Zuletzt war es Horst Seehofer. Der CSU-Vorsitzende sagte bei der Unterzeichnung des Koalitionsvertrags, die neue Regierung werde "eine große Koalition für die kleinen Leute" sein. Auch Sozialdemokraten, AfD-Politiker, Journalisten und Ökonomen rücken die "kleinen Leute" immer wieder in den Fokus. Sie gelten als ultimativer Adressat für richtige Politik einerseits, als Übersehene und Schweigende andererseits.

Wir haben vier Menschen getroffen, die nur wenig Geld verdienen und in Berufen arbeiten, die kaum Ansehen genießen. Zählen sie sich selbst dazu, empfinden sie sich als "klein"? Und was erwarten sie von der Politik?

Hakki Acar, 30 Jahre

Das ist mein Alltag gerade: Ich gehe am frühen Morgen ins Bett. Schlafe vielleicht so sechs Stunden. Dann setze ich mich hin, um zu lernen. Um 15.30 Uhr kommen meine beiden Kinder aus der Kita, ich kann ein wenig Zeit mit ihnen verbringen. Um 17.30 Uhr gehe ich zur Schule, auf einem Abendgymnasium mache ich gerade mein Abitur nach. Um 21.30 Uhr ist der Unterricht zu Ende. Zeit für mich, ins Auto zu steigen. Jetzt beginnt meine Arbeit als Taxifahrer. Bis zum frühen Morgen.

Seit neun Jahren bin ich nun schon selbstständiger Taxifahrer. Geboren wurde ich als Kurde in der Türkei. Aufgewachsen bin ich in Salzgitter. Ende 2007 bin ich nach Berlin gezogen. Ich habe schon ein Fachabitur, aber das hat mir nichts genutzt. Vitamin B hatte ich keines, also bin ich nirgendwo reingekommen. Habe in einem Internetcafé gearbeitet, in einem Eiscafé auch. Eine Zeit lang musste ich von Arbeitslosengeld leben. Auch eine Weiterbildung habe ich mitgemacht, so eine Unterstützung zur Ausbildung. Dann wurde ich Taxifahrer.

Das Geld reicht gerade mal so bis zum Ende des Monats. Wenn ich das Abitur 2019 hoffentlich habe, würde ich gerne Lehramt studieren, besonders gerne Geschichte. Denn da kann man lernen: "Kleine Leute" gibt es nicht. Menschen einfach so abzustempeln, das ist das Schlimmste, was man machen kann. Wahrscheinlich sieht mich die Politik oder sehen mich reiche Leute als "klein" an. Aber ich versuche doch, alles für die Gesellschaft zu tun. Ich zahle Steuern, pflege meine Buchhaltung. 2016 musste ich über 10.000 Euro Steuern zahlen. Wie viel Steuern zahlt Apple in Deutschland eigentlich?

Mich macht der Begriff kleine Leute irgendwie wütend. Auch wenn man damit vielleicht Gutes bezwecken möchte, ist er doch total problematisch. Wenn die Politiker diese Leute ansprechen wollen, sollten sie sich mal in deren Lage versetzen. Die sollen sich in einen Dönerladen stellen und zehn Stunden Döner schneiden. Oder mal für ein paar Wochen Teller waschen in einem Restaurant. Taxi fahren und sich mit den ganzen Gästen auseinandersetzen. Das will niemand sich und seinem Körper antun.

Ich schäme mich nicht, Taxifahrer zu sein. Man sollte sich nicht für seine Arbeit schämen oder sich scheiße behandeln lassen. Aber Taxifahrer sind nicht sehr anerkannt. Daher kommt auch die Beschreibung der kleinen Leute: Die Gesellschaft hat es geprägt. Das merke ich auch im Taxi immer wieder, wenn einige Gäste nicht einmal fähig sind, "Guten Tag" zu sagen. Einige wundern sich auch, wenn sie mich reden hören. "Warum sind Sie Taxifahrer, Sie können doch so gut sprechen?" Fairerweise muss ich aber auch sagen, dass ich immer wieder tolle Gespräche mit Gästen führe. Die bleiben mir dann im Kopf, wenn ich nachts durch Berlin fahre.

Momentan ist das Geschäft so ruhig wie noch nie in meinen neun Jahren als Taxifahrer. Ruhig bedeutet, dass ich kaum Geld verdiene. Schuld daran, so meine Meinung, ist Uber. Da fühle ich mich von der Politik im Stich gelassen. Uber benutzt Lücken im Personenbeförderungsgesetz, um das eigene Geschäft ausbauen zu können. Das wird immer schlimmer. Die Politik aber wird immer ruhiger. Wie lange sollen Taxifahrer noch von ihrer Arbeit leben? Das ist auch ein Grund, wieso ich jetzt aufs Abendgymnasium gehe. Aber wenn das alle kleinen Leute machen würden – wer würde dann deren Jobs machen?

"Ich bin wohl Staffage"

Sabrina Stephan*, 51 Jahre

Es ist mir unangenehm, über dieses Thema zu reden. Interessiert dann ja wahrscheinlich doch keinen. Wieso sollte es auch, ich räume ja nur den Müll von anderen Leuten weg. Muss man so drastisch sagen. Man macht den Job ja auch nicht gerne, als Putzfrau. Oder Reinigungskraft, wie man jetzt sagt. Ich sehe das auch in den Gesichtern der Menschen, die am Morgen ins Bürogebäude kommen. Eigentlich sind wir Reinigungskräfte dann schon weg. Aber manche kommen so früh, dass sie uns noch erwischen. Und was sehe ich in deren Gesichtern? Meist eben nichts, weil sie mich nicht anschauen. Ich bin wohl Staffage, gehöre irgendwie zum Gebäude. Außer wenn mal ein Mülleimer nicht ausgeleert wurde, dann kennt man uns wieder.

Jetzt denken bestimmt alle, dass ich so eine Nörgeltante bin. Das will ich aber gar nicht sein. Eigentlich lebe ich auch nicht unglücklich. Aber wenn ich mir dann mal die Zeit nehme und nachdenke, kommt doch ziemlich viel hoch.

Also, ich arbeite bei einem Unternehmen, das vor allem Menschen für Gebäudereinigung beschäftigt. Meistens bin ich in den gleichen paar Gebäuden unterwegs und habe da auch meine Kollegen, die ich kenne. Viel geredet wird da aber nicht. Wir machen unsere Arbeit. Ich mache Toiletten sauber, entferne Flecken aus dem Teppichboden, wische über Tische, leere Mülleimer aus. Nichts davon ist eine große Herausforderung, aber es läppert sich bei diesen Großraumbüros, in denen ein paar Hundert Leute arbeiten. Früher habe ich auch mal schwarzgearbeitet, in Privathaushalten.

Ich habe leider nie was Richtiges gelernt. Das würde ich heute alles ändern. Geheiratet habe ich ziemlich früh, mein Mann hat ausgesorgt. Aber wie das Leben so mit einem spielt, haben wir uns scheiden lassen. Meine beiden Kinder sind mir zum Glück geblieben, dafür bin ich auch sehr dankbar. Manchmal geben die mir auch ein bisschen Geld, wenn es zum Monatsende wieder knapp ist. Dieses Gefühl macht mich wirklich klein. Ich will das eigentlich nicht. Die Kinder haben aber wohl recht. Wenn sie das Geld überhaben, wieso dann nicht der armen Mutter aushelfen?

Jetzt habe ich mich schon selbst klein genannt. So fühle ich mich auch öfter. Wenn die Politik von kleinen Leuten redet, meint sie wohl genau so jemanden wie mich. Ob sie mir aber wirklich was Gutes tun wollen, weiß ich nicht. Die Politiker sind wahrscheinlich genauso wütend, wenn ihre Tische nicht richtig abgewischt sind. Ganz ehrlich, ich kümmere mich kaum um die Politik. Ich habe das Gefühl, dass deren Entscheidungen nicht bei mir ankommen. Von meiner Rente werde ich niemals leben können, auch nicht mit Mindestlohn. Geld zurücklegen ist nicht drin. Bei der letzten Wahl bin ich auch nicht hingegangen. Da haben meine Kinder natürlich geschimpft. Kurz habe ich überlegt, mal das Kreuz bei der AfD zu machen. Das werden aber wohl genauso Quasselköpfe sein, wenn sie dann regieren würden. Die quasseln ja jetzt schon viel zu viel. Aber das mache ich ja auch gerade.

Sobald der Frühling sich wieder blicken lässt, werde ich mich aufs Fahrrad schwingen. Das macht mir Freude. An freien Tagen einfach rausfahren, ganz ohne Ziel. Wir haben doch eh immer zu viele Ziele im Leben. Und Radfahren kostet nichts. Da kann ich dann schon mal Stunden unterwegs sein. Manchmal alleine, manchmal mit einer guten Freundin. Das Fahrrad habe ich noch aus meiner Ehe. Ich hoffe, das hält noch lange durch. Ein neues Rad ist auch nicht billig.

*Name von der Redaktion geändert

"Ohne die würde doch alles zusammenbrechen"

Julia Scherf, 25 Jahre

Ich arbeite als Einzelhandelskauffrau an einer Fleisch-Käse-Bedientheke bei Edeka in Hannover. Mein Vertrag ist fest und sogar unbefristet. Das ist hier eine ziemliche Ausnahme, viele arbeiten von Befristung zu Befristung. Selbst in der Lohnendstufe habe ich nicht viel mehr als ein okayes Gehalt. Im Schichtdienst ändern sich meine Zeiten häufig. Wenn der Frühdienst dran ist, stehe ich um halb vier auf. Im Spätdienst bin ich kurz vor neun am Abend zu Hause. Ich muss pendeln, denn ich wohne in Lehrte, einem kleinen Ort in der Nähe von Hannover.

Dadurch, dass ich nicht sehr viel Geld verdiene, bin ich auch im Alltag eingeschränkt. Ich gehe gern in die Oper. Das ist aber kaum drin. Alleine weil ich dafür auch immer erst nach Hannover muss. Bei mir im Ort gibt es nicht viel Infrastruktur. Ein Schwimmbad, ein Kino, das war es so ziemlich. Zum Glück ist die Anbindung nach Hannover in Ordnung.

Die größere Einschränkung in meinem Leben ist jedoch eher das Ansehen meines Berufs. Ich sehe mich daher auch inbegriffen, wenn ich den Begriff kleine Leute höre. Für mich hat das nicht nur damit zu tun, was jemand verdient. Sondern auch damit, ob die Person in einem Beruf arbeitet, der gesellschaftlich anerkannt und angesehen ist. Es gibt Leute, deren Stimme wird alleine aufgrund des Berufs nicht gehört. Die haben dann auch keine gesellschaftliche Reichweite.

Ich möchte nicht, dass mein Beruf meinen angenommenen Intellekt schmälert, nach dem Motto: "Die hat doch bestimmt nur einen Hauptschulabschluss, wählt wahrscheinlich noch AfD." Viele Menschen fügen sich wohl auch in dieses Vorurteil. Wenn die Gesellschaft sie so sieht, sehen sie sich irgendwann auch so. Und wenn ein Mensch erst mal denkt, dass er nicht wichtig ist … dann ist doch auch der Gedanke weg, dass in einer Demokratie jede Stimme gleich viel zählt. Damit hält man die Leute davon ab, sich selbst in die Politik einzumischen.

Den Begriff kleine oder einfache Leute finde ich daher sehr problematisch. Es gibt doch so viele kleine Leute. Die sind aber alle total unterschiedlich. Und auch gar nicht klein. Denn gerade diese gesellschaftlich nicht angesehenen Berufe – ohne die würde doch alles zusammenbrechen! Vielleicht sollte man den Begriff eher durch "wichtige Leute" ersetzen.

Aber "wichtige Leute" sind in unserer Gemeinschaft ja meist die, die auch viel verdienen. Die in Jobs arbeiten, in denen sie sehr viel Verantwortung im Großen haben. Wenn die Politik also von den kleinen Leuten spricht, dann möchte ich, dass sie vor allem von der Schere spricht, die immer weiter auseinandergeht. Auch ich will stärker das Gefühl haben, in einer solidarischen Gemeinschaft zu leben. Ich möchte nicht, dass ich durch die Art, wie ich Geld verdiene, bestimmt werde. Ich will dadurch nicht als Mensch klein gemacht werden.

"Eigentlich habe ich Germanistik studiert"

Linus Giese arbeitet seit einigen Monaten als Buchhändler. © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

Linus Giese, 31 Jahre

Viele Kunden sehen mich wohl als Verkaufsmaschine. Jemand, der Ware ausgibt und dafür Geld nimmt. Wenn sich mal wieder die Kinderwägen im Laden drängen, weil so viele Familien ihren Kindern Bücher kaufen wollen, fällt mir das besonders auf. Diese jungen, hippen Eltern, die dann nur mit ihren Kindern sprechen, während sie mir die Bücherstapel reichen. Ich soll abkassieren.

Eigentlich habe ich Germanistik studiert. Auch abgeschlossen mit einem Bachelor. Danach habe ich ein Volontariat bei einem Medienunternehmen gemacht. Übernommen wurde ich nicht. Das machen die da anscheinend generell nicht. Also war ich erst mal ein Dreivierteljahr arbeitslos. Jetzt bin ich Buchhändler, seit Juni 2017. Quereinstieg, hat zum Glück geklappt.

Hier arbeite ich in drei verschiedenen Schichten. Zwischen 9.30 Uhr und 20.30 Uhr ist immer jemand im Laden. Ich mag meine Arbeit. Viele Kunden gehen auch menschlich mit mir um. Da entwickelt sich dann eine Beziehung, die kommen ja immer wieder. Ich betreibe ein Buchblog. Beschäftige mich also auch neben der Arbeit viel mit Büchern. Ich lese einfach unglaublich gerne. Vor allem moderne Literatur.

Darum zähle ich mich wohl auch eigentlich nicht zu diesen kleinen Leuten. Bücher sind doch Kultur und so ein Buchladen ein angesehener Ort. Aber wenn ich genauer nachdenke: Mit meinem Gehalt von nicht viel über 1.000 Euro netto im Monat bei einer 40-Stunden-Woche, da gehöre ich wohl doch dazu. Eben zu den Leuten, die am Ende des Monats doch sehr genau auf ihr Geld schauen müssen. Die kein Geld für private Altersvorsorge oder so etwas übrighaben. Aber ich habe immerhin das Glück, einen Beruf zu haben, in dem ich zufrieden bin.

Trotzdem mache ich mir Sorgen bei der Debatte um kleine Leute. Ich bin ein Transmann. Auch Menschen wie ich gehören zu Bevölkerungsgruppen, die als klein oder einfach angesprochen werden. Momentan erlebe ich aber, dass man versucht, verschiedene Gruppen gegeneinander auszuspielen. Es wird so getan, als könnte ein Buchhändler, eine Friseurin oder ein Taxifahrer nicht auch trans oder queer sein.

Es wird davon geredet, dass man jetzt wieder Politik für kleine Leute machen müsse, und für vermeintlich echte Probleme. Ich habe das Gefühl, dass wieder Stimmung geschürt wird. Als hätten Menschen wie ich keine echten Probleme, sondern nur Luxusprobleme. Als wären alle Bemühungen um Gleichstellung und weniger Diskriminierung etwas, das nur die oberen 10.000 betrifft. Aber das ist nicht so. Diese Stimmung macht mir Angst. Denn sie übersieht, dass sich in vielen Menschen ganz verschiedene Probleme und Lebensentwürfe überschneiden.

Ein Begriff wie kleine Leute kann die doch gar nicht alle fassen. Er beschränkt die Menschen nur auf ihr Einkommen oder ihren Stand in der Gesellschaft. Ich erhoffe mir von der Politik ganz verschiedene Dinge. Einige davon haben mit meinem Leben als Transmann zu tun. Andere aber mit meinem geringen Einkommen. Ich frage mich, ob beim Mindestlohn eigentlich auch an Buchhändler gedacht wurde. Denn wenn ich mein Gehalt auf die Stunde runterrechne – dann ist die Zahl ziemlich klein.