Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

Weitere Informationen über das Projekt #D17

Antje Grothus blickt in ihrem Garten hinauf in die grüne Krone des Walnussbaumes, die sanft im Wind wiegt. "Hören Sie das?" Sie meint das Grundrauschen aus dem Off. Etwa 900 Meter entfernt führt die A4 jetzt vorbei, die Autobahn wurde vor drei Jahren eröffnet. "Sechsspurig, schnurgerade, eine Rennstrecke", sagt Grothus.

Früher verlief die Straße, die Köln mit Aachen verbindet, mehrere Kilometer weiter entfernt. Dann musste das Teilstück dem Braunkohletagebau weichen und wurde direkt an den Ortsrand von Kerpen-Buir verlegt, neben die Trassen der Deutschen Bahn und der Hambach-Bahn, die innerhalb von 24 Stunden 299 Mal an Buir vorbeirattert, um in rostigen Waggons frisch geförderte Braunkohle vom Tagebau zum Kraftwerk zu transportieren. Jeden Tag.


Die Aktivistin Antje Grohus © Marcus Simaitis für ZEIT ONLINE

Der Bau der Autobahn war einer der Gründe, aus denen sich Grothus vor zehn Jahren dem Braunkohlewiderstand anschloss. Mit anderen Bürgern gründete sie im Rhein-Erft-Kreis, dem Kerngebiet des Braunkohlereviers Rheinland, die Initiative Buirer für Buir. Es gehe darum, sich vom großen Essener Konzern RWE nicht alles gefallen zu lassen und für Gerechtigkeit einzustehen, sagt sie. "Uns wurde klar, dass wir ein Gegengewicht setzen mussten", sagt Grothus. "Nicht nur wegen des Lärms, sondern vor allem wegen der Menschen, die ihre Heimat verlieren, und wegen der irreparablen Umweltschäden, die RWE mit dem Abbau eines schmutzigen Energieträgers anrichtet."

RWE betreibt für den Abbau der Braunkohle eine gewaltige Maschine. Etwa elf Milliarden Tonnen haben der Konzern und seine Vorgängergesellschaften in den vergangenen 100 Jahren gefördert. Heute pusten die fünf Kraftwerke jährlich 81 Millionen Tonnen Co2 in die Luft. In den drei Tagebauen Inden, Hambach und Garzweiler II nagen Bagger, so hoch wie siebenstöckige Häuser, bis zu 450 Meter tiefe Löcher in die Landschaft. Bis zur Mitte des Jahrhunderts sollen sie weitere 2,4 Milliarden Tonnen Braunkohle aus der Erde graben.

Ein ökologischer Albtraum, sagen Umweltverbände und Aktivisten.

Der Kampf für und wider die Braunkohle wird im Revier Rheinland seit Jahrzehnten ausgefochten. Es geht um zwei zentrale Fragen: Wie sinnvoll ist es, noch Braunkohle zu fördern, wo Deutschland doch beim Ausbau erneuerbarer Energien weltweit ganz vorn sein will? Und: Wie weit darf der Widerstand dagegen gehen? 

Vom 18. bis 29. August finden in der Region zahlreiche Klimacamps statt, Braunkohlegegner begehren mit Workshops und Demos gegen RWE und seine politischen Unterstützer auf. Ende Gelände nennt sich einer der Veranstalter, das Bündnis plant zivilen Ungehorsam, eine Blockade. "Mit unseren Körpern werden wir die Braunkohleinfrastruktur blockieren und wenn möglich die Kraftwerke von der Versorgung abschneiden", kündigt Janna Aljets an, Sprecherin des Bündnisses, das dem Konzern RWE bei dessen Jahreshauptversammlung im April ein Ultimatum gestellt hat: Bis 23. August müsse RWE aus der Braunkohle-Verstromung aussteigen. "Da der Konzern bislang keine Anstalten gemacht hat, werden wir kommen müssen", sagt sie. Bis zu 6.000 Teilnehmer erwartet Ende Gelände, alle seien sich einig, wie der Protest ablaufen solle: "Ruhig, besonnen. Die Unversehrtheit aller Beteiligten hat oberste Priorität."

Doch die Polizei ist besorgt. Die G20-Proteste in Hamburg liegen erst kurze Zeit zurück. Es sei von schweren Straftaten auszugehen, sagte der Aachener Polizeipräsident in einem Interview. Es gebe eine Schnittmenge zwischen den Krawallmachern, die im Schanzenviertel Autos abgefackelt und Läden geplündert haben und einigen Klimaaktivisten. Noch am Montag appellierte er per Videobotschaft an die Protestbewegungen, friedlich zu bleiben und den Dialog zu suchen.

Bilder wie aus Hamburg wollen Polizei und Politik unbedingt verhindern. Seit Wochen verschicken die Behörden Briefe an die Veranstalter. Unter den Adressaten ist auch die Initiative Buirer für Buir. "Sie haben es mit in der Hand, wie intensiv ein Austausch und eine Zusammenarbeit zwischen Ihnen und der Polizei Aachen gestaltet werden können", heißt es in dem Schreiben.

Braunkohle - “Wir wissen nicht, wo wir danach leben werden” Gegen den Braunkohleabbau von RWE: Drei Aktivisten erklären, warum der Tagebau nicht nur der Umwelt schadet, sondern ihre eigenen Lebensumstände bedroht. © Foto: Christian Parth

"Die Stimmung ist aufgeheizt", sagt Grothus. "Aber hier wird ein falsches Bild vermittelt und Panikmache betrieben. Der Widerstand wird nicht mehr differenziert wahrgenommen, sondern im Grunde pauschal kriminalisiert", sagt die 53 Jahre alte Katholikin. "Wir haben mit Randalierern nichts zu tun. Wir wollen einen friedlichen und bunten Protest."

Viele Dorfbewohner, das weiß auch Grothus, haben Angst vor Ausschreitungen. Die Jugendabteilung des BUND wollte ihr Camp for Future im Grundschulpark aufschlagen, die Gemeinde hat abgelehnt. In einem Leserbrief an die lokale Zeitung schrieb die Schatzmeisterin der örtlichen CDU, was sie von dem Protest hält: "Wer glaubt denn ernsthaft, dass partygeile und spaßbesessene Jugendliche unseren Park sauber und ohne Schäden an Bäumen, Sträuchern und Gebäuden wieder verlassen??" Auch in den sozialen Netzwerken werde gegen die Braunkohlegegner gehetzt. Sie selbst, erzählt Grothus, sei schon als Hexe bezeichnet worden, der man vielleicht mal einen Besuch abstatten sollte.