Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17 , in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Häufig, wenn Dinge in der Stadt gewaltig schieflaufen, kommen die Kölner zusammen und tanzen. Dem aufkeimenden Rechtsradikalismus setzten Musiker die Kampagne Arsch huh, Zäng ussenander (Rheinisch für "Arsch hoch, Zähne auseinander") entgegen. Auf die Enthüllungen zum Anschlag in der Keupstraße durch den NSU folgte das nun jährlich stattfindende Birlikte-Festival. Als die Schließung des Autonomen Zentrums drohte, ravten die Anhänger zu bassigen Elektrosounds durch die City. Zuletzt kamen beim Pulse of Europe beinahe jeden Sonntag kölsche und internationale Combos zusammen, um sich vor der Kulisse des Doms und einem Meer von Europaflaggen gegen den drohenden Zerfall der kontinentalen Gemeinschaft zu stemmen.

Es ist Donnerstagmittag, grauer Himmel, lausige Kälte und wieder soll getanzt werden. In dicke Mäntel gehüllt haben sich auf dem Ebertplatz unweit des Hauptbahnhofs die Kölner Band Erdmöbel und die Berliner Sängerin Judith Holofernes, Frontfrau von Wir sind Helden, zu einer Art musikalischem Flashmob zusammengefunden, um bei einem Videodreh mit Passanten die "Hoffnungsmaschine" in Gang zu bringen.

Der Videodreh mit Passanten für "Hoffnungsmaschine" © Christian Parth für ZEIT ONLINE

So heißt ihr gemeinsamer Song, den sie spontan einem aktuellen Kölner Problem gewidmet haben: dem Ebertplatz.

Revierkampf und ein Toter

Der Ebertplatz ist derzeit das, was die Domplatte bis zur Silvesternacht vor zwei Jahren war: ein Treffpunkt von Dealern, Drogenabhängigen, Obdachlosen, Alkoholikern und Krawallmachern. Frauen berichten über Belästigungen. In den vergangenen Monaten hat sich die Lage zugespitzt. Nordafrikanische Kleindealer haben sich mit Konkurrenten aus Schwarzafrika angelegt, die seit 2015 hier ebenfalls nach Kundschaft suchen. Am 14. Oktober gipfelte der Revierkampf in einem tödlichen Streit. Ein 25-jähriger Marokkaner erstach einen 22 Jahre alten Flüchtling aus dem westafrikanischen Guinea. Nur eine Woche später gingen zwei Nordafrikaner mit abgeschlagenen Flaschen auf zwei Türken los und verletzten sie im Gesicht. Entsetzen und Empörung brachen sich Bahn. Wieder hatte es Köln mit einer unrühmlichen Geschichte bundesweit in die Schlagzeilen geschafft. Das Rechts-außen-Newsportal Breitbart berichtete reißerisch von einer angeblichen "No-Go Zone" in der Kölner Innenstadt.

Doch der eigentliche Skandal sollte erst folgen.

Mit dem Wasser verschwand das Leben

Der Kölner Ebertplatz ist nicht nur ein krimineller Schwerpunkt, sondern auch ein Symbol städtebaulichen Versagens. Seit Jahren verspricht die Politik, den Platz neu zu gestalten. Der renommierte Architekt Albert Speer junior legte 2008 in seinem Masterplan für die wenig ansehnliche Kölner Innenstadt auch ein Lösungskonzept für den Ebertplatz vor. Jahrelang wurde im Stadtrat über eine Umsetzung gestritten. Passiert ist nichts. Speer ist im September gestorben.

Viele Menschen hätten es gerne, dass der Platz am besten über Nacht in eine urbane Wohlfühloase verwandelt würde, mit viel Grün, Cafés, Bänken und vor allem Leben. Nicht wenige nennen den Ort, umschlungen von mehrspurigen Straßen, einen "Schandfleck". Sängerin Holofernes sagt, er erinnere sie an den Görlitzer Park in Berlin, der ebenfalls seit vielen Jahren ein krimineller Brennpunkt ist.

Die mittlerweile wasserlose "Wasserkinetische Plastik" auf dem Ebertplatz © Christian Parth für ZEIT ONLINE

Von oben sieht der Ebertplatz aus wie eine wabenartig geformte mit Beton ausgegossene Schüssel, gesäumt von ein paar Bäumen. Im Zentrum der tristgrauen Fläche thront die zehn Meter hohe Wasserkinetische Plastik. Von der Mitte des Konstrukts aus Aluminium greifen meterlange Stangen in den Raum, die wie riesige Nägel aussehen. Es ist das Werk des Künstlers Wolfgang Göddertz. Er hat es als begehbaren Brunnen konzipiert. Viele Jahre war er im Sommer ein beliebter Platz zum Planschen. Doch dann versagte das Pumpensystem, nun steht er seit Jahren still. Mit dem Wasser verschwand allmählich auch das Leben. Die Grünpflege wurde eingestellt, die Einzelhändler zogen aus.

Ein zombieapokalyptisches Umfeld

Die untere Etage des Ebertplatzes ist vor allem eins: finster. © Christian Parth für ZEIT ONLINE

Der im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörte Ebertplatz wurde 1977 wiedereröffnet. Brutalismus nennen Architekten den Stil, rohen Beton in die Landschaft zu gießen. Für manche ist das schwere Kost, für andere herausragende und daher schützenswerte Baukunst. Der Platz besteht aus zwei Ebenen, der obere Teil ist offen, der untere von dicken grauen Säulen gehaltene Bereich wird von einer Straße gedeckelt. In der Nacht ist es hier düster, nur eine Notbeleuchtung verhindert die totale Finsternis. Die Rolltreppen, die vom tiefsten Punkt zurück zur Oberfläche führen, sind verklebt mit Dreck und Taubenkot und seit Jahren außer Betrieb.

Trotzdem haben sich hier vier Kunsträume, zwei afrikanische Kneipen und ein Copyshop angesiedelt. Die letzte Bastion von Leben in einem zombieapokalyptischen Umfeld.

Stadt und Polizei nennen den Platz offiziell einen "Angstraum". Der mittlerweile gängige Behördenbegriff soll das subjektive Sicherheitsgefühl des Einzelnen ausdrücken. Und wo Angsträume und Ausländer sind, ist die AfD meist nicht weit.

Drei Wochen nach der tödlichen Messerattacke tauchte die Partei mit einem Stand am Ebertplatz auf. Als sie wieder verschwunden war, stürmten wenig später rechte Hooligans den Platz. Es kam zu Jagdszenen. Die johlende Meute verfolgte eine Afrikanerin, die in einer der Kneipen arbeitet. Bevor die Männer auf sie einprügeln konnten, schaffte sie es, sich im Laden einzuschließen. Aus dem Umfeld der Hooligans ist zu hören: "Wenn die Polizei uns ein paar Tage gibt, sind die Neger hier für immer weg."

Die letzten Spuren von Leben werden beseitigt

Die wenigen Kunsträume: geschlossen © Christian Parth für ZEIT ONLINE

Der wachsende öffentliche Druck zwang die Stadt zum Handeln. Man wollte Entschlossenheit demonstrieren. Die Polizei erhöhte die Präsenz und verscheuchte die Dealer in andere Ecken der Stadt. Dann schaffte die Verwaltung überraschende Fakten: Sie schickte den Künstlern die Kündigung und sprach davon, den Bereich so schnell wie möglich zuzumauern.

Seitdem herrscht Aufruhr. "Eine Mauer zu bauen, ist Ausdruck totaler Hilflosigkeit", sagt Markus Berges von Erdmöbel, der den Ebertplatz seinen Kiez nennt. "Die Idee ist dumpf und blöde und eine Geringschätzung derjenigen, die hier sind." Der Bürgerverein Eigelstein, der sich auch um den Ebertplatz kümmert, spricht von einer "Kapitulation der Stadtverwaltung", die den Platz jahrzehntelang habe verrotten lassen. Die betroffenen Künstler sind fassungslos. "Das Ergebnis des Drogenkriegs auf dem Platz ist, dass die Galerien zumachen sollen und drumherum eine Mauer gebaut werden soll. Das kann man kaum begreifen", sagt Michael Nowottny, der hier seit zwölf Jahren die Projektgalerie Labor betreibt.

Machtpolitische Intrige

Politiker in der Stadt vermuten, dass die Mauertaktik sogar eine machtpolitische Dimension hat. Die Kündigungen der Kunsträume wurden in Abwesenheit von Oberbürgermeisterin Henriette Reker ausgesprochen, die sich zu dieser Zeit in Kölns Partnerstadt Kyoto aufhielt. "Das war eine Intrige wie im alten Rom", sagt Bezirksbürgermeister Andreas Hupke von den Grünen. Dahinter steckten Männerbünde um den neuen Stadtdirektor Stephan Keller, der Reker habe beschädigen und sich selbst profilieren wollen. Das Vorgehen sei "frech, impertinent und arrogant", sagt Hupke. "So etwas habe ich noch nicht erlebt."

Tatsächlich beteuert die Oberbürgermeisterin seit ihrer Rückkehr immer wieder, dass die folgenschwere Entscheidung ihrer eigenen Verwaltung nicht mit ihr abgesprochen gewesen sei. Am vergangenen Dienstag kam der Kölner Stadtrat zu einer Aktuellen Stunde zusammen. Vor dem Rathaus versammelte sich die Satirepartei Die Partei und mauerte mit Transparenten symbolhaft das Gebäude ein.

Hupke setzte das Problem Ebertplatz gar in einen welthistorischen Rahmen. In der Sitzung zitierte er Ronald Reagan, der 1987 den russischen Präsidenten Gorbatschow aufforderte, die Berliner Mauer einzureißen. Reker selbst gab sich eher kleinlaut. Die Entscheidung der Verwaltung bezeichnete sie vorsichtig als "verfrüht". Doch weder von den Kündigungen noch vom Mauerbau wollte sie sich klar distanzieren. Noch in diesem Jahr wolle man ein Konzept für kurzfristige Maßnahmen vorlegen, versprach sie.

Konzepte gibt es allerdings seit Jahren reichlich. Architekturbüros überbieten sich mit Vorschlägen, aus dem Angstraum endlich einen Lebensraum zu machen. Allein die Stadt scheint handlungsunfähig. Das habe speziell mit der Kölner Verwaltung zu tun, sagt der preisgekrönte Architekt Peter Busmann. "Es mangelt schlicht an Kreativität. Von großen Konzepten ist sie überfordert. Man kann in Köln nur iterativ vorgehen, Schritt für Schritt."

Ein Hexenwerk sei das nicht, ist sich Busmann sicher. Auf die Schnelle vielleicht ein paar schwere Stühle wie in Paris, die dunklen Ecken knallhell machen. "Was der Platz als Erstes braucht, ist Licht, Licht, Licht und Leben."