Frau Lehmanns Mittagschlaf ist Zentimeterarbeit. Ein Kissen liegt noch nicht richtig, es drückt im unteren Rücken. "Hier", sagt sie, hält sich mit einer Hand an dem Griff über ihrem Pflegebett und zeigt mit der anderen auf ihre Hüfte. Jedes Kissen hat einen festen Platz. Erst wenn sie alle ordentlich zurechtgerückt sind, kann Frau Lehmann einschlafen. 

Besser? Halima Taha beugt sich über Frau Lehmann, zupft an Kissen Nummer sieben. An der Wand über dem Bett hängen viele kleine Bilderrahmen, darin lachende Gesichter aus Frau Lehmanns früherem Leben. Durch die Vorhänge blitzt die Wintersonne ins Zimmer. "Jaaaaaa", sagt Frau Lehmann, sie zieht das A in die Länge, bis ihr die Luft ausgeht. Das Kissen liegt da wie vorher. Aber das ist egal, jetzt ist trotzdem alles gut. Frau Lehmann strahlt ihre Pflegerin an. "Haaaa-lii-maaaaa". Sprechen fällt ihr schwer, ebenso wie gehen, Zähne putzen, essen, aufs Klo gehen, sich erinnern. Aber den Namen ihrer neuen Pflegerin kann sie sich merken.

Seit drei Jahren ist Halima Taha in Deutschland, seit Oktober arbeitet sie in einer Demenz-WG der Wichern-Pflegedienste in Frankfurt Oder. Wichern ist der größte Sozialträger der Stadt, Halima Taha ist die erste Pflegerin mit Kopftuch.

Die Muslima zwischen Neuschwanstein und den Plastikgeranien

"Das war eine kleine Revolution", sagt Pflegedienstleiterin Antje Hebbe. Es gab Vorbehalte, als sie ankündigte, Halima einstellen zu wollen. Vor allem die Angehörigen hätten sich Sorgen gemacht. Würde eine Muslima in das neue Zuhause ihrer dementen Eltern und Großeltern passen? Und vor allem in deren Weltbild? Sie hätten Angst gehabt, erzählt Antja Hebbe, dass eine Pflegerin mit Kopftuch die Demenzpatienten noch mehr verwirren könnte.

Am diesem Wintervormittag sitzen acht WG-Bewohner gemeinsam im Wohnzimmer, sie singen "so ein Tag, so wunderschön wie heute". Nur Frau Hiller* mag nicht, sie schält seit einer Stunde Kartoffeln. In den Zimmern hängen Familienfotos, Bilder von Neuschwanstein und afrikanischen Elefanten, in den Ecken stehen Plastikgeranien und Plüschtiere. Dazwischen wuselt Halima hin und her, hängt Wäsche ab, versorgt Frau Hiller mit neuen Kartoffeln, rückt Herrn Vogel den Strohhalm zurecht, dass er etwas trinken kann. Nachher gibt es Fisch. Wenn sich die Bewohner Schweineschnitzel wünschen, brät Halima ihnen das auch. Dann zieht sie sich eben Handschuhe an.

Am großen Esstisch neben Frau Hiller und den Kartoffeln sitzt Halimas Kollegin und sortiert ihre Unterlagen. Sie ist die zuständige Pflegefachkraft für die beiden WGs im Haus. Sie muss alles im Blick behalten, ist für die medizinisch verordneten Anwendungen zuständig, die Halima und die anderen Hilfskräfte nicht durchführen dürfen. Auch sie war anfangs unsicher, ob alles klappen würde. "Das fragt man sich irgendwie automatisch."

Im Dienstplan steht Halima mit 30 Stunden pro Woche, ihr Arbeitsvertrag ist erstmal auf ein Jahr befristet, sechs Monate davon sind Probezeit. Sie hat eine mehrmonatige Ausbildung gemacht und eine Prüfung abgelegt, auf Deutsch. Alles lief ab wie bei ihren Kolleginnen. Und Pflegedienstleiterin Hebbe ist mit Halimas Arbeit sehr zufrieden. "Es stimmt hier und hier", sagt sie, und zeigt auf Herz und Bauch. "Den Rest kann man lernen."

Sie mussten fliehen, und zwar schnell

Halima hat viel gelernt in den vergangenen drei Jahren. Die 31-Jährige, ihr Mann und ihre drei Kinder kommen aus der syrischen Küstenstadt Latakia. Sie hatten dort einen verwundeten Rebellenjungen bei sich in der Wohnung aufgenommen und ihm eine Not-OP ermöglicht. Halima hatte von Anfang an ein mulmiges Gefühl, sie war gerade schwanger mit dem dritten Kind. Zunächst ging alles gut, aber später, als der verwundete Junge wieder gesund war, nahmen Assads Milizen ihn fest. Und als diese Nachricht Halima und ihren Mann Fadi Sayed Ahmad erreichte, war klar: Sie mussten fliehen, und zwar schnell. Der kleine Hamza war erst ein paar Monate auf der Welt.

Ich habe Halima im Sommer 2015 kennen gelernt. Sie war gerade nach Golzow gezogen, wir konnten uns nur mit Hilfe abenteuerlicher Onlineübersetzungen verständigen. Hinter der Familie lagen zwölf Monate in der türkischen Stadt Mersin, unweit der syrischen Grenze, wo sie als Syrer wie Menschen zweiter Klasse behandelt worden waren; zwei Mittelmeerüberfahrten auf Flüchtlingsbooten, auf denen Halima dachte, dass sie sterben würden; drei Tage im Krankenhaus, weil der kleinste Sohn, Hamza, auf dem Boot dehydriert war; zwei Monate in einem Zelt auf Zypern, weil sie nicht ins Hotel durften, obwohl sie genug Geld gehabt hätten; ein Aufenthalt in einem sizilianischen Gefängnis, weil sie keine Fingerabdrücke in Italien abgeben wollten; stundenlange Fahrten in vollgestopften Kleintransportern mit abgedunkelten Scheiben, die nachts über innereuropäische Grenzen fuhren; mehrere Wochen im Erstaufnahmelager in Eisenhüttenstadt, wo sie sich mit zig anderen Flüchtlingen verdreckte Toiletten teilen mussten. Dann kam die Familie nach Golzow.

*alle Namen der Bewohner sind geändert.