Es ist nicht bekannt, wer den slowakischen Journalisten Jan Kuciak und seiner Lebensgefährtin ermordet hat. Doch alles weist darauf hin, dass es ein Auftragsmord war. Der erst 27-jährige Kuciak starb, weil er über die Verbindungen der Organisierten Kriminalität zur slowakischen Politik recherchiert hatte.

Im Zuge der Ermittlungen der Polizei wurde auch ein Zusammenhang zur kalabrischen Mafia, der 'Ndrangheta, hergestellt. Experten wie der italienische Staatsanwalt Nicola Gratteri warnen schon seit Langem vor ihr. Diese Mafiagruppe ist, sagte Gratteri nach dem Mord an Kuciak, im Norden und im Osten Europas inzwischen verwurzelt.

Das mag vielen wie eine übertriebene Behauptung erscheinen. Doch die Recherchen Kuciaks und seine Hinrichtung sind ein Beleg dafür, dass Gratteri recht hat. Die 'Ndrangheta ist keine kriminelle Organisation mehr, die allein im Süden Italiens ihr Unwesen treibt. Sie ist in Deutschland aktiv, in der Slowakei, in Belgien, in der Schweiz, in Frankreich. Sie ist überall dort, wo es Gelegenheiten gibt, Geld zu machen. Sie ist mitten unter uns.

Nähe zur Politik

Die 'Ndrangheta hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten erfolgreich globalisiert. Sie pflegt enge Verbindungen zu den Drogenkartellen in Lateinamerika und kontrolliert den Kokainhandel in und nach Europa. Das hat sie zur reichsten, mächtigsten und gefährlichsten Mafiaorganisation Europas gemacht. Sie ist ein europäisches Problem, kein italienisches.

Der letzte, unvollständig gebliebene Artikel, den es von Jan Kuciak gibt – sofern die dargelegten Fakten stimmen – gibt einen tiefen Einblick in die Arbeitsweise der 'Ndrangheta. Sie sucht – und findet –  gezielt Verbindungen zur Politik, der sie ihre Dienste anbietet. Diese Nähe zur Politik ist das zentrale Erfolgsgeheimnis der Mafia.

Der Historiker Isaia Sales, der ein umfangreiches Werk über die Geschichte der italienischen Mafiaorganisationen geschrieben hat, weist darauf hin, dass sich die Mafia von anderen kriminellen Organisationen durch ihre Langlebigkeit unterscheidet. Seit mehr als 150 Jahren gibt es sie. Sie war manchmal stärker, manchmal schwächer, aber sie hat bislang jede Repression überlebt. Und gerade die 'Ndrangheta ist heute so stark wie nie zuvor.

Sales bringt in seinem Buch zahlreiche Beispiele dafür, wie die Mafiaorganisationen im Laufe der vergangenen 150 Jahre der Politik ihre Dienste angeboten haben. Einmal war es Hilfe bei der Landung der Alliierten in Sizilien im Kriegsjahr 1944. Ein anderes Mal die Unterdrückung von italienischen Bauern, die nach Landreformen verlangten. In der Nachkriegszeit sind es vor allem Wählerstimmen, die der Politik im Paket angeboten werden. Die Mafia bedient die Gier von Politikern nach Macht und Geld und verlangt dafür entsprechende Gegenleistungen.

Sie hat italienische Geschichte mitgeschrieben – inzwischen schreibt die Mafia auch europäische mit. Das ist die beunruhigende Nachricht des Mordes an Jan Kuciak und seiner Lebensgefährtin.