto schmeißen und seine Geschäfte halbnackt erledigen, auch wenn einige Leute, die er trifft, mit den Augen rollen: "Mensch Heiko, kannste dir nicht was anziehen?" Der aber grinst und entgegnet: "Heiko ist doch einer der schönsten ostdeutschen Vornamen. Heiko wie: Heißer Koffer!"

Düring war schon immer anders als die anderen. Das gilt auch für seine Autos. An diesem Tag bleibt sein blauer Ford Transit, älteres Modell, in jeder fünften Kurve stehen. Eigentlich will Düring die jährliche Beachparty im Bischofswerdaer Freibad vorbereiten, immer noch ein Bestseller im East-Jahresprogramm, vorausgesetzt es regnet nicht. Er müsste jetzt eigentlich Limetten für Cocktails besorgen, einen Bierwagen abholen und in der Nachbarstadt zehn künstliche Palmen, übriggeblieben von der Landesgartenschau. Stattdessen kramt er im Durcheinander seines Wagens, zieht Werkzeug unter den Sitzen hervor, schraubt hier und dort herum, mit erstaunlich guter Laune.

Früher, in einem anderen Leben, hat er mal Schlosser gelernt. "Bei der Schlosserei geht‘s um Fehlerortung und Ursachenforschung", murmelt er, halb im Motorraum. "Das ist das Gleiche wie bei der Kultur und der Jugend. Es bringt nichts, sinnlos drauflos zu fummeln. Man muss richtig analysieren und die Fehler finden." Er schnauft kurz durch und stürzt sich auf den Dieselfilter. Nach ein paar Minuten springt das Auto tatsächlich an. Düring jubelt: "Jetzt können wir um die ganze Welt fahren!"

In Kleinstädten fehlen Querköpfe und Ideen

Seine Welt sind vor allem die Landstraßen in der Lausitz. Überall hängen dort die East-Plakate, Ankündigungen in Neonfarben, die schon fast zur Landschaft gehören. Die Hall of Fame des Clubs ist groß. Placebo, Element of Crime, Phillip Boa, Kraftklub. Einige haben bei ihm gespielt, bevor sie richtig bekannt wurden. Andere kommen immer wieder, weil sie den Club und seine Mannschaft schätzen. Die Renner bisher in diesem Jahr: ein Gig der Ostblockschlampen, ein DJ-Duo aus Sachsen – über die Plakate mit diesem Namen waren einige Rentner in den umliegenden Dörfern gar nicht begeistert – und ein Konzert der Antilopengang, nahezu ausverkauft. "Die wollen auch wiederkommen, weil sie es bei uns so abgefahren finden", sagt Düring.

Viele solcher Geschichten kann er nicht mehr erzählen. Von Jahr zu Jahr werden es weniger Veranstaltungen, weil immer weniger Leute kommen. Ein Teufelskreis, typisch für die Provinz. Ursachen gibt es etliche. Subkultur, sagt Düring, das seien heute eher Smartphones als kleine Livekonzerte. Wenn die Jugend irgendwo rumhängt, dann seltener in Clubs wie seinem. Eher an der Tanke oder zu Hause.

Besucherzahlen und Umsatz im East sinken kontinuierlich. "Es ist zum Heulen", sagt der Chef. Und meint damit auch den drastischsten Faktor, der sich auf seinen Club auswirkt: Die Jugend verlässt das Land scharenweise, zieht in Großstädte oder andere Länder. Bei jeder Schulabschlussfeier in seinem Club weiß Düring, dass er die meisten so bald nicht wiedersieht. Die Talente aus seinem letzten DJ-Workshop hat er gerade nach Kanada verabschiedet.

Verübeln kann er das niemandem. "Man muss auch mal raus aus der Provinz, was anderes sehen." Trotzdem, findet er, fehlt in Kleinstädten wie Bischofswerda immer mehr: Ideen, Querköpfe, andere Lebensentwürfe, nicht nur die der älteren Leute. "Es ist wichtig, dass es solche Typen wie mich auf dem Land noch gibt. Wir haben ja eine Wirkung auf die anderen. Die sollen wissen, dass noch andere Denk- und Lebensweisen existieren."