Manchmal reicht die Zeit kaum für ein Bonjour. Schmutzige Windeln können erst nach Stunden gewechselt werden. Und die bleierne Müdigkeit nach dem Dienst. Seit Frankreichs Pflegekräfte gegen die "kaputtgesparten" Altenheime protestieren, erzählen Betroffene von ihren dramatischen Erfahrungen im Heim. Ende Januar gingen Zehntausende Menschen auf die Straße: Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes forderten Bewohnerinnen, Pfleger und Angehörige gemeinsam, in Seniorenheimen mehr Menschen zu beschäftigen.

Angezettelt haben die Streiks die französischen Gewerkschaften. Guillaume Gontard ist Pfleger im südfranzösischen Montpellier und freut sich, dass sich "endlich etwas tut." Zum ersten Mal in seinem Leben habe er sich gewehrt und gestreikt, auch die Bewohner hätten ihn ermutigt. "Wir wollen weitermachen. Die Regierung müsste mal unsere Arbeit machen, dann würde sie sich auch mehr für uns einsetzen", sagt der 30-Jährige. Er ist Vorsitzender der südfranzösischen Gruppe in der Pflegevereinigung (FNAAS). Täglich müsse er sich entscheiden, ob er alles korrekt desinfiziere und saubermache oder lieber ein Wort mit den Bewohnern wechsle. Es sei eine ewige Hast. Gontard ist überzeugt: Die Bewegung wird noch anwachsen. Schließlich werde jeder alt und jeder Mensch wolle in Würde sterben. "Wir haben viel zu lange alles mitgemacht", sagt er. 

Werden die Pflegekosten höher?

Das finden auch die Bewohnerinnen und Bewohner. Dennoch räumen Gewerkschaften beider Länder ein, es sei schwierig, mit den Senioren aus dem Heim zusammen zu demonstrieren. Denn auf der einen Seite haben die Pfleger Angst, dass die Kritik am Heim auf ihre Arbeit zurückfällt. Und die Bewohner haben Angst, dass die Forderung nach mehr Lohn für die Pfleger am Ende sie selbst mehr kostet, weil ihr Eigenanteil für die Pflegekosten größer werden könnte. Trotzdem haben es die Franzosen diesmal geschafft, diese Barriere zumindest teilweise zu überwinden – auch wenn die Seniorinnen häufig nicht wollen, dass ihr Heim öffentlich genannt wird. Marguerite ist zusammen mit ihren Pflegern im südfranzösischen Nizza auf die Straße gegangen. "Unser Essen ist miserabel", sagt sie, "lauwarm und verkocht." Außerdem könne sie mit etwas Hilfe eigentlich noch laufen, sehr langsam, aber immerhin. Aber weil die Pflegerinnen keine Zeit hätten, säße sie im Rollstuhl, weil das schneller ginge. "Wir Alten müssen besser behandelt werden", sagt die 86-Jährige.

Inzwischen hat die Pariser Regierung versprochen, den Etat für die Altenheime in diesem Jahr um 50 Millionen Euro aufzustocken. Viele Pflegeverbände halten das allerdings für viel zu wenig. Und noch ist völlig unklar, wohin das Geld gehen wird. Die regionalen Gesundheitsbehörden sollen es an die Heime verteilen, die es am dringendsten benötigten. Gontard sagt dazu: "Alle Heime brauchen mehr Stellen und mehr Material, ausnahmslos." Die staatlichen Heime seien so schlecht ausgestattet, dass es manchmal sogar an Waschlappen mangle. Die privaten Heime hingegen bezahlten ihre Angestellten besonders schlecht.

Immer mehr Altersheime und teilweise sogar einzelne Zimmer darin werden an private Investoren verkauft. Inzwischen haben viele französische Firmen in deutsche Einrichtungen investiert: Die französische Korian-Gruppe besitzt in beiden Ländern die meisten Pflegezimmer. Im September 2017 übernahm der französische Risikokapitalfonds Chequers Capital die insgesamt 46 Heime eines Hamburger Pflegekonzerns. Die Arbeitsbedingungen sind überall gleich hart. "Auch in Deutschland geht es den Pflegekräften schlecht. Sie sind deutlich häufiger körperlich und psychisch krank als andere Berufsgruppen und nur wenige können sich vorstellen, den Beruf bis zur Rente durchzuhalten," sagt Astrid Sauermann, Gesundheitsexpertin von der Gewerkschaft Verdi. Nachts sei in Pflegeheimen oft eine Person alleine für 50, 60 oder sogar 70 Bewohner verantwortlich.

Sauermann ist anzuhören, dass sie die französischen Kolleginnen und Kollegen um ihre Streiks beneidet – so etwas hat es in Deutschland bislang nicht gegeben. "Streiks in der Altenpflege sind schwer zu organisieren, allein weil Pflegekräfte die Bewohner oder die Patienten ungern allein lassen." Aber auch hier würden Pflegekräfte mutiger und lauter.