Wenn Ende September der neue Bundestag gewählt wird, dürfen 61,5 Millionen Menschen ihre Stimme abgeben. Arme und Reiche, Junge und Alte, Rechte und Linke. Stadtmenschen, Landmenschen, Unternehmer, Angestellte, Studenten, Pastoren und Rentner. In unserer Serie Diese Wähler stellen wir einige von ihnen vor. Wir möchten wissen, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind, was sie umtreibt und was sie sich wünschen. Und vor allem: Was soll sich ändern in Deutschland? Bei uns sprechen die Wähler schon vor der Wahl. Heute: Eva Esche, Pfarrerin aus Köln.

Wer sind Sie und was machen Sie?

Mein Name ist Eva Esche, ich bin 58 Jahre alt und Pfarrerin in der Evangelischen Gemeinde Köln. Seit knapp 20 Jahren bin ich im Pfarrberuf. Davor war ich Arzthelferin, habe später mein Abitur nachgemacht und dann studiert. Ich bin auch eine sogenannte Konvertitin: Ich bin mit 30 vom katholischen zum evangelischen Glauben übergetreten. 

Eva Esche bekleidet sich mit ihrem Talar. © Ben Kilb für ZEIT ONLINE

Was treibt Sie gerade um?

Die große Schere zwischen Arm und Reich. Selbst in diesem relativ gut situierten, fast reichen Agnes-Viertel wohnen viele Familien und auch alte Menschen, die echt wenig Geld haben. Es ist vor allem die Altersarmut: Meist betrifft sie Frauen, die allein leben. In den Wohnungen wird oft nur ein Raum mit Briketts beheizt, also mit einem Ofen, die anderen Räume sind meistens kalt. Die Menschen leben oft sogar unter dem Sozialhilfesatz, weil sie es nicht schaffen, die Anträge zu stellen und dann keine Unterstützung kriegen oder sie sich zu sehr schämen, um Hartz IV zu beantragen. Deshalb haben wir einen Fonds eingerichtet. Aus dem Fonds finanzieren wir Fahrten oder mal einen neuen Kühlschrank. Für diesen Fonds gibt es eine große Spendenbereitschaft, was mich sehr freut. Das Zweite ist die enorme Verschwendung von Lebensmitteln. Wir haben eine Menge an Lebensmittelrettern in unserer Gemeinde, die abgelaufenes Brot, Salat, Gemüse, Joghurts vor dem Müll retten. Immer dienstags verteilen wir die Lebensmittel. Da kommen mittlerweile Leute aus ganz Köln. Es gibt wirklich Menschen, die sind froh, wenn sie ein Brot geschenkt bekommen. 

Eva Esche im Kirchensaal der Thomaskirche © Ben Kilb für ZEIT ONLINE

Wie zufrieden sind Sie mit ihrem Leben in Deutschland?

Eigentlich sehr zufrieden. Ich bin ja nun auch auf der Sonnenseite. Ich bin wirtschaftlich unabhängig, habe eine große Familie: Vier Söhne und Enkelkinder. Wir können gut leben, Urlaub machen, unsere Freizeit gestalten, ins Theater oder die Philharmonie gehen.

Ich persönlich habe auch sehr vom Sozialstaat profitiert. Ich war einige Jahre allein erziehend mit den ersten zwei Kindern, da war ich auf Unterstützung angewiesen, zum Beispiel Wohngeld. Ich habe auch elternunabhängiges Bafög bekommen und konnte so auf dem zweiten Bildungsweg mein Abitur nachmachen und studieren. Das ist einfach großartig.

Ein Kreuz im Büro der Kölner Pfarrerin Eva Esche © Ben Kilb für ZEIT ONLINE

Hat sich Deutschland Ihrer Meinung nach verändert und wenn ja, wie?

Deutschland hat sich, denke ich, sehr zum Positiven verändert. Es ist ja in den vergangenen Jahrzehnten ganz viel passiert: die Demos gegen Atomkraft, die Bürgerbewegung, die Friedensbewegung. Dann kamen die Grünen. Endlich eine Partei, wo wir sagen konnten: Die können wir wählen. Greenpeace entstand. Selbst der Kalte Krieg ging vorbei. Oder wie wir jetzt versuchen, die Sache mit den Flüchtlingen zu lösen. Wir bieten hier Kirchenasyl, schon seit 2010. Wir hatten bis vor Kurzem eine fünfköpfige Familie hier, die jetzt in eine Wohnung gezogen ist. Zumindest für ein Jahr. Wir haben enorm viel Hilfsbereitschaft erlebt in der Gemeinde. Wir sind als Kirchengemeinde nicht isoliert, die Bürger engagieren sich selbst. Wir haben Deutschkurse angeboten, die Kinder haben alle miteinander gespielt, die Flüchtlingskinder waren im Kindergarten. Es ist lobenswert und großartig, dass sich so viele Menschen in ganz Deutschland engagieren. 

"Da kommt noch viel mehr auf uns zu"

Eva Esche trinkt Kaffee mit Mitarbeitern der Thomaskirche in Köln. © Ben Kilb für ZEIT ONLINE

Was soll sich in Deutschland ändern?

Ich hab gar nicht das Gefühl, dass Deutschland sich ändern muss. Es muss sich weiterentwickeln, auf neue Probleme neue Antworten finden. Es gibt in Deutschland wirkliche Mammutprobleme, auch durch die Flüchtlingskrise. Das wird sich nicht ändern. Wer in Afrika hungert oder keine Chance auf Frieden hat, kommt halt. Wer sagt denn, dass Deutschland den Deutschen gehört? Das ist ein Stück Land, das bewirtschaftet werden muss, damit die Menschen leben können. Ich glaube, da kommt noch viel mehr auf uns zu. Politisch müssen Lösungen gefunden werden, die vor allen auf Bildung zielen. Bei der Altersarmut muss auch was gemacht werden. Die Renten für Frauen müssen erhöht werden. Unsere Großmütter waren in der Regel noch nicht berufstätig. Das war eben so, aber sie haben Großartiges geleistet: nämlich meistens die Kinder großgezogen. Und jetzt leben sie in Armut.

Eva Esche mit ihren Enkelkindern auf dem Areal der Thomaskirche © Ben Kilb für ZEIT ONLINE

Was beeinflusst Ihre Wahlentscheidung?

Ich werde wohl eine Partei wählen, die die besten Antworten auf die Flüchtlingsfrage hat. Wie gehen wir mit den Menschen um? Welche Haltung haben wir zu ihnen? Und was können wir wirklich tun, damit Integration gelingt? Irgendwie muss das gelingen. Wobei meine Haltung da sehr positiv ist. Wie viel Mut hat eine Partei, dieses Problem anzugehen und dafür wirklich Antworten zu finden, die eben auch kosten? Und wo nehmen wir dieses Geld her? Gerne von den Reichen. Gerne von mir. Ich zahle gerne Steuern, das sage ich immer wieder. Ich habe davon profitiert, eine gute Ausbildung finanziert bekommen zu haben. Ich und meine Kinder, wir haben alle gute Ausbildungen gehabt. Also kann ich auch wieder was zurückgeben.

Eva Esche genießt ihren Kaffee an ihrem Lieblingsplatz auf dem Areal der Thomaskirche in Köln. © Ben Kilb für ZEIT ONLINE

Was wünschen Sie sich für ihr Leben?

Noch viele Jahre mit meinem Mann. Und reisen möchte ich gerne. Ich möchte Europa kennenlernen. Mich treibt es gar nicht so sehr nach Übersee. Wir haben jahrelang Fahrradtouren gemacht. Ich bin schon nach Santiago de Compostela geradelt, das war 2008, und ich bin mit dem Rad nach Marseille. Immer mit meinem Zelt und immer unterwegs, auch viele Wochen alleine. Ich wünsche mir natürlich Zeit für meine Enkelkinder. Und beruflich, da habe ich überlegt, ob ich noch mal was anderes mache. Aber ich glaube, ich bleibe Pfarrerin, solange ich kann.