Der frühere Mainzer Bischof Karl Lehmann ist tot. Nach Angaben des Bistums Mainz starb der Kardinal am Sonntagmorgen in seinem Haus in Mainz. Bereits im vergangenen Jahr hatte der 81-jährige einen Schlaganfall und eine Hirnblutung erlitten – seine Kräfte waren seitdem deutlich geschwunden.

"Das Bistum Mainz trauert um einen weit über die Kirche hinaus hoch angesehenen Theologen und Seelsorger, einen leidenschaftlichen Brückenbauer zwischen den Konfessionen und einen Zeugen des Glaubens inmitten der Gesellschaft", erklärte Lehmanns Nachfolger, Bischof Peter Kohlgraf in Mainz. "Wir verlieren einen allseits geliebten Bischof, der mit seiner Lebensfreude, seiner Menschlichkeit und seinem Glaubenszeugnis in den vielen Jahren seines Wirkens nicht nur im Bistum Mainz, sondern auch in der Deutschen Bischofskonferenz als langjähriger Vorsitzender Herausragendes geleistet hat", sagte der Bischof.

Im Jahr 1968 hatte Lehmann eine Professur für katholische Glaubenslehre an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz übernommen. Bei seiner Ernennung zum Bischof im Jahr 1983 war er der jüngste Bischof in Deutschland, zudem leitete er zwischen 1987 und 2008 die deutsche Bischofskonferenz. 2001 wurde er von Papst Johannes Paul II. zum Kardinal ernannt. Aus Altersgründen ging er 2016 in den Ruhestand und weihte im Jahr darauf den Theologieprofessor Peter Kohlfgraf zum neuen Bischof von Mainz.

Mit großer Betroffenheit und Trauer hat die Deutsche Bischofskonferenz auf die Nachricht vom Tod Kardinal Lehmanns reagiert.  "Ein großer Theologe, Bischof und Menschenfreund geht von uns. Mit seinem Tod verlieren wir einen warmherzigen und menschlichen Bischof, den eine große Sprachkraft auszeichnete", erklärte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx in Bonn. "Die Kirche in Deutschland verneigt sich vor einer Persönlichkeit, die die katholische Kirche weltweit wesentlich mit geprägt hat." Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) würdigte den verstorbenen Kardinal. "Mit Kardinal Lehmann verliert die katholische Kirche einen herausragenden Kirchenführer der letzten Jahrzehnte, einen beliebten und umsichtigen Bischof, einen hoch anerkannten Wissenschaftler und nicht zuletzt einen großen Menschenfreund", erklärte ZdK-Präsident Thomas Sternber.

Symbolfigur eines weltoffenen Katholizismus in Deutschland

Der Bischof galt jahrzehntelang als Symbolfigur eines weltoffenen Katholizismus in Deutschland. Bei vielen Themen, etwa bei der Schwangeren-Konfliktberatung und bei wiederverheirateten geschiedenen Katholiken, vertrat Lehmann einen gemäßigt liberalen Kurs. Zudem setzte er sich für die Verständigung zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche ein. 

Für Lehmann galt, dass die Treue zum Glauben und die Treue zu den Menschen zusammengehören und sich Glaube und Vernunft nicht ausschließen. "Der Glaube ist ein Gehorsam, der wenigstens potenziell mit der menschlichen Vernunft übereinstimmen muss", sagte er. Konservative Kritiker warfen ihm für seinen offenen Kurs vor, die katholische Kirche in Deutschland zu einer "Lehmann-Kirche" zu machen, die sich ohne Not dem Zeitgeist anpasse. Bei seinen Anhängern galt Lehmann allerdings als "Brückenbauer" und "Mann des Dialogs".

Großer Anhänger von Papst Franziskus

Lehmann mahnte immer wieder Reformen in der katholischen Kirche an. So sprach er sich für ein ständiges Diakonat von Frauen, eine Priesterweihe von in Ehe und Beruf bewährten Männern sowie eine engere Zusammenarbeit von Priestern und Laien aus. Zudem kritisierte er politische Entwicklungen, etwa die mangelnde Solidarität osteuropäischer Länder mit Flüchtlingen. Klar abgeneigt zeigte er sich außerdem gegenüber der AfD.

Kardinal Lehmann galt als großer Anhänger von Papst Franziskus. Dieser lasse laut Lehmann Diskussionen zu und wage neue Ansätze. "Die Starrköpfe sitzen an verschiedenen Stellen und man kann nur hoffen, dass der Papst lange lebt und gesund bleibt", sagte er über den Papst. Mit seinem Schreiben Amoris laetitia (Freude der Liebe), das den seelsorgerischen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen behandelte, griff Franziskus etwas auf, wofür sich Lehmann über Jahrzehnte eingesetzt hatte.