Manar Alatrsh will umziehen. Die 35-jährige syrische Mutter lebt in der brandenburgischen Kleinstadt Forst und ist mittlerweile gut integriert. Sie geht einmal in der Woche zum Frauentreffen und nimmt an Nähkursen teil – organisiert von der Flüchlingshilfsgruppe Forster Brücke und vom Flüchtlingsnetzwerk. Auch Alatrshs sechs Kinder fühlen sich wohl in der kleinen Stadt. Doch die Syrerin möchte lieber in einer Großstadt leben. "In den großen Städten tragen viele Frauen Kopftuch", sagt sie, "das ist dort normal. Hier tragen nur wenige Frauen Kopftuch. Zweimal hat mich deswegen ein Mann in Forst angespuckt."

Alatrsh hat Freunde und Bekannte in Dortmund und Hannover, deshalb will sie dorthin. Im Prinzip könnte sie das auch, denn sobald Geflüchtete Asyl in Deutschland bekommen, müssen sie nicht mehr in der Gemeinde wohnen, der sie zunächst zugewiesen wurden. Bis Mitte 2016 konnten sie dann ihren Wohnort innerhalb Deutschlands frei wählen, seit August vergangenen Jahres aber gibt es die sogenannte Wohnsitzauflage, was bedeutet, dass Asyl- und Bleibeberechtigte nur noch mit triftigem Grund aus dem jeweiligen Bundesland wegziehen können.

Eine von Alatrshs Freundinnen ist Friseurin in einer großen Stadt, Alatrsh selbst würde gern als Köchin arbeiten. Sie hat Erfahrung auf dem Gebiet. Allerdings konnte sie in Syrien keine Ausbildung machen und ist nur sechs Jahre zur Schule gegangen. "Mein Bruder hat mich geschlagen und mir verboten, in die Schule zu gehen", erzählt sie. "Frauen müssen zu Hause bleiben und sich um den Haushalt kümmern." Jetzt in Deutschland könnte sie theoretisch arbeiten. In einer Großstadt, so hofft sie, stünden die Chancen dafür besser. Doch weil sie derzeit mit ihrem Mann und ihren sechs Kindern Sozialleistungen bezieht, darf die Familie nicht selbst entscheiden, wo sie wohnen möchte, so sieht es das Asylrecht vor. 

Vielfalt als Normalität

Vielen Geflüchteten geht es wie Alatrsh, allein aus Forst sind 204 Ausländer seit 2016 in andere Städte gezogen. Viele haben Verwandte, Freunde oder Landsleute in den großen Städten und hoffen, in deren Gesellschaft weniger unter Heimweh zu leiden. Und sie glauben, dass sie dort schneller Arbeit finden können. Das Sozialamt des Landkreises Spree-Neiße schätzt die Wegzugsquote unter den Geflüchteten auf mehr als 30 Prozent.

Auch der Afghane Mohammad Burhani ist vor zweieinhalb Jahren mit seiner Familie aus Forst nach Essen gezogen. In Afghanistan war er Ingenieur, jetzt arbeitet bei einem Pizzaservice. Vor fünf Jahren floh er aus Afghanistan nach Deutschland, weil ihn die Taliban verfolgten. Die ersten Jahre verbrachte er in Forst. Aber sobald sein Asylantrag bewilligt worden war, wollte er weg.

Für Menschen aus anderen Ländern haben Großstädte Vorteile, bestätigt Burhani. "Meine Arbeit wird hier in Essen gut entlohnt", sagt er. Außerdem könne er in die Moschee gehen und seine Kinder bekämen Koranunterricht.

Engere Beziehungen zu Deutschen

Doch seine Entscheidung zum Umzug beurteilt er als ambivalent. "In Essen bekomme ich weniger mit von der deutschen Kultur, ich habe viel mehr mit afghanischen Menschen Kontakt." Kleinstädte haben für Geflüchtete eben auch Vorteile. Sie können zum Beispiel Krankenhäuser, Arztpraxen, Geschäfte und Behörden leicht und schnell erreichen. In kleineren Städten gibt es oft hilfsbereite Rentner oder Mitarbeiter von Kirchen, die sich für die Flüchtlinge engagieren.

Dorothea Röger, Mitinitiatorin der Forster Brücke, sagt, sie habe schon von Weggezogenen gehört, die regelrecht Heimweh nach Forst hätten. Denn in der kleinen Stadt gebe es Menschen, die sich wirklich für die Geflüchteten interessierten. Auch Röger beobachtet, dass die Menschen in den Großstädten wieder mehr unter sich bleiben, es fehle der Kontakt zu Einheimischen. "Besonders die Frauen leiden darunter", sagt Röger, "sie gehen meist nicht arbeiten, sondern versorgen die Familie. Sie finden kaum Arbeitsangebote, die zu ihren Bedürfnissen passen."

Integration gelingt in kleinen Städten oft leichter. Eigentlich sollten sich Menschen, die schon lange in Deutschland leben, und die Zugezogenen um gegenseitiges Verständnis bemühen. Die verschiedenen Kulturen und Sprachen sind eine Bereicherung für Deutschland. Aber wenn die Geflüchteten vor allem mit ihren Landsleuten in ihrer eigenen Sprache Kontakt haben, lernen sie weniger über Deutschland und dessen Kultur – und ihre Motivation, Deutsch zu lernen, geht verloren.

Als der Afghane Burhani noch in Forst lebte, erzählt er, hatte er viel mit Deutschen zu tun und sein Deutsch war gut. Seine Frau hatte eine so innige Beziehung zu einer älteren Deutschen, dass sich die beiden als Mutter und Tochter ansprachen. Jetzt, in Essen, sagt Burhani, sei sein Deutsch leider wieder schlechter geworden.