Was bedeutet es, Geschwister zu haben? Wie wirken diese lebenslangen Beziehungen auf den Menschen ein? In der aktuellen Ausgabe der ZEIT haben sich elf Autoren mit den schönsten und schrecklichsten Seiten der Geschwisterbeziehung beschäftigt. ZEIT ONLINE  hat die Leser aufgerufen, von ihren Erfahrungen zu berichten. Wir haben davon vier ausgewählt.

"Wir waren nicht unglücklicher, nur ernster"

Catharina J. ist 23 und studiert Journalistik und Kommunikationswissenschaften in Hamburg.

Wir sind Zwillinge. Meine große, längenmäßig kleine Schwester kam zuerst und ist mir auch heute immer einen Atemzug voraus. Sie weiß, was ich denke, träume – und versucht, mir meine Ängste zu nehmen. Und das, obwohl uns momentan Hunderte Kilometer trennen.

Es gibt nicht die eine Begebenheit, die unsere Beziehung beschreibt. Wohl aber gibt es eine Zeit, in der mir die Verbundenheit bewusst wurde. In dieser Zeit lernten wir, dass wir einander brauchen. Als sich meine Eltern trennten, waren wir in der Pubertät. Wir fühlten uns alt und waren noch so Kind. Nächtelang hörten wir die Streits im Wohnzimmer – lautstark und hässlich. Jede Nacht bibberte ich mit meiner Schwester in meinem Bett, immer in Alarmbereitschaft, einzuschreiten. Ich hielt meine Schwester und sie hielt mich. Wir weinten zusammen. Und versuchten der Stimme Rufus Becks zu folgen, der uns nachts mitnahm in den Ligusterweg Nummer vier und uns neuen Freunden vorstellte.

Tagsüber galt es, die nächtlichen Anstrengungen zu verbergen. Mit 13 möchte man nicht auffallen, da möchte man einfach nur untergehen im Strom. Meine Schwester und ich hüteten unser Geheimnis – doch noch viel wichtiger, wir redeten darüber, damit unser Unglück sich nicht in uns hineinfressen konnte. Nach der Trennung wurden die Nächte stiller und wir waren weniger Kind.

Wir waren nicht unglücklich, nur ernster. Wir redeten weiter über das, was wir gesehen hatten und nicht begreifen konnten. Meine Schwester formulierte so klar, dass ich das verworrene Gedankennetz entspinnen konnte und heute unbeschwert an meine Kindheit denke. Es liegt kein Schatten über ihr – nur Stärke.

Ich spüre welche Kraft von unserer Beziehung ausgeht. Wenn wir zusammen sind, dann strahlen wir. Und ich bin süchtig nach dem Glück, das durch meinen Körper strömt, wenn sie bei mir ist. So glücklich bin ich dann, dass ich wieder zum Kind werde und über den Sand in Südfrankreich tolle – mit Kekskrümeln in meinem Mundwinkel und mit meiner Schwester an meiner klebrigen, von Pfirsichsaft triefenden Hand.