ZEIT ONLINE: Herr Hansen, wenn der IS für den Anschlag verantwortlich ist, warum hat er sich Spanien ausgesucht?

Stefan Hansen: Noch ist fraglich, ob der IS tatsächlich den Anschlag beauftragt hat. Es gab dort wohl eine islamistische Zelle in Barcelona, aber die muss nicht vom IS gesteuert worden sein. Sie könnte sich auch selbst radikalisiert haben. Unabhängig davon ist es aber nicht überraschend, dass der IS den Anschlag für sich reklamiert. Das macht er fast immer.

ZEIT ONLINE: Aber warum Spanien?

Hansen: Spanien ist ein Ziel von vielen. Es gab tatsächlich Twitter-Posts von IS-Anhängern, die zu einer Rückeroberung der im Mittelalter muslimisch geprägten iberischen Halbinsel aufgerufen haben – als Reconquista von Al-Andalus. Es hätte meines Erachtens aber auch irgendeinen anderen Ort treffen können, an dem viele Touristen Urlaub machen. Das haben wir ja schon in Frankreich erlebt.

Der IS versucht den Westen einfach dort zu treffen, wo er verletzlich ist. Sie haben unseren westlichen, liberalen Lebensstil im Blick und wollen uns Angst machen. Dafür nutzen sie auch die geballte Wirkung der Berichterstattung: Die Bilder von Verletzten und Toten in einem Ort, den man für sicher hielt, gehen um die ganze Welt.

ZEIT ONLINE: Gibt es in Barcelona eine aktive Islamistenszene?

Hansen: Ja. In der Stadt leben viele Salafisten, die sich radikalisiert haben und ständig neue Mitstreiter mobilisieren. Es wurden in der Vergangenheit auch schon mehrere Anschläge vereitelt. Der amerikanische Geheimdienst CIA hat ganz konkret vor Anschlägen auf La Rambla gewarnt. Aber es ist sehr schwer, sich davor zu schützen. Gerade wenn die Taten mit so einfachen Mitteln wie einem Transporter begangen werden. Man kann nicht alle öffentliche Plätze auf der Welt mit Betonriegeln versperren.

ZEIT ONLINE: Ist die Salafistenszene in Spanien in den vergangenen Jahren größer geworden?

Hansen: Ja, aber auch das ist keine rein spanische Entwicklung. In vielen europäischen Großstädten passiert genau das. Dort existieren geschlossene Subkulturen, die kaum Kontakt zum Rest der Bevölkerung haben.

ZEIT ONLINE: Wer ist in Spanien anfällig für eine islamistische Radikalisierung?

Hansen: Die Zahl der Muslime ist in Spanien vergleichsweise niedrig. Aber die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch, viele junge Menschen haben keine Perspektive. Das macht Religion als Fluchtpunkt attraktiv. In Teilen ist der radikale Islam zu einer Art Jugendkultur geworden.

ZEIT ONLINE: Einer der mutmaßlichen Attentäter kommt aus Melilla, wo es viele Islamisten gibt. Warum hat diese Stadt sich so entwickelt?

Hansen: Sowohl Melilla als auch die andere spanische Exklave Ceuta fühlen sich vom spanischen Kernland abgehängt. In Melilla sind viele Jugendliche arbeitslos und deshalb für radikale Prediger anfällig, die dort sehr aktiv sind. Sowohl der IS als auch die frühere Al-Nusra-Front, die sich 2016 in Dschabhat Fatah asch-Scham umbenannt hat, versuchen in Melilla, mit ihrer Ideologie Nachwuchs für sich zu gewinnen.