Wer in der amerikanischen National Rifle Association Mitglied werden will, muss einen Jahresbeitrag von 40 Dollar zahlen. Dafür bekommt der- oder diejenige von der NRA ein Willkommensgeschenk und eine der Verbandszeitschriften. Außerdem gibt es eine spezielle Versicherungspolice für Schützen und diverse Rabatte bei Autovermietern, Banken oder Hörgeräteanbietern. Bislang zumindest. Denn seit dem Angriff auf eine Schule in Parkland überdenken viele Unternehmen ihre Kooperation mit dem Waffenbesitzerverband.

Die Versicherungsunternehmen Chubb und MetLife, die Computersicherheitsfirma Symantec, die Autovermieter Avis Budget Group, Hertz und Enterprise – wozu auch Alamo gehört – kündigten an, dass sie nicht länger mit der NRA Geschäfte machen wollen. Chubb Limited vertrieb eine Rechtsschutzversicherung, die Kosten für Zivil- oder Strafverfahren abdeckte, wenn der Waffenbesitzer auf jemanden geschossen hatte. Man werde diese nicht mehr anbieten, teilte Chubb mit. Auch die First National Bank of Omaha, eine große Privatbank, hat ihre Beziehung beendet. Sie hatte bisher "die offizielle NRA-Kreditkarte" herausgegeben, mit der Inhaber an Tankstellen oder in Sportgeschäften Rabatt bekommen.

Auf die Idee kamen die Unternehmen nicht von selbst, sie gaben damit entsprechenden Forderungen ihrer Kunden nach. "Kunden-Feedback hat uns dazu veranlasst, unsere Beziehungen zur NRA zu überprüfen", twitterte die Bank am Donnerstag. Seit Tagen gibt es den Hashtag #BoycottNRA, boykottiert die NRA. Er scheint bei vielen Unternehmen zu wirken.

Die Organisation Moms Demand Action for Gun Sense, die 2012 nach dem Mord an 20 Erstklässlern gegründet wurde, richtete eine Petition an Firmen wie Apple, Amazon, AT&T und Google. Sie werden darin aufgefordert, den Videokanal der Waffenlobby, NRATV, nicht mehr auf ihren Plattformen zu verbreiten, da er rassistische Hetze und Verschwörungstheorien enthalte.

Nach dem Massenmord an der Sandy Hook Elementary School in Newtown 2013 hatte es eine ähnliche Kampagne gegeben. Sie bekommt nun wieder viel Unterstützung – der Grund dafür sind auch die dabei eingesetzten Waffen.

Verkaufsschlager Kriegswaffe

Die NRA ist nicht einfach ein Verein von Waffenbesitzern. Sie ist eine rechtskonservative Bewegung, die versucht, auf die Politik in den USA Einfluss zu nehmen. Sie nutzt dazu ihre fünf Millionen Mitglieder, vor allem aber Geld der Waffenindustrie. "Helfen Sie mit, die sozialistische Welle zu bekämpfen", lautet ein aktueller Aufruf des Vorsitzenden Wayne LaPierre. Sein Ziel sind Verbraucherschützerinnen wie die demokratische Politikerin Elizabeth Warren, eine erklärte Gegnerin Donald Trumps. Die Organisation lobbyiert dabei unter anderem dafür, dass Privatpersonen weiterhin Sturmgewehre wie das AR-15 kaufen dürfen.

Vor allem dieses Ziel sorgt nun für lauten Protest. Das AR-15 ist die halbautomatische Version des Standardgewehrs der US-Armee. Es ist dort seit Jahrzehnten im Einsatz, weil es leicht, präzise und auch auf größere Entfernung tödlich ist.

Im Unterschied zur Armeeversion kann die Variante für den zivilen Markt lediglich nicht im Modus Dauerfeuer schießen. Für jeden Schuss muss erneut der Finger gekrümmt werden. In den USA ist es eines der beliebtesten Gewehre privater Besitzer. Mit einem billigen und frei verkäuflichen Zubehörteil, dem sogenannten Bump Stock, lässt sich daraus wieder ein vollautomatisches Gewehr machen. Aber auch ohne Bump Stock können aus einem AR-15 sehr schnell viele gezielte Schüsse abgegeben werden.

Mehrere der Massenmörder, die in den vergangenen Jahren in den USA gezielt auf Menschen schossen, nutzten dazu ein legal gekauftes AR-15. Bei sechs der zehn tödlichsten Angriffe der vergangenen zehn Jahre spielte das Sturmgewehr eine Rolle, zuletzt in Florida. Laut Polizei war der 19-jährige Nikolas Cruz mit einem AR-15 und vielen Magazinen bewaffnet, als er in die Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland kam und dort 17 Menschen erschoss.

"Es macht haufenweise Spaß"

Ignoranten würden das als "Kriegswaffe" bezeichnen, die nur für Mord und Chaos tauge, schreibt die NRA in einem aktuellen Beitrag. "Doch nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt." Der Text listet zehn Gründe auf, warum das AR-15 zu Recht so beliebt sei. Unter anderem deswegen, weil es sich so gut dazu eigne, Kindern das Schießen beizubringen. Es sei leicht zu bedienen und habe einen geringen Rückstoß. "Es gibt kein besseres Gewehr, um Jugendlichen die Fähigkeit des genauen Gewehrschießens beizubringen." Ein AR-15 zu besitzen sei "so amerikanisch wie Baseball und Apfelkuchen" und es mache "haufenweise Spaß", damit zu schießen.

Diese Argumentation wirkt. Zwischen 1994 und 2004 durften solche Sturmgewehre in den USA nicht an Zivilisten verkauft werden. Doch das unter Bill Clinton verabschiedete entsprechende Gesetz lief aus. Der Versuch, es zu reinstallieren, scheiterte 2013 auch dank der Lobbyarbeit der NRA. Inzwischen aber scheint sich der Widerstand zu mehren.

Auch dank Berichten wie dem der Radiologin Heather Sher. Sie arbeitet in einem Krankenhaus in Florida, in dem Opfer des Angriffs auf die Marjory Stoneman Douglas High School versorgt wurden. Sie habe schon Tausende Schusswunden gesehen und versorgt, schreibt sie in The Atlantic. Aber nur selten so verheerende wie die, die ein AR-15 verursache. Aufgrund der hohen Energie und Geschwindigkeit der Geschosse reißen diese große Wundkanäle in den getroffenen Körper. Nicht das Geschoss selbst verursacht dabei die enorme Verletzung, sondern die Druckwelle, die es im Wundkanal erzeugt. Einen Schuss beispielsweise in die Leber überlebe das Opfer normalerweise, schreibt Sher. Doch eine Kugel aus einer AR-15 verursache in der Leber so schwere Blutungen, "dass es der Patient wahrscheinlich niemals bis in unser Traumazentrum schafft".

Für die NRA ist das alles eine Kampagne. Die Lobbyisten reden nie über Opfer, für sie geht es immer nur darum, dass Waffen schützen. "Es geht um unser Recht, unseren Kindern denselben Schutz zu bieten wie unseren Prominenten", zitiert faz.net aus einem Podcast mit der Sprecherin der NRA, Dana Loesch. "Wir schützen unser Geld, unsere Prominenten mit Waffen und wir sollen nicht das Recht haben, uns privat und unsere Schulen zu schützen?"

Nachtrag: Der Satz, dass das AR-15 in Deutschland als Kriegswaffe gelten würde, wurde nachträglich entfernt. Er gilt nur bedingt. Auch in Deutschland kann es unter bestimmten Einschränkungen gekauft werden. So muss der Lauf länger als 42 Zentimeter sein, und das Magazin darf nicht mehr als zehn Schuss aufnehmen können. Auch ein Rückbau zum vollautomatischen Gewehr darf nicht möglich sein.