Wendekinder – sind wir ein Volk? – Seite 1

Sie sind jung, sie sind modern und sie leben in einem wiedervereinigten Deutschland: Wer in der Zeit nach dem Mauerfall geboren ist, kennt die deutsche Teilung nur noch aus Erzählungen. Die innerdeutsche Grenze zwischen DDR und BRD gibt es längst nicht mehr. Aber sind die jungen Deutschen 27 Jahre nach der Wiedervereinigung wirklich wieder ein Volk? Wie lebt die Generation der Wendekinder heute? Die Generation derjenigen, die nach 1990 geboren wurden? Wie unterscheiden sich die jungen Menschen in den ost- und westdeutschen Bundesländern? Wie zufrieden sind sie mit ihrem Leben und welche Sorgen haben sie? Mit diesen Fragen zu den Wendekindern haben wir einen Datensatz des Sozio-oekonomischen Panels aus dem Jahr 2015 untersucht.

Moritz Karn (25) ist westdeutsches Wendekind © privat

Eines dieser Wendekinder ist Moritz Karn. Er kommt eigentlich aus Frankfurt am Main, hat aber viele Jahre in Dresden und Jena gelebt und dort Politikwissenschaften studiert. "Ich habe schon aufgehört, mir Gedanken über die Unterschiede zu machen." Vor allem bei den jüngeren Menschen seien diese sowieso gering. "Sie sind weniger verwurzelt und fühlen sich nicht mehr so sehr als West- oder Ostdeutsche."

Tobias Wötzel dagegen ist in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt aufgewachsen und studierte im Bachelorstudium Politik in Dresden. Für sein Masterstudium ist er vor zwei Jahren nach Mainz gezogen. Auch er sagt: "Ich nehme in unserer Generation eigentlich keine Unterschiede zwischen West und Ost wahr. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich mich in einer studentischen Filterblase bewege."

Tobias Wötzel (27) ist ostdeutsches Wendekind © privat

Was beide vermuten, bestätigen die Daten. Die Wendekinder in Ost- und Westdeutschland sind sich ziemlich ähnlich – zumindest was die Zufriedenheit und die Sorgen in verschiedenen Lebensbereichen betrifft. Die generelle Lebenszufriedenheit, gemessen auf einer Skala von 0 bis 10, ist im Westen mit einem Wert von 7,6 leicht höher als im Osten. Hier geben die Menschen im Schnitt eine Zufriedenheit von 7,2 an. In Ost und West liegen die Wendekinder damit jeweils über dem Durchschnitt aller Befragten.

Der Unterschied zwischen den Wendekindern ist in den Daten selten besonders groß, aber er erstreckt sich konsequent über viele Lebensbereiche. Ob Freizeit, Wohnen, Gesundheit oder Arbeit: Die westdeutschen Befragten sind in geringem Maße zufriedener als ihre Pendants im Osten. Der Mainzer Politologe Kai Arzheimer führt diese Unterschiede unter anderem auf die schlechtere Wirtschaftslage im Osten zurück. "Die dramatischsten Unterschiede zeigen sich dementsprechend beim Haushaltseinkommen und bei der Zufriedenheit damit."

Das belegen auch die Zahlen des Sozio-oekonomischen Panels. Die Haushaltseinkommen der Wendekinder im Osten sind im Schnitt deutlich kleiner als im Westen. Dass die Zahlen des SOEP sehr realitätsnah sind, zeigt ein Vergleich mit den Ergebnissen des Statistischen Bundesamts. Dort weisen die Statistiker für die Gesamtbevölkerung einen ähnlich großen Einkommensunterschied zwischen Ost und West aus. Diese Unterschiede zwischen Ost und West bestehen schon seit der Wirtschaftskrise in den frühen 1990er Jahren. Weil der Wechselkurs zwischen Ostmark und D-Mark im Wesentlichen bei eins zu eins gelegen habe, sei die nicht mehr konkurrenzfähige ostdeutsche Wirtschaft zusammengebrochen. Dazu hätten die Arbeit der Treuhand und damit die Privatisierung früherer Staatsunternehmen zu Massenarbeitslosigkeit und einem "gefühlten Ausverkauf des Volksvermögens" beigetragen, sagt Arzheimer. Tobias Wötzel erinnert sich sehr gut daran, dass die Treuhand auch ein Thema in seiner Familie war: "Die Arbeit der Treuhand wurde zum Teil als 'Abverkauf' des Ostens empfunden."

Auch heute hinkt die Wirtschaft im Osten noch hinterher: Von den 138 als strukturschwach eingestuften Regionen in Deutschland liegen 62 Prozent in Ostdeutschland, obwohl Ostdeutschland nur 30 Prozent der Fläche und 20 Prozent der Bevölkerung Deutschlands aufweist, wie dem Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit zu entnehmen ist.

Eine Folge davon ist, dass die Menschen im Osten weniger Geld als im Westen bekommen. Dementsprechend sind die Wendekinder in den alten Bundesländern auch zufriedener mit ihrem Haushaltseinkommen. Im Durchschnitt ist der Wert im Westen um einen Punkt höher. Dabei fällt besonders auf, dass im Osten mehr Menschen sehr unzufrieden sind als im Westen. Diese Unzufriedenheit erscheint auch vor dem Hintergrund verständlich, dass nach aktuellen Angaben der Bundesagentur für Arbeit im Osten mehr Menschen (7,4%) arbeitslos sind als im Westen (5,2%).

Überraschend sind dementsprechend die Werte zu den Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation: Zwar gibt es im Westen mehr Menschen, die keine finanziellen Sorgen haben, auch der Anteil der Menschen mit einigen Sorgen ist kleiner. Aber der Prozentsatz derjenigen, die sich große Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation machen, ist im Westen ähnlich hoch wie im Osten. Diese Tendenzen zeigen sich auch in den Sorgen um die Arbeitslosigkeit.

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Sorgen vor Zuwanderung im Osten größer waren als im Westen

In Bezug auf das eigene Leben gibt es also gerade in finanziellen Fragen noch Unterschiede zwischen den Wendekindern in Ost- und Westdeutschland. Wie aber stehen die jungen Menschen zu den großen gesellschaftlichen Themen unserer Zeit? Die SOEP-Zahlen für das Politikinteresse der Wendekinder bestätigen, was allgemein vermutet wird: Die jungen Menschen interessieren sich heutzutage weniger für Politik als die älteren. Mehr als 70 Prozent der Wendekinder interessieren sich nicht so stark oder überhaupt nicht für Politik. Die Unterschiede zwischen Ost und West sind auch hier nicht besonders groß. Tendenziell interessieren sich die westdeutschen Wendekinder aber mehr für Politik.

Diese Ergebnisse bestätigen sich auch in anderen Bereichen. So machen sich Wendekinder im Osten weniger große Sorgen um den Umweltschutz als im Westen. In dieser Hinsicht ist Student Karn von den Wendekindern in beiden Landesteilen enttäuscht. "Ich hätte generell gedacht, dass die Menschen sich viel mehr für die Umwelt interessieren. Selbst Mülltrennung schert die Leute nicht."

Bei den Sorgen um die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung oder um die Friedenserhaltung sind die Unterschiede zwischen West und Ost allerdings verschwindend gering. Hier gibt es kaum erwähnenswerte Abweichungen. Mit der Zuwanderung verhält es sich da schon anders. Auch wenn die Daten aus dem Frühjahr 2015 vor dem großen Zustrom an Flüchtlingen erhoben wurden, kann man in den SOEP-Daten bereits feststellen, dass die Sorgen vor Zuwanderung im Osten größer waren als im Westen.

Dies könnte auch damit zu tun haben, dass im Westen mehr Befragte selbst einen Migrationshintergrund haben. Knapp zehn Prozent der westdeutschen Wendekinder wurden selbst im Ausland geboren. Im Osten sind es nur etwa vier Prozent. Auch Menschen mit einem indirekten Migrationshintergrund, deren Eltern im Ausland geboren wurden, sind im Westen häufiger vertreten als im Osten. "In Ostdeutschland gab es über einen langen Zeitraum sehr wenige Kontakte mit Migranten, was die Entstehung von Vorurteilen und Ressentiments begünstigt haben dürfte", analysiert Arzheimer. Dem Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit zufolge weisen Statistiken seit vielen Jahren eindeutig darauf hin, dass in Ostdeutschland im Verhältnis zur Einwohnerzahl eine besondere Häufung von fremdenfeindlichen und rechtsextremen Übergriffen zu verzeichnen sei. So liegen die im Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2015 dokumentierten, rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten bezogen auf eine Million Einwohner in Mecklenburg-Vorpommern (58,7), Brandenburg (51,9), Sachsen (49,6), Sachsen-Anhalt (42,6), Berlin (37,9) und Thüringen (33,9) deutlich über dem Durchschnitt der westdeutschen Länder (10,5).

Die Sorgen vor Zuwanderung sind im Osten stärker ausgeprägt. Die vor Ausländerfeindlichkeit allerdings auch. Liegt das daran, dass sich die Menschen im Osten bewusst sind, dass es in ihren Bundesländern ausländerfeindliche Proteste gibt? In großen Gegendemonstrationen hat sich das bislang zumindest nur selten niedergeschlagen. Tobias Wötzel ist kurz vor den ersten Demonstrationen von Pegida aus Dresden weggezogen. Die veränderte Stimmung in der Stadt hat er aber mitbekommen. "Mich hat es vor allem wütend gemacht zu sehen, wie sich derart viele Menschen einer Bewegung anschließen, die so offen antidemokratisch und fremdenfeindlich argumentiert." Moritz Karn hat für die Demonstranten kein Verständnis. "Das trägt zum Negativimage des Ostens massiv bei. Davon sind viele Ostdeutsche extrem genervt. Sie wollen nicht alle als Nazis gesehen werden." Karn selbst glaubt, dass die Gesinnungsunterschiede zwischen West und Ost gar nicht mal so groß seien. "Die Rechten im Osten trauen sich eher, ihre Gesinnung offen zur Schau zu stellen. Im Westen ist das eher versteckt, obwohl die Einstellungen trotzdem vorhanden sind."

Einen weiteren Unterschied zwischen den Wendekindern gibt es bei den Sorgen vor Kriminalität. Im Osten haben die Befragten häufiger große Sorgen um die Kriminalitätsentwicklung als im Westen.

Was lernen wir also aus den Daten? Wer sind die Wendekinder? Sind die jungen Deutschen ein Volk? Oder überwiegen die Unterschiede? In vielen Bereichen gibt es kaum statistisch signifikante Unterschiede zwischen den jungen Menschen in West und Ost: Sie sind zufriedener als ältere Menschen und interessieren sich seltener für Politik, wenngleich die westdeutschen Wendekinder leicht zufriedener sind als ihre Pendants im Osten. Vor allem aber klafft zwischen Ost und West in Hinblick auf die Zufriedenheit mit Wirtschaft und Arbeit eine Lücke. Das Einkommen der Menschen ist im Osten durchschnittlich geringer, die Menschen sind dementsprechend unzufrieden damit. Bei den Sorgen gibt es insbesondere in den Bereichen Zuwanderung und Kriminalität noch Differenzen zwischen West- und Ostdeutschen. In den meisten Gebieten sind die Unterschiede allerdings kaum wahrnehmbar. Die Wendekinder, so lassen es die Daten erkennen, wachsen zu einem Volk zusammen. Für Tobias Wötzel sind Ost und West nur noch im Spaß getrennt: "Klar hört man auch mal einen Ossiwitz, aber das nehme ich einfach mit Humor."

Hintergrund

  • Wendekinder: Die verwendeten Daten stammen aus den Erhebungen des SOEP-Datensatzes von 2015. Als Wendekinder bezeichnen wir in unserer Analyse panelabhängig die Jahrgänge zwischen 1991 bis 1998. Unsere Stichprobe für die Wendekinder besteht so aus 4.016 Personen (West: 3.495 / Ost: 521). Mit einem Hochrechnungs-Koeffizienten haben wir sichergestellt, dass bei den einzelnen Untersuchungen keine Verzerrung im Verhältnis von westdeutschen- und ostdeutschen Wendekindern entsteht.
  • Ost/West: Die jährlichen Erhebungen des SOEP gibt es seit 1984, Daten von Menschen aus der ehemaligen DDR konnten allerdings erst nach der Wende 1990 in die jährlichen Erhebungen aufgenommen werden. Ost-West-Vergleiche vor dieser Zeit sind mit dem Material des SOEP also nicht möglich. Die Umfrageforschung hat außerdem gezeigt, dass Menschen bei erstmaliger Teilnahme bei Umfragen die Tendenz haben, extreme Werte anzugeben. Diese würden Untersuchungen verzerren. Angaben, die von einer Person bei der ersten Erhebung für das SOEP gemacht wurden, werden für Datenanalysen folglich nicht berücksichtigt.