Von früh bis spät einen Mann in ihrer Wohnung, der ihr womöglich den ganzen Haushalt durcheinanderbringt, nein, das kann sich Ingeborg nicht mehr vorstellen. Dazu lebt sie zu lange allein. Die Kinder sind längst aus dem Haus, sogar die Enkeltochter studiert derzeit im Ausland, mit ihr unterhält sie sich per Skype. Sie hat Freundinnen, ihren monatlichen Lesekreis, einmal in der Woche macht sie mit den "Stock-Enten" Nordic Walking, auch muss sie öfter mal zum Arzt. Damit ist Zeit ausgefüllt, nicht Leben.

Gern hätte sie einen Partner, mit dem sie diskutieren und Veranstaltungen besuchen, reisen und reden kann, der sie mal in den Arm nimmt. Und Sex? Ingeborg kann sich eigentlich nicht vorstellen, sich vor einem Mann ihres Alters auszuziehen. Wird man zusammen alt, ist das etwas anderes. Aber warum eigentlich nicht? Trotz ihrer 74 Jahre sieht sie gut aus, sie ist schlank, geht nie ohne dezentes Make-up aus dem Haus. Und vielleicht schwinden die Hemmungen in einem vertrauensvollen Miteinander? Aber wo findet man so einen für die Zielgerade des Lebens mit all den kleinen und großen Malaisen?

Neulich ist ihre Freundin Monika aus der Ehewohnung ausgezogen; sie hat sich in ihrem Chor so heftig in einen ihrer Mitsänger verliebt und der sich in sie, dass beide ihre langjährigen Ehen aufgekündigt und eine gemeinsame Wohnung gesucht haben. Und Monika ist ebenso alt wie sie! Deren Ex-Mann hat sich übrigens recht schnell mit einer verwitweten Nachbarin getröstet.

Die Geschichte hat Ingeborg einen Ruck gegeben. Wieso eigentlich nicht noch mal anfangen? Auch bei einer Frau aus ihrem Lesekreis hat es in höherem Alter gefunkt: Die traf bei der Trauerfeier für ihren einstigen Chef den Mann, mit dem sie vor Jahren – beide waren verheiratet – eine heftige Affäre erlebt hatte. Beim anschließenden Gespräch im Café saßen sie nebeneinander, fanden heraus, dass sie, obwohl sie sich zwei Jahrzehnte nicht gesehen hatten, nur drei Straßen voneinander entfernt wohnten, in derselben Apotheke, demselben Supermarkt einkauften, beide seit Langem verwitwet waren. Ihre Wohnungen wollen sie nicht aufgeben, aber sie sehen sich seitdem fast täglich.

Heute suchen auch Rentner online

Ingeborg hatte keinen Chef, sie war selbstständig, sie singt auch nicht im Chor, und sie kennt keinen verwitweten Nachbarn. In Konzerten, Ausstellungen, auf Vernissagen sieht sie nur Paare. Einmal saß sie bei einer Lesung neben einem Mann, der ihr gefiel und mit dem sie danach bei einem Glas Wein ein angeregtes Gespräch führte. Mehr ergab sich leider nicht.

Früher gab es Partner- und Heiratsvermittlungsinstitute, die die Ansprüche und Wünsche Suchender auf Karteikarten festhielten und per Post oder Telefon Treffen arrangierten. Heute haben diese Funktion Internetbörsen übernommen.

Sollte sie mal im Netz suchen? Zunächst dachte sie an eine Art Treffpunkt für ältere Singles. Ein Café speziell für diese Zielgruppe wäre schön, eine gepflegte, lockere Atmosphäre, in der man zwanglos miteinander ins Gespräch kommt und in Ruhe herausfinden kann, ob man sich näher kennenlernen möchte oder nicht. Eine absolute Marktlücke in der großen Hauptstadt, stellte Ingeborg fest. Vor einiger Zeit hatte sie von einer Ü60-Party in Berlin gehört oder gelesen. Sie suchte vergeblich. Hat sich wohl für die Veranstalter nicht gelohnt.

Im Internet stieß sie auf Speeddating. 70-Jährige sind zwar heute unternehmungslustiger, fitter und gesünder als die früherer Generationen, aber speedy? Auch wenn die Waage zwischen Sympathie und Antipathie binnen Sekunden ausschlägt, ein bisschen mehr möchte man schon erfahren, als in sieben bis zehn Minuten zu erfragen möglich ist. Und für Ingeborg sind schließlich andere Kriterien entscheidender als das Aussehen: gleiche Interessen, eine ähnliche Sicht auf die Welt, ein respektvoller Umgang mit den Mitmenschen. Auch gute Umgangsformen sind für Ingeborg wichtig.

Altersgrenze: 50 Jahre

Sie entdeckte ein "Face-to-Face-Dating": Sechs Personen sitzen in einer Bar an einem Tisch zusammen, nach eineinhalb Stunden wird die Bar und damit die Tischgesellschaft gewechselt. Nach drei Barrunden treffen sich alle Teilnehmer und am nächsten Tag kann man wählen, ob und wen man gern wiedersehen möchte. Abgesehen davon, dass solches Bar-Hopping vielleicht mit 30 lustig ist, die Obergrenze gibt der Veranstalter mit 50 Jahren an. Auch das kommt also nicht infrage.

Dann stieß Ingeborg auf eine Idee, die ihr gefiel: Socialmatch. Fünf Frauen und fünf Männer kommen zusammen, um zwei Stunden lang zu spielen: eine Pantomime zeigen, eine Geschichte erzählen, Fragen beantworten. Dabei lassen sich schon eher Rückschlüsse auf das Wesen eines Menschen ziehen. In einigen deutschen Städten gibt es das, auch in Berlin. Die Organisatoren sortieren die Interessenten ebenfalls nach Altersgruppen – doch bei 60 Jahren ist Schluss.