Doch Religionen bieten nicht nur positive Aspekte. Zu oft hat die Geschichte das Gegenteil bewiesen. "Auch an unglücklich machenden Angeboten mangelt es in den Religionen nicht: ausgrenzende kollektive Identitätsmuster. Religionen sind ambivalent – sie können ermächtigen und auch versklaven", sagt Tavaszi. Wenn Menschen durch Religion in eine fundamentalistische Weltanschauung geraten, sich Regeln unterwerfen, die unfrei machen oder sich zu stark abgrenzen von den anderen, wird sowohl die Lebenszufriedenheit der Ausübenden als auch der Ausgegrenzten negativ beeinflusst.

Unter anderem deshalb verlieren Religionen seit Jahrzehnten Anhänger, zumindest in Deutschland. Die Zahl der Menschen, die Mitglied in einer institutionellen Religionsgemeinschaft wie der katholischen und der evangelischen Kirche sind, sinkt. Innerhalb der vergangenen 60 Jahre hat sich der Anteil von Katholiken und Protestanten an der deutschen Gesamtbevölkerung deutlich verringert. Noch 1956 waren rund 50 Prozent der Deutschen evangelisch, 2015 lag der Anteil bei 27 Prozent.

Auch viele Jahre nach der Aufklärung machen es die Bedingungen unserer Zeit, die Naturwissenschaften und der technische Fortschritt den Kirchen schwer, befriedigende Antworten zu liefern. Antworten auf die Fragen, bei denen Vernunft oft nicht mehr hilft. Einen weiteren Grund für den Rückgang der Kirchenmitglieder nennt Adrián Tavaszi: "In der westlichen Welt haben wir es mit der zunehmenden Tendenz zur Individualisierung zu tun." Es zählt der Einzelne, nicht die Gemeinschaft. Statt Erfüllung im Glauben suchen die Menschen nach Selbstverwirklichung in ihrer Arbeit und ihrer Freizeit. Der Glaube an einen Gott, an Himmel und Hölle, an Sünde und Vergebung bestimmt in unserer Gesellschaft nicht mehr das Leben der meisten Menschen.

Zufriedenheit durch Religion ist eine Gratwanderung, eine ewige Suche. Eine Suche, die für manche zum Lebensinhalt werden kann. Benjamin Weiß steht im Garten des Priesterseminars zwischen blühenden Rosen und duftendem Lavendel. Hinter ihm rauscht die Fontäne eines Brunnens. "Wenn man sich diesen Garten hier anguckt, soll das wirklich alles Zufall sein?" Benjamin schaut einer surrenden Biene hinterher. Für ihn ist klar: Gott muss das geschaffen haben. Auf seinem Weg zu Gott hat der 34-Jährige Theologie und Biologie studiert. Auch er ist einer dieser Jakobsweg-Pilgerer und er hat in seinem Glauben an Gott zu sich selbst gefunden. Deswegen will Benjamin nun Priester werden. Diese Entscheidung ist für seine Generation aber nicht selbstverständlich. Einen Lebensentwurf, der im Dienst Gottes und der katholischen Kirche steht, können viele nicht nachvollziehen. 

Denn immer weniger junge Menschen finden in der Institution Kirche überhaupt eine Heimat. Die seit einigen Jahren rückläufigen Zahlen von Konfirmationen und Firmungen machen diesen Trend deutlich. Denn während über die Taufe meistens noch die Eltern entscheiden, sollten sich Jugendliche später selbst für oder gegen eine Konfirmation beziehungsweise Firmung entscheiden. Im Jahr 2006 ließen sich noch gut 31 Prozent der 14-jährigen Protestanten konfirmieren, 2014 waren es nur noch 28 Prozent. Die Bilanz für Firmungen sieht noch schlechter aus. 2006 bekannten sich knappe 27 Prozent der 15-Jährigen zur katholischen Kirche. Acht Jahre später entschieden sich nur noch 21 Prozent zu diesem Schritt.

Zufriedener scheint die Entfernung von Religion und Kirche die jüngeren Generationen aber trotzdem nicht zu machen. Eher im Gegenteil. Denn laut einer Datenerhebung des Sozio-oekonomischen Panels aus dem Jahr 2012 sind ausgerechnet Theologiestudenten die Zufriedensten von allen.

Priesteranwärter Benjamin erscheint das logisch. "Wer nach dem Grund seines eigenen Wesens fragt – das ist Gott selber –, kann der unglücklich sein?" Für ihn ist die Beschäftigung mit dem Glauben eine Suche nach Liebe. In Bewegung zu bleiben, Wegweiser im Glauben zu entdecken und bei seinem Gott der Liebe anzukommen – diese Gratwanderung, diese Suche, bedeutet für ihn, zufrieden und glücklich zu sein.