Als die Bundesregierung 2016 das Integrationsgesetz verabschiedete, sprach Innenminister Thomas de Maizière von zwei Realitäten: von Asylbewerbern, die sich integrieren wollen, eine Ausbildung machen und studieren; Menschen, die ein Gewinn für das Land seien also, auf der einen Seite. Und denen, die sich verweigern, die kein Deutsch lernen, nicht arbeiten. Den anderen.

Damit bediente er eine Vorstellung, die in vielen Köpfen schon länger existiert: dort die integrationswilligen Flüchtlinge, die vom Staat unterstützt werden; auf der anderen Seite diejenigen, die nicht wollen. Eine einfache Unterteilung. Aber ist sie realistisch?

An einem Samstag Mitte November sitzt Ciwan* in einem Café im Norden Berlins und rührt in seinem Tee. Er trägt ein gebügeltes Hemd, ist frisch rasiert; seine Frau Rejna hat ein gutes Kleid angezogen. Die Töchter Adila und Sada, sieben und drei Jahre alt, rutschen freudig auf ihren Stühlen hin und her.

Die Familie ist das, was man ein Musterbeispiel für Integration nennen könnte. "Wir wollen nicht von Unterstützung leben. Das ist für uns das Wichtigste", sagt Ciwan. Er und Rejna haben Sprach- und Integrationskurse absolviert, er spricht Deutsch auf dem fortgeschrittenen Niveau B1, sie sogar auf Niveau B2, die Töchter beherrschen es wie ihre Muttersprache.

Sei seien dankbar, in Deutschland zu sein, sagt Ciwan. Er hat Arbeit, seine Frau möchte Sozialwissenschaften studieren.

Die kurdische Familie floh vor zwei Jahren aus dem Nordosten des Irak. Ciwan hatte als Peschmerga-Offizier gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" gekämpft. Nachdem es zum Streit mit seinem Vorgesetzten gekommen war, erzählt er, wurde seine Familie bedroht. "Bei einer Rückkehr wäre unser Leben in Gefahr." Doch der Antrag der Familie auf Asyl wurde abgelehnt. Seitdem kämpfen sie mit den Wirren der deutschen Integrationspolitik.

Da ist zunächst das umstrittene Integrationsgesetz – von Befürwortern als wichtiger Schritt begrüßt, von Gegnern als spaltend und repressiv kritisiert.

Für Ciwan bedeutete es zunächst Glück: Mit dem Gesetz trat die sogenannte 3+2-Regel in Kraft. Abgelehnte Asylbewerber, die eine Ausbildung absolvieren, werden seitdem für die Dauer der Ausbildung und – sollten sie danach eine Anstellung finden – für weitere zwei Jahre geduldet. Die Altersgrenze von 21 Jahren wurde aufgehoben. Ciwan ist 38.

Glück hatte er auch mit dem Job. Ein Cousin, der schon länger in Deutschland lebt, erzählte ihm von einem Elektroinstallateur, der einen Azubi suchte. Ciwan bewarb sich, bekam den Platz.

Doch da ist ein Haken: Die Arbeitsstelle liegt in einer brandenburgischen Kleinstadt, Ciwan lebt 100 Kilometer entfernt, in Berlin. Sein neuer Chef, ein Deutscher, war sehr zufrieden mit ihm, besorgte ihm sogar eine Wohnung vor Ort. Doch Ciwan darf nicht einziehen.

* Alle Namen geändert