Wie gehen Menschen damit um, dass alle sterben müssen? Wir fragen in der Serie "Der Tod ist groß" nach der Rolle des Sterbens im Leben und in der Gesellschaft.

Mein Freund ist tot. 433 Tage kannten wir uns, als er mich anrief und erzählte, dass Ärzte einen Schatten in der Nähe seines Herzens gefunden hätten. Ich stand in einer Umkleidekabine, in meinem Arm Klamotten aus dem Winter-Sale, an meinem Ohr das Handy mit seiner verunsicherten Stimme.

"Was heißt denn Schatten?", fragte ich. "Ist das Krebs oder was?" Im Nachhinein ist mir die Flapsigkeit meiner Frage unangenehm. Aber ich habe die Chance vertan, mich zu entschuldigen und ihm zu erklären, dass ich bei "Schatten" sofort an Krankheitsgeschichten aus Filmen denken musste, in denen Ärzte ihren Patienten dunkle Flecken auf CT-Bildern zeigen und ihren Ich-habe-schlechte-Nachrichten-Blick aufsetzen.

Wir hatten uns auf einer Party kennengelernt. Ich tanzte, er stand an der Seite. Wir sahen uns sehr oft sehr lange an. Kurze Zeit später trafen wir uns auf einem Konzert, verstanden uns blendend und waren bald ineinander verliebt. Wir waren ein Paar, das sich gegenseitig Science-Fiction-Geschichten vorlas, morgens beim Frühstück gerne schwieg und sich abends umso mehr zu erzählen hatte. Wir versicherten uns, dass wir uns "alles Mögliche" miteinander vorstellen konnten. Das war unser Code für eine gemeinsame Zukunft. Dann kam der Tod dazwischen.

Als ich zurückkam, war sein Atem nicht mehr zu hören

Menschen sagen, dass ein schneller Tod ein Geschenk ist. Mein Freund musste langsam sterben. Ich habe gesehen, wie er sich nach Luft schnappend und mit starken Schmerzen die Treppe hinunterschleppte, weil seine Lunge voll Wasser war. Wie er sich die Zähne nicht mehr putzen konnte. Krebs und Chemotherapie hatten seinen Körper zerstört, er war zu schwach, um die Zahnbürste zu halten. Wie sein Bauch anschwoll, seine Augen sich gelblich färbten und seine Haare grau wurden.

Irgendwann sagte er mir, dass er so gerne einfach einen Tag arbeiten oder seine Steuererklärung machen würde. Dann, dass er kleine Kinder und eine Wiege neben seinem Bett stehen sehen würde – "siehst du die auch?" Schließlich, dass er am liebsten aus dem Fenster springen würde.

Er ist im Hospiz gestorben. Ich saß neben seinem Bett, hielt seine Hand und stand nur kurz auf, um das Fenster zu schließen. Als ich zurückkam, war sein lauter, pfeifender Atem nicht mehr zu hören. Wir hatten beide losgelassen. Ich seine Hand, er sein Leben.

Meine Eltern holten mich abends ab. Ich erinnere mich, wie meine Mutter zu mir lief und mich so mitfühlend umarmte, dass ich mich davon noch heute getröstet fühle. Etwas später saß ich bei ihnen im Wohnzimmer. Mein Vater brachte mir ein Käsebrot und ein Glas Schnaps. Die Schriftstellerin Connie Palmen hat einmal geschrieben, dass sie einem trauernden Menschen einfach eine Suppe kochen und sich zu ihm setzen würde. Ich verstehe sie gut. Als ich etwas derart Normales tat, wie mein Käsebrot zu zerkauen, wurde mir klar, dass ich tatsächlich noch ein wenig Kraft übrighatte. Für mich selbst. 

Es gibt keinen Ratgeber

Wenn ein Mensch stirbt, müssen viele Entscheidungen getroffen werden. Blumengestecke, Beerdigungstermin, Traueranzeigen, Einladungen. Es gibt keinen Ratgeber, in dem steht, wie man jemandem sagt, dass sein bester Freund gestorben ist. Wie gerne hätte ich mich diesen Aufgaben entzogen.

Nach dem Tod meines Freundes verfiel ich zunächst eine extrovertierte Phase. Den Verlust meistere ich schon, dachte ich. Schließlich hatte mir mein Umfeld oft genug versichert, dass ich stark sei. Gleichzeitig fühlte ich mich wie abgeschnitten von meinen Mitmenschen, die weiterhin in den Supermarkt gingen oder morgens entschieden, welchen Pulli sie anziehen sollen. Anfangs gab es diesen Alltag nicht mehr. Einige Tage nach der Beerdigung stand ich vor einer Drogerie, weil ich mir ein neues Duschgel kaufen wollte. Aber schon das war zu viel, zu banal, zu anstrengend.