Ein Kopftuchverbot für Kinder unter 14 Jahren ist richtig. Denn Eltern oder Gemeinschaften, die ihre Kinder bereits mit acht oder zwölf Jahren verhüllt sehen wollen, sexualisieren entweder das Kind oder trainieren ihren Töchtern im frühen Alter das Kopftuchtragen an. Je älter, unabhängiger, kritischer und rebellischer sie werden – insbesondere in einer so freien Gesellschaft wie der deutschen –, desto schwieriger würde es für die Eltern, das Kind vom Tragen des Kopftuchs zu überzeugen oder es gar dazu zu zwingen.

Ein Verbot würde genau jene Familien erreichen, die das Selbstbestimmungsrecht ihrer Töchter missachten. Es würde sicher nicht alle diese Eltern davon abhalten, ihr Kind ab 14 dann zum Kopftuch zu zwingen – aber es hilft jenen, die diese Tradition selbst schwachsinnig finden, sich aber dem Druck der Gemeinschaft beugen. Und es hilft den Kindern, die sich zumindest in den wichtigsten Entwicklungsjahren nicht "anders" fühlen müssen, die Freiheit auch in ihren Haaren spüren dürfen. Das Verbot gäbe ihnen das Gefühl, dass sie nicht nur ihren Eltern und ihrer Community gehören, sondern auch Teil der Mehrheitsgesellschaft sind.

"Es ist in Deutschland verboten" wäre eine legitime Aussage. Nicht weil das kleine Kind mit dem Kopftuch die Gesellschaft bedroht oder Deutschland islamisieren möchte, sondern weil die Freiheit und das Wohl des Kindes in einer liberalen säkularen Gesellschaft über der Religionsfreiheit der Eltern stehen. Gleichzeitig würde das Verbot symbolisch und faktisch die Rolle des Kopftuchs in dieser Gesellschaft definieren: Das Tragen des Kopftuchs darf nur als individuelle Entscheidung im Rahmen des Selbstbestimmungsrechts der Frau akzeptiert und respektiert werden – ohne das Kopftuch zu verharmlosen oder zu idealisieren.

Denn die kopftuchlosen Kopftuchverteidiger vergessen, verleugnen und verdrängen zu gerne, dass das Tuch vielleicht aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft ein individueller Ausdruck der religiösen Identität sein mag, für die Communitys aber genau die Rolle spielt, die aufgeklärte Kopftuchkritiker sehen: ein Instrument sozialer Kontrolle. 

Zwang, Erziehung, freiwillige Entscheidung?

Es gibt viele Gründe, weshalb Frauen ein Kopftuch tragen. Zwang, Erziehung, freiwillige Entscheidung als Ausdruck der religiösen Identität. Oder als Ausweg für junge Frauen, überhaupt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu dürfen. Das Kopftuch gilt für ihre Familie und Community dann als ein Versprechen, sich gemäß den islamischen Sitten zu verhalten. Es gibt auch Frauen, die sich selbst der sozialen Kontrolle unterziehen; es ist ein Versprechen an sich selbst, keine mit Alkohol und Männern durchtanzten Clubnächte mehr zu feiern, sondern sich ganz dem Glauben zu widmen. Denn alle Kopftuchträgerinnen wissen: Sie stehen unter besonderer Beobachtung durch ihre Community.

Natürlich können sich Frauen freiwillig für ein Kopftuch entscheiden, so wie sich Menschen entschließen, zu rauchen oder sich einen Facebook-Account zuzulegen – wissend um den Preis, den sie für diese Entscheidung bezahlen. Ist das Rauchen dadurch weniger gesundheitsschädlich? Geht Facebook durch die Freiwilligkeit transparenter mit den Daten um? Die Entscheidung für das Kopftuch ist eine Entscheidung gegen viele Freiheiten. Die Trägerin lehnt nicht nur ab, sexuell verfügbar zu sein, sondern auch, sexuell frei zu sein. Das Kopftuch ist eine Uniform, die mit strenger Etikette verbunden ist. Das Make-up, die Art und Weise, wie sie ihr Kopftuch trägt, ihre Kleidung, wenn sie sich mit einem Mann in der Öffentlichkeit trifft, unterhält oder ihm Nähe zeigt – all das gehört nicht mehr zu ihrem individuellen und persönlichen Lebensbereich, sondern darf von der Community beurteilt und verurteilt werden. 

Dass junge Frauen Nike-Sneaker und einen leidenschaftlich geschwungenen Eyeliner zum Kopftuch tragen, wie Ulf Poschardt anführt, ist ein Phänomen, das missgedeutet wird. Nicht die Tradition wollen moderne Frauen mit sich tragen. Sondern es sind vorwiegend Frauen aus traditionellen Familien, die modern leben möchten. Wieso sehen wir ihre Religiosität, aber nicht ihren Freiheitsdrang? Oft endet ihre individuelle Freiheit bei der modernen Kleidung. Vielleicht würden die Frauen behaupten, sie tragen das Tuch aus Gründen der Emanzipation. Ihre Eltern würden sicher das Gegenteil sagen.

Kopftuch für Kinder - »Da gucken wieder alle auf dem Spielplatz« Die meisten muslimischen Eltern wollen nicht, dass ihre kleine Tochter ein Kopftuch trägt, sagt die Islamwissenschaftlerin Juliane Kanitz. Warum, erklärt sie im Video. © Foto: Sarah Lehnert für ZEIT ONLINE

Das Kopftuch markiert die Frau als Teil einer Community

So sehr das Kopftuch auch in der deutschen Gesellschaft als eine individuelle Entscheidung betrachtet wird, für die muslimischen Communitys ist klar: Jedes Kopftuch, ob mit Swarovski-Steinen verziert oder im schlichten Schwarz, mit Skinny-Jeans oder bodenlangem Rock, markiert die Zugehörigkeit der individuellen Frau zu einem Kollektiv und lässt von ihr die Erfüllung kollektiver Normen erwarten, insbesondere wenn es darum geht, wie sie sich gegenüber Männern zu verhalten hat bis hin zu ihrem individuellen sexuellen Selbstbestimmungsrecht. Für die Mehrheitsgesellschaft mag die Frau mit Kopftuch vorrangig ein Individuum sein, für ihre Community ist sie primär Teil des Kollektivs. Sie muss sich nicht nur etwas von ihren eigenen Eltern anhören, sondern auch von Verwandten, sogar von unbekannten Taxifahrern. Auch wenn die Frau nicht dazu gezwungen wird und keiner Unterdrückung ausgesetzt ist, ist das Kopftuch auch und gerade in modernen liberalen Gesellschaften ein Instrument sozialer Kontrolle. Oder haben Sie schon einmal eine junge Frau mit Kopftuch auf der Straße einen Mann küssen sehen?

Ein plötzliches Ablegen des Kopftuchs bedeutet nicht nur das Ablehnen der Religion, sondern der mit dem Tuch verbundenen Werte, Normen und Sitten – Frauen, die das Kopftuch tragen und ablegen, machen sich angreifbar. Selbst wenn ihre Eltern hinter ihnen stehen, werden sie von ihrem Bekanntenkreis als "Verräterin" stigmatisiert.

Nicht nur die eigene Community prüft den Lebensentwurf junger Musliminnen immer wieder kritisch, auch die deutsche Mehrheitsgesellschaft tut das. Einer Stigmatisierung von Frauen mit Kopftuch als unterdrückt, rückständig und fanatisch sollten wir entgegenwirken. Ein Verbot muss deshalb nach dem 14. Lebensjahr enden. Frauen mit Kopftuch sollten weder bei der Arbeit benachteiligt werden, noch an weiterführenden Schulen und Universitäten diskriminiert.

Auch geht es beim Kopftuchverbot für Kinder nicht darum, sie vor ihren "bösen" Eltern zu schützen, sondern vor überholten Regeln der Community, die selbst unter den Muslimen aus theologischer, pragmatischer und pädagogischer Sicht hinterfragt werden. Diejenigen, die ihren Kindern bereits mit zehn Jahren ein Kopftuch aufsetzen, leben sowieso in einer Parallelwelt. Es sind Menschen, die kein positives Bild von der Mehrheitsgesellschaft haben. Das Kopftuch und die Bedingungen unter denen es getragen wird, sind aber nicht nur ein Konflikt zwischen Mehrheitsgesellschaft und muslimischen Communitys, sondern auch zwischen säkularen und nichtsäkularen Muslimen. Und selbst in religiösen Kreisen wird über die Bedingungen gestritten, unter denen Frauen das Kopftuch tragen sollen. Manche Frauen tragen es gegen den Wunsch ihrer Ehemänner und in vielen Familien ist es verpönt, wenn ein junges Mädchen das Kopftuch bereits im Kindesalter trägt.

Nicht jede Stimme gegen das Kopftuch hat die Freiheit im Blick

Der Einfluss der deutschen Islamverbände auf diese Debatte sollte beschränkt sein: Denn sie repräsentieren nur eine muslimische Stimme – eine konservative. Die Islamverbände treten nicht für einen in Deutschland vielfältig gelebten Islam ein – denn sonst würden sie auch die Interessen säkularer, gläubiger Muslime vertreten, die ob aus weltlichen oder theologischen Gründen dem Kopftuch kritisch gegenüberstehen. Wieso sich säkulare Muslime nicht in Verbänden zusammentun? Weil sie sich eben nicht in einem religiösen Kollektiv sehen, sondern als Einwohner oder Bürger dieses Landes ihren Glauben individuell und in säkularen Grenzen leben.

Die Kopftuchdebatte sollte außerdem nicht für politisches Kalkül missbraucht werden. Nicht der Islam und/oder die Zuwanderung sollten hinterfragt werden. Wenn es orthodoxe Juden oder radikale Christen wären, die sich dagegen sträubten, ihre Kinder zu mündigen Individuen zu erziehen, die die Freiheit und Rechte der Frauen beschnitten und sich ständig auf die Religionsfreiheit bezögen, dann müsste auch ein Jens Spahn oder eine Alice Weidel ihre Stimme dagegen erheben.

Nicht jede Stimme gegen das Kopftuch hat die Freiheit der Frau im Blick. Und nicht jede Stimme für das Kopftuch setzt sich für das Selbstbestimmungsrecht der Frau ein. Ein Verbot für Kinder würde nicht von heute auf morgen die Probleme lösen können. Aber es gilt, ein Bewusstsein zu schaffen, dass das Kopftuch ein kontroverses Thema in unserer Gesellschaft bleibt und bleiben muss. Wer für eine tolerante und multikulturelle Gesellschaft einsteht, darf sich nicht davor scheuen, Kritik an dogmatischen und absoluten Ideen im islamischen Kontext auszuüben.