Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie "Überland". Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18 , in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Es ist Montag, die Kirchenglocke schlägt halb fünf, und Hildegard Schweinsberg zapft im ältesten Dorfkrug des Ortes das erste Bier nach der Mittagspause. Punkt vier hat die 87 Jahre alte Wirtin aufgeschlossen, kurz vor halb fünf kam Rüdiger, einer ihrer Stammgäste, zum Biertrinken. Er sitzt im Nebenraum und raucht, sie steht hinterm Zapfhahn und wartet, dass sich das Bier setzt. Keiner, der redet, und es läuft auch keine Musik in der Börse. Zu hören ist nur das Ticken der alten Wanduhr.

Hildegard Schweinsberg steht gebeugt hinterm Tresen, das Alter zieht sich in feinen Falten durch ihr Gesicht, über dem lilafarbenen Rollkragenpullover trägt sie eine weiße Kittelschürze. Schon immer war sie klein, 1,58 Meter offiziell, irgendwann nach ihrem Achtzigsten wurde sie krumm und noch kleiner. Um eine Bestellung in ein Tresenbuch zu schreiben, das auf einem Pult hinter der Theke liegt, muss sie sich inzwischen auf die Zehenspitzen stellen. Geht sie mehr als ein paar Schritte, stützt sie sich auf ihren Rollator, der neben ihr hinterm Tresen steht. 

Die Wirtin zapft schnell und serviert ihr Bier mit perfekter Schaumkrone. 1,30 Euro kostet ein Glas, es ist derselbe Preis seit Jahren. Hildegard Schweinsberg weiß, dass sie teurer werden könnte. Doch es geht ihr in der Gaststube schon lange nicht mehr ums Geldverdienen. "Ich brauch' das hier", sagt sie. "Ich brauch' die Menschen."

Heimat seit mehr als 80 Jahren

Die Börse liegt mitten in Neuhaus, einem Dorf mit 1.500 Einwohnern an der Grenze von Niedersachsen zu Mecklenburg-Vorpommern. Vor dem Haus steht ein weißer Zaun, zwei Linden säumen den Eingang. Im Gastraum hat die Wirtin fast alles so gelassen, wie es schon vor 100 Jahren war: ein Tresen, vier abgenutzte hölzerne Hocker davor, handgedrechselte Tische und Stühle, vor den Fenstern Spitzengardinen.

Die Börse in Neuhaus © Philipp Schulze

Der Gasthof ist ihre Heimat, ihre Welt seit mehr als 80 Jahren. Am 4. Dezember 1930 wurde sie hier als Hildegard Dührkoop geboren, hier hat sie den Zweiten Weltkrieg, die DDR, das wiedervereinigte Deutschland und die Rückgliederung in den Landkreis Lüneburg erlebt, drei Kinder großgezogen und zwei Ehemänner überlebt. Einmal in ihrem Leben war sie mit ihrem zweiten Mann zehn Tage lang auf Kur, länger am Stück hat sie die Börse nie verlassen.

In Neuhaus kennt fast jeder die Wirtin der Börse, wenn nicht als Hildegard Schweinsberg, dann als Oma Börse. So lange ist sie schon da, dass sich niemand den Gasthof ohne sie vorstellen kann. Und doch drängt sich die Frage auf, sobald man die Gaststube betritt und sie hinter dem Tresen stehen sieht: Wie lange kann das noch gehen?

Auch Hildegard Schweinsberg stellt sich diese Frage. Vor allem, wenn sie allein ist in der Gaststube, das Ticken der Wanduhr im Ohr. Sie weiß, dass es nicht mehr ewig gehen wird mit ihr und ihrem Gasthaus. "Doch abgeben ist nicht so einfach", sagt sie. Schon gar nicht, wenn keiner da ist, an den sie abgeben könnte. Seit Jahren sucht die Wirtin nach jemandem. Vergeblich. Also macht sie einfach weiter und sagt jedem, der fragt: "Ich ziehe hier noch ein bisschen streng durch."

Die Landgasthöfe sterben

In den meisten Nachbardörfern ist der Kampf um die Zukunft für die Dorfkrüge bereits verloren. Der Gasthof zur Krone in Stapel, geschlossen. Der Waldkrug in Zeetze, geschlossen. Der Gasthof Wölper in Kaarßen, geschlossen. Nutzlos sind die alten Gasthäuser geworden, viele von ihnen stehen einfach nur so da. Wie eingefroren. Der Name steht noch über dem Eingang, die Gardinen hängen noch in den Fenstern, die Menschen sind verschwunden.

Die Landgasthöfe sterben. Nicht nur in der Gemeinde an der Elbe im Nordosten Niedersachsens, sondern im ganzen Land. Mehr als ein Drittel der Schankwirtschaften hat Niedersachsen zwischen 2006 und 2015 verloren. Und auch bundesweit schließen laut Statistik des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) jedes Jahr mehr Betriebe, egal ob Schankwirtschaft, Gasthof, Restaurant oder Imbiss. "Der klassische Dorfkrug hat es schwer", sagt der niedersächsische Landesvorsitzende des Dehoga, Rainer Balke. Ein Laden, wie ihn Hildegard Schweinsberg betreibt, das sei schon fast Folklore. "Einfach nicht zukunftsfähig."

Gründe für das Verschwinden der klassischen Dorfkrüge gibt es aus Sicht des Dehoga viele: verändertes Gästeverhalten, steigender Kostendruck, zunehmende Bürokratie, Personalmangel, demografischer Wandel. Lange habe man versucht gegenzusteuern, sagt Balke, die Menschen mit Imagekampagnen wieder in die Gaststätten zu locken. Vergeblich. "Wenn es einen Dorfkrug gibt, der noch genug Kunden hat, dann finden die Besitzer entweder keinen Nachfolger oder kein Personal." Das Resultat sei das gleiche: Früher oder später ist der Laden dicht.