Niedersachsen ist ein einziger Kartoffelacker, heißt es von manchen. Und was stimmt: Es gibt wenige Ballungszentren und viel, viel Provinz. Außerdem werden viele Tiere gehalten, Masthähnchen und Mastschweine gibt es im Bundesschnitt hier am meisten. Neben Schweinen und Kartoffeln kommt Hightech: Volkswagen ("Wenn Volkswagen hustet, hat Niedersachsen eine Grippe", sagt man im Norden) und die Computermesse CeBIT. In Papenburg werden Kreuzfahrtschiffe gebaut. Und auf den Äckern stehen mehr als 6.000 Windräder, die jährlich gut 9.800 Megawattstunden produzieren. Deutschlandweit ein Spitzenwert. Soweit zum Image.

Doch was ist mit Niedersachsens Kultur?

Gibt es auch, ein bisschen. Gebürtiger Niedersachse ist zum Beispiel Erich Maria Remarque aus Osnabrück, einer der meistgelesenen deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts. Sein pazifistischer Roman Im Westen nichts Neues wurde sogar in Hollywood verfilmt. Aus Linden bei Hannover ist die Philosophin Hannah Arendt. Rainer Maria Rilke lebte in Niedersachsen – wenn auch nur kurz. Von 1900 bis 1902 wohnte er in einer Künstlerkolonie in Worpswede, wo auch die Expressionistin Paula Modersohn-Becker malte.

Hochkulturell war's das größtenteils. Dafür gibt es eine relativ hohe Dichte an zeitgenössischen Stars und Sternchen aus Niedersachsen: Der Komiker Otto Waalkes kommt aus Emden, Dieter Bohlen aus dem Dorf Berne. Für die Jüngeren gibt es TV-Moderator Klaas Heufer-Umlauf aus Oldenburg und Lena Meyer-Landrut aus Hannover. Auch Wilhelm Busch ist Niedersachse. Und nicht zu vergessen: Herbert Grönemeyer. Der lebte in Göttingen, bevor er Nummer-Eins-Hits über Ruhrgebiet-Städte schrieb. Ein paar Politstars hat Niedersachsen auch noch zu bieten: Außenminister Sigmar Gabriel, die halbe frühere SPD-Elite und der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff kommen von hier.

Die Landeshymne: "Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen." Die inoffizielle Hymne kennt jedes Kind, komponiert und getextet von Hermann Grote um das Jahr 1926. Sport- und Schützenvereine und die freiwilligen Feuerwehren mögen es. Andere finden es zu martialisch, zu antikatholisch. Es gibt Punk- und Popversionen und auch der Volksmusiksänger Heino hat schon eine Variante aufgenommen. Und mindestens einmal erklang es sogar in China: Bei einem gemeinsamen Besuch in Shanghai stimmten der damalige Ministerpräsident Niedersachsens, David McAllister (CDU), und der damalige Oberbürgermeister von Hannover, Stephan Weil (SPD), das Lied an.

Der Landesslogan: Bis zum vergangenen Jahr lautete der: "Sie kennen unsere Pferde. Erleben Sie unsere Stärken." Doch zum 70. Geburtstag des Landes gönnte sich die rot-grüne Landesregierung einen neuen Claim – "Niedersachsen. Klar." Alleine die Beratung für den Slogan durch eine Agentur kostete die Staatskanzlei knapp 46.000 Euro, hinzu kommt noch die Vermarktung. Die Opposition sprach schon vom teuersten Wort der Landesgeschichte und fragte: "Was hätten wohl zwei Wörter gekostet?" Am Ende war die Aufregung so groß, dass sogar ein Untersuchungsausschuss einberufen wurde. Das Schöne daran: Auch die durchgefallenen Slogans wurden so öffentlich. Zum Beispiel "Niedersachsen. Ein Land für Leute." Begründung: "Könnte jedes Land von sich sagen." Auch "Niedersachsen. Ganz weit oben" fiel durch. Geografisch sei dies zwar richtig, aber als weit oben im Länderranking gilt Niedersachsen "gemeinhin nicht", hieß es zur Begründung.       

Und die Politik?

Die derzeitige Regierung: Die SPD von Ministerpräsident Stephan Weil regiert gemeinsam mit den Grünen. Seit Gründung des Landes stellte die SPD etwa 46 Jahre den Ministerpräsidenten, die CDU 24 Jahre.

Warum Neuwahl? Weil die Grünenabgeordnete Elke Twesten zur CDU übertrat, verlor die rot-grüne Koalition ihre Parlamentsmehrheit. Deshalb wird neu gewählt. Regulärer Wahltermin wäre im Januar gewesen. 

Was sagen die Umfragen? Anfang August sah es noch nach einem klaren Sieg der CDU von Spitzenkandidat Bernd Althusmann aus. Doch den Acht-Punkte-Vorsprung hat die CDU verloren, die SPD von Stephan Weil hat sich leicht verbessert. Bekommt weder Rot-Grün noch Schwarz-Gelb eine Mehrheit, bleiben rechnerisch nur eine große Koalition aus SPD und CDU, die es in Niedersachsen zuletzt 1970 gab, oder Dreierbündnisse: Jamaika oder Ampel. Die AfD wird voraussichtlich in den Landtag kommen, ebenfalls die Grünen und die FDP. Für Die Linke wird es mit der Fünfprozenthürde eng.  

Themen im Wahlkampf: Wie fast immer bei Landtagswahlen: Die Schulpolitik. Darüber hinaus mehr Polizisten, erneuerbare Energien und die Förderung der Landwirtschaft. 

Die harten Fakten:

  • Einwohner: Mit 7,8 Millionen steht Niedersachsen unter den Bundesländern an vierter Stelle. 6,1 Millionen Menschen sind in den 87 Wahlkreisen wahlberechtigt.
  • Landeshauptstadt: Hannover
  • Fläche: Mit 47.000 Quadratkilometern das zweitgrößte Bundesland nach Bayern.
  • Demografische Entwicklung: Derzeit wächst die Bevölkerung durch Zuzug aus dem Ausland, bis 2022 soll das anhalten, bis 2035 wird die Schrumpfung einsetzen. Darüber hinaus ist es hier wie fast überall in Deutschland: Die Menschen konzentrieren sich zunehmend in den Städten. Auf dem Land muss man froh sein, wenn noch ein Bus fährt.    
  • Wirtschaftsleistung: Unter den Flächenländern liegt Niedersachsen mit 33.000 Euro pro Kopf und Jahr im Mittelfeld, der Deutschland-Schnitt beträgt 37.000 Euro. Auch bei der Kaufkraft ist das Land eher arm dran: Von den zehn Kreisen mit der größten Kaufkraft liegt keiner in Niedersachsen.

Was in Niedersachsen schlimm ist:

Dreckige Autos: Der Konzern hat jahrelang Dieselfahrzeuge so manipuliert, dass sie nur auf dem Prüfstand die Abgasgrenzwerte einhalten, nicht aber auf der Straße. Kostenlose Softwareupdates sollen den Betrug am Kunden und an der Umwelt beenden – ein fauler Kompromiss von zweifelhafter Wirkung, wie Umweltverbände meinen. Mittlerweile wird gegen den Ex-Konzernchef ermittelt.

Pannen-Partei: Wenn Alexander Gauland Recht hat mit seiner Einschätzung, die AfD sei ein "gäriger Haufen", dann trifft das hier auf jeden Fall zu. Spitzenkandidatin Diana Guth liegt über Kreuz mit Landeschef Armin-Paul Hampel, dessen Wohnräume die Polizei vor wenigen Tagen durchsuchte – es geht um Betrugsverdacht. Um ein Haar war die Anmeldung der AfD zur Landtagswahl schiefgegangen, weil sich zwei vermeintliche Eingangsbestätigungen des Landeswahlleiters als Fälschung erwiesen. "Verglichen mit dem Anfangschaos bei den Grünen ist das bei uns harmlos", sagt einer der Beteiligten.     

Was toll ist:

Der Dialekt: Es gibt nämlich keinen. Jedenfalls nicht in Hannover. Dort wird, so sagen es die Hannoveraner selbst, das klarste Hochdeutsch gesprochen.   

Und sonst?

Sport auf großer Bühne: Hannover 96, VfL Wolfsburg und Eintracht Braunschweig. Die Frauenmannschaft des VfL Wolfsburg ist sogar momentan ganz oben an der Tabellenspitze. Ansonsten groß: Hannover 78 liegt aktuell auf Platz eins der deutschen Rugby-Liga.

Und abseits der großen Bühne? Natürlich Boßeln, der norddeutsche Volkssport. "Der Friese lernt zuerst das Laufen und dann das Boßeln", heißt es. Für alle Nicht-Niedersachsen, so geht's: Am liebsten im Winter auf einer lang gezogenen Straße mit einem Bollerwagen voller Schnaps, zwei Teams treten gegeneinander an. Ziel: mit möglichst wenig Würfen eine gewisse Strecke zurücklegen. Wird mit steigender Zahl Schnäpse schwieriger, so dass die Kugel häufiger im Schlot (norddeutsch für Graben) landet. Das Hobby-Boßeln endet in der Regel mit Grünkohl mit Pinkel – und mehr Schnaps.