52.000 Menschen in Deutschland haben kein Dach über dem Kopf – das sind mehr als doppelt so viele wie 2008. Besonders im Winter ist das Leben auf der Straße gefährlich, 300 Obdachlose sind seit 1990 erfroren. Was kann und muss man als Passant tun, um Obdachlosen zu helfen?

Kältehilfe

Liegt kein akuter, gesundheitsbedrohlicher Notfall vor, können sich Helfer wie auch Obdachlose vielerorts an die lokale Kältehilfe oder die Straßensozialarbeit wenden. In vielen Großstädten sind zudem Kältebusse unterwegs, die Obdachlose nach Bedarf mit Schlafsäcken versorgen oder sie abholen und in eine Notunterkunft bringen.

Grundsätzlich gilt: Rufen Sie die Kältehilfe nur an, wenn Obdachlose auch Hilfe annehmen wollen – oder wenn Sie selbst nicht weiterwissen. Mancherorts ist die städtische Kältehilfe unter der Behördennummer 115 zu erreichen, die bundesweit in etwa 500 Kommunen freigeschaltet ist.

Unterlassene Hilfeleistung ist strafbar

Wenn jemand offensichtlich in Not ist, also etwa regungslos oder stark alkoholisiert bei Minusgraden auf dem kalten Boden liegt, ist es keine Frage des guten Willens, ob man hilft, sondern gesetzliche Pflicht. "Wer einem hilflosen Menschen in erkennbarer Notlage nicht hilft, obwohl dies möglich wäre, riskiert eine Strafe wegen unterlassener Hilfeleistung", sagt der Frankfurter Strafrechtsanwalt Michael Euler. Ein aufsehenerregender Fall ereignete sich im Oktober vergangenen Jahres in Essen, wo ein 83-Jähriger im Vorraum einer Bank zusammenbrach und wenig später starb. Andere Kunden stiegen einfach über den Rentner hinweg, zeigten die Bilder der Überwachungskamera. Zwei Männer und eine Frau wurden wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt. Ihre Erklärung: Sie dachten, der Mann sei obdachlos und würde nur schlafen. Der zuständige Richter ließ das nicht gelten, er fragte, ob die Angeklagten nicht auch einem Obdachlosen helfen würden – und verurteilte sie zu Geldstrafen.

Obdachlose brauchen Hilfe: Was tun?

Gerade im Winter ist es also wichtig, aufmerksam zu sein, wenn Menschen auf dem Bürgersteig, in U-Bahn-Stationen oder auf Parkbänken liegen. Die Ärztin Maria Goetzens, die in Frankfurt die Elisabeth-Straßenambulanz für Wohnungslose leitet, rät: "Man sollte dasselbe für Obdachlose tun wie für jeden anderen Menschen auch, nämlich hinschauen und handeln."

  • Nachfragen: Braucht derjenige wirklich Hilfe? Am besten sprechen Sie die Person an und wecken sie im Zweifelsfall, um sich zu vergewissern, dass sie die eigenen Handlungen noch kontrollieren kann. Ist dies der Fall, braucht es meist keinen Notarzt, sondern höchstens die Straßensozialarbeit (siehe Infobox).
  • Bei Berührungsängsten: Wer sich nicht traut, Obdachlose anzusprechen, sollte sich zumindest, so gut es geht, vergewissern: Ist die Person warm eingepackt und bei Bewusstsein? Weil dies aus der Distanz aber oft schwierig ist, rät die Ärztin Maria Goetzens: "Wer Zweifel hat, ob jemand nur schläft oder womöglich bewusstlos ist, sollte Hilfe rufen."
  • Notfälle erkennen: Haben Betroffene die Selbstkontrolle oder gar das Bewusstsein verloren, etwa wegen der Kälte, oder weil sie stark alkoholisiert sind, sollte auf jeden Fall Hilfe gerufen werden. Ebenso wenn offene Wunden sichtbar sind oder jemand regungslos oder zusammengekauert auf der Straße liegt und nicht auf Nachfragen reagiert.
  • Hilfe rufen: In solchen Notsituationen den Rettungsdienst (112) anrufen. Wenn jemand aggressiv ist, kann auch die Polizei (110) verständigt werden. Das gilt auch, wenn Obdachlose angegriffen werden. Vor möglichen Kosten braucht niemand zurückzuschrecken: "Wer in gutem Glauben den Notruf wählt, der muss selbstverständlich nicht dafür bezahlen", sagt ein Sprecher des Deutschen Feuerwehrverbandes.

Was, wenn Obdachlose Hilfe ablehnen?

Menschen, die schon lange auf der Straße schlafen, sind von diesem harten Leben oft psychisch und physisch gezeichnet. Manche lehnen Hilfe ab, wollen nichts mehr mit der Außenwelt zu tun haben. Geht es demjenigen ansonsten gut, sollte man diesen Wunsch respektieren. Ist jemand jedoch offensichtlich unterkühlt, verwirrt oder sichtbar verletzt, sollten Sie unbedingt den Rettungsdienst verständigen.

Was tun, wenn der Notarzt nicht kommen will?

Lassen Sie sich nicht abweisen: "Wenn der Notarzt oder die Polizei auf einen Hilfsbedürftigen aufmerksam gemacht wurde, aber nicht hilft, ist dies mehr als nur unterlassene Hilfeleistung und kann aufgrund der Berufsstellung sogar zu einer Verurteilung wegen Körperverletzung oder eines Tötunsgsdelikts führen", sagt der Strafrechtsanwalt Michael Euler. Erinnern Sie die Rettungskräfte also im Zweifel hartnäckig an ihre Pflichten.