Der bayerische Ministerpräsident ist ein intelligenter Mann, der eine Zeit lang an einem Lehrstuhl für Staats- und Kirchenrecht forschte. Insofern ist völlig ausgeschlossen, dass Markus Söder nicht weiß, dass spätestens das Bundesverfassungsgericht seine Anordnung kassieren wird, ab dem 1. Juni im Eingangsbereich jeder staatlichen Behörde in Bayern ein Kreuz aufzuhängen.

Er weiß aber auch, dass die Abnahmeanordnung wohl nicht vor der Bayerischen Landtagswahl am 14. Oktober kommen wird. Sprich: Söder und seine CSU können sich einen Sommer lang als Heilige Sebastiane aufführen, die wegen ihres Bekenntnisses zum christlichen Erbe von allerlei miesen Bogenschützen attackiert werden.

Es sei denn, selbst dem frömmsten Bayern fällt auf, dass Söder mit seinem Kreuzdekret weder die Rechtsordnung noch das kulturelle Erbe noch das Christentum verteidigt. Sondern im Gegenteil alle drei beleidigt.

Verfassungsrechtlich ist die Sache einfach. Die Religionsfreiheit des Artikel 4 Grundgesetz garantiert notwendig auch die weltanschauliche Chancengleichheit, sonst wäre die Freiheit allenfalls eine Teilfreiheit. Und das heißt: Der Staat darf bestimmte Glaubensrichtungen weder privilegieren noch Andersgläubige ausgrenzen. Das Gewaltmonopol verträgt sich nicht mit dem Regierungsbekenntnis zu einer Religion; es sei denn, man hält den Iran, Pakistan oder Saudi-Arabien für Staatsmodelle, von denen Deutschland etwas lernen sollte, aber ganz sicher denkt man das nicht mal am Tegernsee.

Zur Neutralität verpflichtet

Im Interesse des religiösen Friedens ist der Staat, wie das Bundesverfassungsgericht mehrfach entschieden hat, zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet – siehe unter anderem den Beschluss von 1995, in dem es einen Paragraphen der bayerischen Schulordnung kippte, laut dem in jedem Klassenzimmer ein Kruzifix aufzuhängen sei. Der Staat, entschieden die Richter damals, dürfe keine Lage schaffen, "in der der Einzelne ohne Ausweichmöglichkeiten dem Einfluss eines bestimmten Glaubens (…) und den Symbolen, in denen sich dieser darstellt, ausgesetzt ist."

Zum kulturellen Erbe dieses Landes gehört im Übrigen die aufklärerische Denkart der Differenzierung. Ja, das Christentum hat Deutschland geprägt. Aber gab es da vielleicht noch ein paar andere Einflüsse? Was ist mit all den jüdischen Dichtern und Komponisten, den atheistischen Ingenieuren, den agnostischen Malern – oder auch mit den muslimischen Kohlekumpels, die mit harter Arbeit halfen, die Stahlwerke für BMW-Karosserien zu befeuern? All dies mit dem Kruzifix repräsentieren zu wollen, wäre ungefähr so, als stellte die CSU-Bundestagsfraktion morgen den Antrag, den Bundesadler über dem Plenum durch ein Franz-Josef-Strauß-Gemälde zu ersetzen. Nicht völlig falsch, aber geschichtlich und ideell womöglich etwas reduziert gedacht.

Gerade als guter Christ kann sich Söder nicht damit herausreden, das Kreuz sei ein sozusagen universelles Symbol für die abendländische Kultur. Wer das tut, entwertet das christliche Zentralsymbol, weil er es profanisiert. Das Kreuz steht eben nicht für Kant, Voltaire oder für die großartige verfassungsmäßige Ordnung nach 1945, sondern für die wichtigsten christlichen Überzeugungen: Gott opferte seinen Sohn, um die Menschen von ihrer Erbschuld zu erlösen. Jesu Leiden war Jesu Triumph. Und nach dem Tod kommt die Auferstehung.

Niemand muss diese Überzeugungen teilen, um ein guter Deutscher oder Bayer zu sein. Aber alle, die an diese Botschaften glauben, müssen den Missbrauch des Kreuzes als erklärtes politisches Kampfholz für geradezu widerwärtig, weil blasphemisch halten.

Gott wird Söder vergeben. Das Verfassungsgericht hoffentlich nicht.