Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Die weißen Säulen des Merkur-Tempels, die sich dekorativ im See spiegelten, sind nicht mehr zu sehen. Dafür hockt auf dem anderen Ufer des dunklen Wassers, im Schatten der Trauerweiden und Hängebirken, eine sandsteinerne Sphinx. Dort lagern die Gebeine des Herzogs, der ein Illuminat war. Sie wurden vor mehr als 200 Jahren einfach verscharrt, ohne Sarg, Grabstein oder Gruft.

"Er wollte es so", raunt ein Mann in dunklem Anzug und rotem Schlips durch den Regen. Die Gruppe bunt beschirmter Menschen, die sich um ihn versammelt hat, starrt ins dunkle Grün des Mysteriengartens. Fast alle sind Rentner, die meisten stammen aus der Gegend, einige aber sind von weiter her angereist. Zuletzt, sagt Matthias Hey, der Mann mit der roten Krawatte, kam sogar ein Ehepaar extra aus Basel in den Schlosspark zu Gotha. "Der Mann war richtig illuminatenverrückt."

Ein bisschen lässt sich das auch über Hey sagen, selbst wenn ihm, wie er leise murmelt, die Illuminaten "langsam zum Hals heraus hängen". Seit acht Sommern führt er nun schon Menschen durch die Parkanlagen, an drei Abenden in der Woche, zum Ruhm seiner Stadt und zum Wohl der Illuminatenforschung. Bis zu 6.000 Euro, sagt er, werbe er damit im Jahr an Spenden ein.

Nicht einfach nur ein Park

So handelt diese Geschichte nicht bloß davon, wie der bekannteste Geheimorden der Neuzeit in der thüringischen Provinz sein Zentrum fand. Sie erzählt auch von den Mühen eines Mannes, die Welt ein wenig klüger, besser und aufgeklärter zu machen.

Der neuere Teil der  Geschichte beginnt, als 2009 die Orangerie nahe dem Schloss Friedensstein brennt. Matthias Hey, damals Finanzdezernent der Stadt, hat kein Geld zur Sanierung. Ihm kommt die Idee, den Parkführer zu geben. Seine Großmutter, die den letzten Herzog noch kannte, hatte dem Enkel oft von den Illuminaten erzählte. Also setzt er sich in die Forschungsbibliothek und liest über Fürsten und den mysteriösen Garten, den er bis dahin für einen normalen Park gehalten hatte.

Hey inspiziert die Sichtachsen, die dafür sorgen, dass der Blick immer wieder neu von Bäumen und Gebüsch verstellt wird und die Orientierung verunmöglicht. Er findet heraus, warum die kleine Insel, auf der die fürstlichen Gebeine modern, vom Ufer des Sees an keiner Stelle als solche erkennbar ist. "Die Illuminaten liebten einfach ihre Geheimnisse."

Geheime Akten

Die Führung, die er daraus entwickelt, ist sofort ausgebucht. Das liegt wohl auch daran, dass damals gerade der Film zum Buch Illuminati in die Kinos kommt. In seiner Kolportage hatte Dan Brown alles, was an finsteren Legenden und hanebüchenen Verschwörungstheorien zu dem Geheimorden existiert, zusammen mit eigener Fantasie und historischen Verzerrungen zu einem leicht verdaulichen Actionbrei vermengt, inklusive Brandmale, grausamer Morde und explodierender Antimaterie. Bei ihm sind die Illuminaten der Kern einer gigantischen globalen Verschwörung.