Auf einer Anti-Nazi-Demonstration im Sommer 2008 in Bonn fragte ich mich zum ersten Mal, ob ich auf der richtigen Seite stehe. Ich war 16 Jahre alt, und ein älterer Mann hatte mich angesprochen. Er trug Lederjacke, Arbeitermütze und in der Hand ein rotes Fähnlein. Altkommunist, dachte ich. Dann setzte er an, mir zu erklären, dass ich nur politische Gruppen unterstützen könne, die es auch dort gebe, wo ich "herkomme". Dass das Rheinland meine Heimat war, schien ihm egal. Meine schwarzen Locken reichten ihm, um mich vage im Globalen Süden zu verorten. Und mit ihm sollte ich gegen Nazis demonstrieren?

Es gibt einen alten Witz, der in verschiedenen Versionen kursiert: Wie nennt man drei Linke? Eine Bewegung. Wie nennt man den Vierten, den sie rekrutieren? Die Abspaltung. An Fragen wie der, ob der revolutionäre oder der kooperative Weg besser sei, eröffnen sich viele Konfliktlinien. Das war schon immer so. Wenn es um die großen und konkreten Themen geht, um Antifaschismus, soziale Gerechtigkeit und Pazifismus, konnten die meisten Gruppen aber Uneinigkeiten zurückstellen. Je öfter mir aber Menschen wie der Altkommunist begegneten, desto schwieriger fiel es mir, über diese Konfliktlinie hinwegzusehen.

Ich habe mich früh für Politik interessiert und mich in verschiedenen Gruppen engagiert. Das linksradikale Milieu zog mich an. Neben unserer politischen Arbeit hörten wir viel Musik, extrem im Klang und extrem im Inhalt. Wir grölten dadaistisch-banale bis systemverachtende Texte, tanzten, bis wir umkippten, und fingen einander wieder auf. Die Konzerte fanden in linken Kneipen, in besetzten Häusern und in Jugendzentren voller Graffiti statt.

Meine Freunde und ich waren gegen Religionen, gegen Ideologien, und vor allem: gegen die bevormundende Debatte um Einwanderung, Identität und Integration. Als in den späten Nullerjahren Begriffe wie Leitkultur Teile der öffentlichen Debatten bestimmten und viele sich vor allem für die Frage interessierten, wie Migranten sich zu verhalten haben – was gab es dann Radikaleres, als in nach Schweiß stinkenden Hallen und Kellern zu Raven gegen Deutschland zu feiern?

Wir waren gegen Diktatoren, auch in revolutionären Ländern

Viele der Menschen, die ich auf Konzerten traf, sah ich auf politischen Veranstaltungen und bei Demonstrationen wieder. Wir blockierten Naziaufmärsche, versahen Wahlplakate mit Slogans und tauschten uns darüber aus, wie ethischer Konsum im Kapitalismus möglich sei. Doch schon damals war etwas merkwürdig: Von Anfang an begegneten viele mir anders als den anderen. Sie sprachen mich häufig auf Dinge an, die eher wenig mit mir zu tun hatten, wie den Islam oder den Nahen Osten, und selten auf Dinge, die mich wirklich interessierten, wie Philosophie oder Technik. Mein Umfeld wollte über muslimische und arabische Politik sprechen, aber bei uns zu Hause war das kein Thema. Dennoch freute ich mich, wenn mich die anderen für einen iranischen Diplomatensohn hielten oder für einen spanischen Autonomen. Noch mehr aber freute ich mich, wenn sie gar nicht erst fragten. Ältere Aktivisten gaben mir Texte gegen Religionen, gegen Kapitalismus, gegen Nationalismus. Die meisten fand ich zwar eher langweilig und vereinfacht, aber es brachte mir Respekt, wenn ich daraus zitieren konnte.

Doch dann war da auch die linke Feministin, die mich auf rechtspopulistische, islamophobe Blogs verwies, um ihre vermeintliche Religionskritik zu belegen. Oder der Antifaschist, der mir sagte, er möge mich eigentlich, wäre da nicht die Sache mit meiner Alkoholabstinenz. Das irritierte mich zwar, aber ich schob den Gedanken schnell beiseite und konzentrierte mich auf das, was uns verband: Wir waren gegen Antisemiten, auch in linken Parteien und Gruppen. Wir waren gegen Diktatoren, auch in revolutionären Ländern. Wir waren gegen staatliche Überwachung. Und natürlich waren wir gegen Nazis, immer und überall.

Der Tonfall in meinem Umfeld verschärfte sich

Mit der Zeit häuften sich aber die Konflikte. Als ich einem linken Aktivisten erklärte, warum ich während der muslimischen Fastenzeit nichts esse, hörte ich danach nie wieder von ihm. Wenn ich meinen Alkoholverzicht mit meinen Punkfreunden erklärte, also mich als straight edge bezeichnete, brachte mir das Respekt ein. Wenn ich dies aber religiös begründete, oder sie mir einfach ohne zu fragen unterstellten, es habe religiöse Gründe – dann sagten sie, man könne mit mir keine Freizeit verbringen. Und wenn ich den Begriff "islamophob" verwendete, nannten mich manche einen Islamisten. Islamophobie gebe es nämlich nicht, das sei eine Erfindung islamistischer Propagandisten. Besonders viele Freundschaften scheiterten während des Arabischen Frühlings. Ich war den anderen zu optimistisch, was die Entwicklungen in der Region betraf, und zu kritisch gegenüber säkularen, aber westorientierten Militärs.

So wuchs die Distanz zwischen uns. Zwar hatte ich selbst Stereotype im Kopf: Meine Familie war vor den extremistischen Taliban aus Afghanistan geflohen. Dass deren Gedankengut aus arabischen Ländern stammte, hörte ich bereits als kleines Kind und vermengte Islamismus mit arabischen Menschen, als sei die Verbindung ganz natürlich. Als ich mich langsam davon löste, fiel mir auf, dass auch mein politisches Umfeld seine Vorurteile gegen Araber einfach als Religions- oder Islamkritik verpackte. In diesem Weltbild stehen Araber, arabische Staaten und arabische Kultur für religiösen Fundamentalismus, Militarismus und Nationalismus. Der Arabische Frühling zeigte mir aber, dass Dinge nicht so einfach waren. Meine pauschale Ablehnung war nichts als ein rassistisches Vorurteil.

Hautfarben durften nicht existieren, taten es aber doch

Ich bemerkte, dass ich selbst antimuslimische Vorurteile zu schüren half. Ich mochte mich als säkularen, linken Muslim sehen, dem Religion nie viel bedeutet hatte – für mein mehrheitlich weißes, linkes Umfeld aber war ich ein Kronzeuge gegen die arabisch-muslimische Welt. Wenn ich Israel gegen antisemitische Kritik verteidigte, hatte das für sie einen besonderen Stellenwert. Nachdem ich aber selbst in Israel gewesen war, konnte ich mir den Staat nicht mehr als eine egalitäre linke Utopie schönreden. Mitreisende anderer Hautfarben wurden am Flughafen einfach durchgewunken. Ich durfte dagegen erst ins Land, nachdem mich meine weißen Freunde mit den Worten "der gehört zu mir" abholten. Die Welt war eine andere für mich, aber das konnte ich meinen Freunden nicht vermitteln. Mir fehlten die Worte, mich zu erklären. Und ihnen fehlte die Geduld, mir zuzuhören.

Im Studium kam ich dann mit moderaten linken Gruppen in Kontakt. So konnte ich meinen eigenen Rassismus und meine Rassismuserfahrungen besser einordnen. Je kritischer ich mir selbst gegenüber wurde, desto enttäuschter war ich von früheren Mitstreitern, die diese Entwicklung nicht machten.

Auf vielen politischen Veranstaltungen war ich all die Jahre der einzige nichtweiße Mensch gewesen, und ich begann zu verstehen, warum dies so war. Hautfarben durften nicht existieren, taten es aber doch. Auf einer Veranstaltung mit schwarzen Aktivisten aus französischen Vororten mussten diese sich zu Sexismus, Homophobie und Antisemitismus rechtfertigen, wie ich es noch nie bei weißen Aktivisten erlebt hatte.

Der Tonfall in meinem Umfeld verschärfte sich 2014 noch einmal. Israel führte den Gaza-Krieg, und in Deutschland demonstrierten ähnlich wie heute propalästinensische Aktivisten, viele davon Migranten. Dabei brüllten sie antisemitische Parolen. Die Reaktion darauf war Entsetzen und Verurteilung, auch von mir. Nur: In die Verurteilungen mischte sich eine besondere Schärfe, gerade in linken Gruppen. Dieselben Menschen, mit denen ich mich gegen die Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus gewehrt hatte, um die Besonderheiten des Faschismus nicht zu übertünchen, sprachen nun vom "Islamofaschismus". Sie setzten nicht nur weitgehend friedliche Islamisten wie die Gülen-Bewegung mit heterogenen Islamisten wie der Muslimbruderschaft, den sunnitischen Terroristen von Al-Kaida oder dem schiitischen Regime im Iran gleich. Diese sehr unterschiedlichen Formen von Islamismus teilten sich plötzlich auch eine Kategorie mit Hitlerdeutschland, Mussolinis Italien und dem spanischen Franquismus.

Plötzlich wird Racial Profiling gefordert

Der Feind lauerte für meine Freunde seitdem nicht mehr nur in der rechten Ecke, sondern in migrantischen Vierteln und Milieus. Da war es dann auch nur konsequent, gegen diesen Feind staatliche Repressionen zu fordern: Racial Profiling, Überwachung, massive Polizeieinsätze, sogar militärische Interventionen. Mitglieder der Grünen Jugend, mit denen ich früher gegen Krieg demonstriert hatte, schlossen sich der Initiative "Stop the Bomb" an. Ich kannte die Initiative bis dahin nur aus rechtspopulistischen Blogs, auf deren Konferenz 2008 hatten Teilnehmer einen atomaren Präventivschlag gegen den Iran gefordert.

Als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 2017 vermutlich Rechtsradikale einen Brandanschlag auf eine Marburger Moschee verübten, wurde in einer Presseerklärung der Antifa Marburg dieser zwar als vermutlich rassistisch verurteilt,  aber auch auf mögliche Verbindungen der Moschee zu Islamisten hingewiesen. Befreundete Antifaschisten von damals sprechen heute in sozialen Medien von "kulturell unterlegenen" Ländern, wenn sie Staaten im Nahen Osten meinen. Einer ging gleich so weit, nach den antisemitischen Parolen bei den propalästinensischen Demonstrationen im Dezember Islamisten die Reise nach Israel anzubieten, "damit sie dort von den Sicherheitskräften eine Kugel in den Kopf bekommen".

Gegen den vermeintlichen wie den realen Faschismus scheint manchen Linken jedes Mittel recht zu sein. Das führt aber zu Entgleisungen. Applaus erhalten sie ironischerweise insbesondere von Rechten, die sich über neue, ähnlich Gesinnte freuen.

Die linksradikale Szene macht mir Angst

Ich bin nicht der Einzige, der diese Probleme anspricht. Manche haben sich in den vergangenen Jahren für Geflüchtete engagiert und sich dabei gegen Pauschalisierungen und Rassismus ausgesprochen. Neu sind auch linke Veranstaltungen, auf denen es gleichzeitig Workshops zu Antisemitismus, Rassismus und Muslimfeindlichkeit gibt. Was früher für Flügelkämpfe gesorgt hätte, ist heute Anlass für Allianzen – bislang aber vor allem bei kleinen, lokalen Initiativen.

Dass Diskriminierung vermehrt diskutiert wird, sorgt aber auch dafür, dass sich einige Radikale von damals umso mehr abkapseln. Ich kenne grüne oder linke Lokalpolitiker, die Artikel von Seiten ohne Impressum teilen, welche Hass gegen die UN und Amnesty International verbreiten und welche ihre Aussagen mit theoretischen Traktaten ohne Quellen untermauern. Berichte von seriösen Menschenrechtsorganisationen, wissenschaftliche Studien oder Qualitätsmedien gelten schnell als fehlerhaft. Persönliche Diskriminierungserfahrungen, sofern sie nicht in ihr Weltbild passen, tun sie als subjektiv oder übertrieben ab. Trotzdem machen sie Karriere – als schlagfertige, junge, streitlustige Politiker.

Diese linksradikale Szene ist eine soziale Blase, in der ich mich schon lange nicht mehr willkommen oder anschlussfähig fühle. Weder meine Sprache noch meine Erfahrungen haben dort einen Platz. Die Szene macht mir eher Angst. Manchmal höre und lese ich von den Leuten Sätze, in denen so viel Hass steckt, dass ich am liebsten den Verfassungsschutz rufen würde. Aber das kann ich als antiautoritärer Linker doch nicht tun – oder?

Der Autor arbeitet regelmäßig im Nahen Osten und schreibt hier aus Sicherheitsgründen unter Pseudonym. Sein Name ist der Redaktion bekannt.

Anmerkung 7. Mai 2018: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es über die Antifa Marburg, es sei ihre "einzige Reaktion" auf den Brandanschlag gewesen, mögliche Verbindungen der Moschee zu Islamisten zu diskutieren. Dies ist falsch, die Antifa Marburg hat außerdem den Brandanschlag als vermutlich rassistisch verurteilt. Wir haben den Artikel entsprechend korrigiert. Die Redaktion