Dort, wo Manuela Dietrich schläft, hat sie es sich schön gemacht. Auf einem Tisch ein Strauß aus rosafarbenen Plastikblumen, daneben ein grüner Aschenbecher, für die vielen Zigaretten. Die Becher mit Alkohol stehen ordentlich auf Bierdeckeln. Wenn irgendwo Dreck herumliegt, fegt Manuela Dietrich ihn weg, den Müll schmeißt sie in einen Eimer neben ihrem Bett.

Ihr Wohnzimmer liegt zwischen einer öffentlichen Toilette und dem Eingang zum U-Bahnhof Lichtenberg in Berlin. Zwei Klappbetten stehen dort, eins für sie und eins für ihren Kumpel Ulli. Alle zwei Minuten rollt eine Bahn vorbei, dann hört Dietrich immer kurz auf zu sprechen. Ihre Stimme, sagt sie, sei doch eh schon so heiser, da will sie nicht noch lauter schreien: "Ich sing immer so viel, freitags und sonntags auch unten in der Bahnhofspassage, das macht meine Stimme total kaputt." Es könnte aber auch an den vielen Zigaretten liegen, die sie im Stundentakt raucht. Oder an der eisigen Kälte.

Manuela Dietrich, 49, ist eine von ungefähr 6.000 Obdachlosen in Berlin. Die vielen Jahre auf der Straße haben sich in ihr Gesicht geschrieben. Sie trägt zwei Pullover, eine Weste, darüber eine dicke blaue Jacke mit einer Kapuze, die ihr beim Reden über die Stirn rutscht. Die Beine sind unter Schlafsäcken und Decken begraben, sonst ist die Kälte nicht auszuhalten. Whiskey und Schnaps wärmen sie von innen. Heute Morgen, kurz nach dem Aufwachen, hat sie den ersten Schluck getrunken, gegen das Kratzen im Hals. Am Mittag lallt sie schon ein bisschen.

So genau kann Dietrich nicht sagen, warum sie auf der Straße gelandet ist. In ihren Erzählungen springt sie zwischen den Jahren hin und her, flüchtet sich in Details und manchmal verheddert sie sich auch in Widersprüchen. Ihre Geschichte erzählt sie so: Als Kind sei sie von ihren Eltern geschlagen worden, mit zwölf Jahren von zu Hause abgehauen, habe erst auf der Straße gelebt, dann bei Freunden. Nach der Hauptschule eine Ausbildung zur Möbeltischlerin, angefangen zu arbeiten und geheiratet. Dann sei der Unfall passiert: Sie trägt dicke Kopfhörer, ein Arbeitskollege schleicht sich an sie heran, sie erschrickt, die Bandsäge schneidet in ihren Fuß. Arbeitsunfähig, Hartz IV. 2011 habe das Schicksal wieder zugeschlagen: Ihr Mann stirbt an Krebs. Sie sagt, sie habe nicht mehr gewusst, wo oben und unten ist, sich um nichts mehr gekümmert, eh alles egal. Mit ihrer Schwägerin habe es Streit gegeben, die habe sie schließlich aus der Wohnung geworfen. Seitdem, sagt Manuela Dietrich, lebe sie auf der Straße. Es sei eben einfach so passiert.

Der Bahnhof Lichtenberg ist seit vergangenem Oktober ihr Revier. Vorher hat sie am Ostbahnhof geschlafen, aber da musste sie irgendwann weg. In Lichtenberg wird sie geduldet, solange sie alles sauber hält und keinen Ärger macht.

"Seid ihr noch warm?"

Manuela Dietrich und Ulli sitzen hier den ganzen Tag. Immer wieder kommen Freunde vorbei, andere Obdachlose von früheren Plätzen, an denen sie mal gewohnt haben. Sie reden viel, schimpfen über die Ausländer, foppen einander, schlagen die Zeit tot. Als Manuela Dietrich ein paar Sonnenstrahlen auf ihrer Haut spürt, singt sie vergnügt vor sich hin: "Die Sonne, die Sonne, die Sonne und ich ..." Zwei Minuten später wird sie wütend, weil der Aschenbecher schon wieder voll ist. "Mann, ey, so was nervt mich", sagt sie und zündet sich eine Zigarette an.

Eine Frau geht vorbei und bietet der Runde grüne Äpfel an. "Oh, die sehen so lecker aus!", schwärmt Dietrich. Essen kann sie sie trotzdem nicht: zu hart für ihre wenigen Zähne. Der Koch einer Kindertagesstätte, in der immer Essen übrig bleibt, kündigt an, morgen Eintopf vorbei zu bringen. "Habt ihr Lust?" Dietrich bekommt große Augen. Es sind oft dieselben Leute, die ihre Hilfe anbieten oder Manuela Dietrich und Ulli auf dem Weg zur Bahn ein paar Euros zustecken. Stammkunden, so nennt Dietrich sie.

Die beiden Polizisten kennen Ulli und Manuela Dietrich schon. Manchmal bringen sie sogar Kaffee vorbei. © Charlotte Schmitz/Le Journal für ZEIT ONLINE

Gegen Mittag kommen zwei Polizisten vorbei. "Na, wie läuft's, seid ihr noch warm?," fragen sie, manchmal bringen sie auch Kaffee mit. "Lasst euch nicht ärgern und passt auf euer Zeug auf. Wenn irgendwas ist, dann meldet euch, wisst ihr ja!" Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Berliner Kältebusses kennen Dietrich: Nachts kommen sie manchmal und rütteln an ihren Schultern, um zu überprüfen, ob sie noch bei Bewusstsein ist. Sie fragen sie dann auch, ob sie nicht mit in eine der vielen Notunterkünfte kommen will. Dietrich verneint immer. Sie hat Angst, in den Unterkünften beklaut zu werden, sagt sie, außerdem seien die Toiletten dort so schmutzig.

Tatsächlich müsste Manuela Dietrich nicht frieren, weder nachts noch tagsüber. Zwei Minuten von ihrem Schlafplatz entfernt liegt der "TagesTreff für Wohnungslose und Bedürftige". Dort könnte sie um 8 Uhr morgens ein kostenloses Frühstück bekommen, um halb 12 Mittag- und um 16 Uhr Abendessen. Man kann die Wäsche waschen und es gibt einen Arzt, der gratis behandelt. Dietrich sagt, zum TagesTreff wolle sie nicht, sie habe keine Lust, immer das Gleiche zu essen. Zu dem Arzt geht sie ab und zu, um sich Medikamente zu besorgen: Sie hat ihr kaputtes Bein, außerdem Diabetes und kürzlich musste sie am anderen Bein operiert werden, weil es unterkühlt war.