Mansur Seddiqzai arbeitet als Gymnasiallehrer im Dortmunder Norden. Er unterrichtet unter anderem Sozialwissenschaften und Islamischen Religionsunterricht. Für ZEIT ONLINE schreibt er etwa über Kopftücher oder
Antisemitismus in der Schule  – und darüber, wie Lehrer ihren Schülern beistehen können.

Bomberjacke, Springerstiefel und Hakenkreuze. Daran erkannten wir Schüler und auch meine Lehrer Ende der Neunzigerjahre Rechtsradikale. Als einer meiner Mitschüler nach den Ferien in dieser Aufmachung in die Schule kam, hat ihm der Schulleiter die weißen Schnürsenkel und die Hosenträger mit der Nazipropaganda abgenommen. Mehr passierte nicht. Wir Schüler wollten ihn aber spüren lassen, dass seine Gesinnung an unserer Schule keinen Platz hat – mit Mobbing und sogar physischer Gewalt. Ich nehme an, seine ideologische Sichtweise auf dieses "System" hat sich verhärtet. Lehrkräfte gehen heute in den meisten Schulen verantwortungsbewusster mit deutschen Rechtsradikalen um, obwohl ihre Zeichen nicht mehr so leicht zu erkennen sind. Ein anderes Problem beachten sie jedoch bisher kaum: den nicht-deutschen Rechtsextremismus und Nationalismus, schon allein weil die Symbole und Codes unter Lehrern und Lehrerinnen eher unbekannt sind.

Graue Wölfe und Neo-Osmanismus

So begegnen mir in der Schule immer häufiger Zeichen und Schriftzüge der türkischen Rechtsextremen, Graue Wölfe genannt, auf T-Shirts, an Schlüsselanhängern und Ketten. Drei Halbmonde symbolisieren Blut, Boden und Islam. Auch der türkische Neo-Osmanismus, der Nationalismus mit islamischen Elementen verbindet, breitet sich mit seinen Symbolen aus. Als sein Zeichen gilt das Jahr 1453, in dem Konstantinopel erobert wurde. Anders als die Symbole der PKK oder das Hakenkreuz sind die der Grauen Wölfe (Bozkurt auf Türkisch) in Deutschland nicht verboten. Lehrer werden weder im Studium noch im Referendariat mit diesen Formen des Nationalismus konfrontiert.

Doch bei allen Formen des Extremismus, bei Vorurteilen und Mobbing gilt: Lehrkräfte müssen in den Dialog treten. Manchmal ist das sogar ganz einfach. Eine Oberstufenschülerin trug eine Bozkurt-Kette am Hals. Ich sprach sie darauf an und es stellte sich heraus, dass sie gar nicht genau wusste, wofür Bozkurt stehen. Sie verband sie mit einer patriotischen Gesinnung, nicht mit Rassismus und Gewalt. Die Verbindung von Rassismus und Islamismus war für sie als gläubige Muslimin sogar unerträglich. In späteren Gesprächen argumentierte sie völlig weltoffen. Die drei Halbmonde hat sie weggeworfen.

Im Kopf vieler Schüler schwirren verschiedene politische Ideen und Ideologien wild durcheinander. Es fällt ihnen oft nicht leicht, diese Positionen einzuordnen, mit anderen Werten in Beziehung zu setzen und zu reflektieren. Lehrer sollten sie damit nicht alleine lassen und sie auf keinen Fall dämonisieren oder gar für verloren erklären. Ansonsten liefern wir sie gerade den Kräften aus, vor denen wir sie schützen wollen.

Verhärtete Welten

Manchmal ist es allerdings ein langer Weg. Eine andere Schülerin outete sich ebenfalls als Anhängerin von Bozkurt. Sie sah nicht aus wie eine Extremistin. Sie trug die Haare offen, dazu modische Kleidung. Lange fiel die schweigsame Schülerin weder im Geschichts- noch im Politikunterricht mit extremistischen Positionen auf. Sie war jedoch anders als ihre Mitschülerin bestens mit der menschenfeindlichen Ideologie Bozkurts vertraut und plädierte schließlich öffentlich für eine "Lösung des Kurdenproblems" in der Türkei, am besten durch Deportation. Ich wies sie darauf hin, dass ihre Aussage denen von Neonazis glich. Im Grunde hätten Nazis mit ihren Forderungen Recht, entgegnete sie. Wenn sie Deutsche wäre, dann würde sie auch gegen Ausländer vorgehen. In Deutschland wolle sie ohnehin nicht leben und für die Entscheidung ihrer Eltern könne sie nichts. Interessanterweise hatte sie kurdisch-stämmige Freundinnen. Sie wussten von ihrer Einstellung, versuchten aber, alles Politische zu vermeiden. Selbst unter den Schülern scheint Ignorieren als der einfachste Weg zu gelten, um das größte Maß an Schulfrieden zu garantieren. Damit ist aber niemandem geholfen, weder der Schülerin, noch dem Klassenverband, noch dem Frieden in der Gesellschaft.

Zu ihr konnte ich weder im Unterricht noch danach durchdringen. Sie ist vorerst zu tief abgeglitten in eine Welt, aus der wir sie mit Gesprächen noch nicht herauslösen können. Wir luden die Eltern ein, aber sie kamen nicht. Gemeinsam mit anderen Kollegen lassen wir nicht locker. Vielleicht dringt eine andere Lehrkraft in Zukunft zu ihr durch.

Streit unter verschiedenen Migrantengruppen

Wenn Lehrer nicht eingreifen, verstärkt sich auch der nationalistische Streit unter verschiedenen Gruppen, etwa unter kurdisch- und türkischstämmigen Schülern auf dem Schulhof. Die meisten kurdischstämmigen Schüler lehnen die politische Gewalt der PKK ab. Aber die PKK gewinnt nicht nur Sympathien durch die Übergriffe der Türkei auf die Kurden, sondern auch wegen des ausgreifenden türkischen Ethno-Islamismus in Deutschland.

Im sozialen Brennpunkt existieren allerdings noch ganz andere Konfliktlinien, die für den Laien unsichtbar sind. So gibt es Ideen von Großalbanien, Konflikte zwischen Schülern mit serbischen, bosnischen oder kroatischen Wurzeln oder arabische Schüler, die behaupten, in islamischen Fragen den Nichtarabern überlegen zu sein.

Wer hier den fehlenden Integrationswillen beschwört, verkennt das Problem. In ganz Europa fasst der Nationalismus wieder Fuß. Völkische Reden von Heimat und Überfremdung des Vaterlands sind auch in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen. Die migrantischen Viertel liegen damit also völlig im Mainstream.

Antisemitismus - »Hast du keine Angst?« Sieben Jüdinnen und Juden erzählen, was ihre Identität ausmacht und wie sich Antisemitismus anfühlt. Dafür ließen sie sich auf ein Videoexperiment ein. © Foto: Kevin McElvaney für ZEIT ONLINE

Zu wem gehöre ich eigentlich?

Kulturübergreifend ist auch, dass der Nationalismus ein besonders guter Nährboden für antisemitische Verschwörungstheorien ist. So ist es nicht verwunderlich, dass alle rechtsgerichteten Radikalen die gleichen antisemitischen Theorien benutzen. Rothschilds, Weltverschwörung, Kriegstreiber, Kindermörder. Die islamistischen Theorien gegen Juden sind da nur noch ergänzendes Beiwerk, ähnlich dem christlichen Antijudaismus. Viel öfter als Koran und Hadithe werden die Protokolle der Weisen von Zion zitiert. Viele Flüchtlinge, in deren Ländern der Antizionismus zur Staatsdoktrin gehört, kommen in ein Land, in dem der Antisemitismus immer noch gesellschaftlich verankert ist. Hier verstärkt der deutsche Antisemitismus die menschenfeindlichen Denkmuster, die Migranten aus ihren Ländern mitunter mitbringen. Wer Antisemitismus bekämpfen will, darf den Nationalismus nicht vergessen. Der Nationalismus ist die radikale Antwort auf die Frage, die sich viele Menschen stellen: Zu wem gehöre ich eigentlich?

Heimat und Zugehörigkeit

Auf dem Schulflur wollte eine Lehrerin einen Jungen überzeugen, dass er gar kein Türke sei, weil er doch in Deutschland geboren wurde. Sie wollte die Zugehörigkeit des Jungen erzwingen. "Herr Seddiqzai ist doch auch ein Deutscher, so wie du", sagte sie. Natürlich bin ich Deutscher, ich fühle mich aber auch Afghanistan, der Heimat meiner Eltern, sehr verbunden. Wenn man mir das Eine zugunsten des Anderen nehmen möchte, verwehre ich mich dagegen, so wie der Schüler auch. Die ersehnte Heimat mag für viele Schüler mit Migrationshintergrund ein Phantasiegebilde sein im Unterschied zu dem realen Ort, an dem sie leben. Wir müssen uns aber selbstkritisch fragen, warum sie die Türkei oder Marokko zum Sehnsuchtsort erkoren haben.

Dass Deutschland geliebte Heimat sein und Zugehörigkeit bieten kann, ist in migrantischen Vierteln manchmal schwer vermittelbar. Müll, Armut, Prostitution, Drogen und Kriminalität erzeugen dort eine trostlose Atmosphäre. Viele Kinder haben kein eigenes Zimmer, in das sie sich zurückziehen können. Ältere Schüler müssen neben der Schule arbeiten, weil sie zu Hause auch finanziell aushelfen. Die vielen Debatten über "muslimische Defizite" – ganz egal ob es um Terrorismus oder einen verweigerten Handschlag geht – fördern bei vielen Schülern die Entfremdung von der Mehrheitsgesellschaft. Sie erleben, dass Diskriminierungen, die ihnen selbst widerfahren, nicht so viel Aufmerksamkeit in den Medien erhalten wie ihre wirklichen und vermeintlichen Verfehlungen.

In der Türkei oder in Marokko verbringen sie ihre Ferien, haben keine Pflichten, keinen starren Alltag. Sie fühlen sich geborgen und akzeptiert von den Verwandten. Schulstress und diverse Zwänge haben sie dort noch nicht kennengelernt.

Geduld in der Debatte

Mit einem meiner Schüler geriet ich vier Jahre lang immer wieder aneinander. Unsere Streitthemen waren die sexuelle Freiheit von Frauen, Erdoğan, die AKP und theologische Themen. Manchmal schrie er mich an, beleidigte mich sogar. Trotzdem habe ich darauf geachtet, fair zu bleiben, ihm für seine guten Leistungen keine schlechtere Noten gegeben, habe seine Eltern nicht herbeigerufen oder mich bei seinen Klassenlehrern beschwert. Aber ich ließ nicht locker, war immer auf der Suche nach Diskussion und Debatte.

Mit der Zeit ließ seine Wut ein wenig nach, manchmal hörte er sogar zu. Dieses Jahr wirkt er schließlich wie ausgewechselt. Er ist älter und ernster, seine politischen Aussagen differenzierter, er setzt sich mittlerweile für Gruppen ein, die er vorher verachtet hat. Er erzählte mir, oft, wenn er sich über mich aufgeregt hatte, habe er nachts wütend im Bett gelegen. Aber weil ich hartnäckig und gleichzeitig fair war, habe seine Wut nachgelassen und er war allmählich bereit dafür, über Argumente nachzudenken.

Doch das erfordert Geduld. Ein einzelnes Gespräch, eine Strafarbeit oder ein kurzer Workshop zum Thema Radikalisierung verläuft oft im Sande. Aber Schüler jeglicher Prägung entwickeln sich noch. Als Lehrer haben wir die Chance, langfristig auf sie einzuwirken, wenn wir uns nicht nur als Wissensvermittler sehen.

Schule als Ort des Dialogs

Was uns dabei hilft: Die Welt der Extreme – egal ob Rechte, Linke, Bozkurt oder Salafisten – ist brutal. Ihr Angebot ist zwar sehr verlockend, Extremisten versprechen Zugehörigkeit, eine "Familie", die schützt vor dem vermeintlich bedrohlichen Zugriff der Außenwelt. Wenn Jugendliche die vielen Anforderungen der Gruppe aber nicht erfüllen, kann dieses Heimatgefühl schnell wieder verloren gehen. Die Kinder sind also ständig unter Druck, leben in einer Welt, die nicht auf Vertrauen basiert, sondern auf Angst, Hass und oft auch Gewalt. Die Extremistengruppen können ihre Sicht der Welt nur verbreiten, wenn sie sich und ihre Zöglinge isolieren.

Deshalb ist die Schule so wichtig, weil Extremisten dort keinen Zugang haben. Schüler müssen mit anderen Menschen und Sichtweisen zusammentreffen. Wir können ihnen aber nicht helfen, wenn wir sie ausschließen und demütigen. Dann machen wir sie sogar zu Märtyrern in den Augen der Mitschüler. Daher ist das wichtigste, mit den Schülern – selbst wenn sie extreme Ansichten vertreten – im Dialog zu bleiben. Ihnen immer wieder neu zu beweisen, dass die Erzählungen der Extremisten über diese Gesellschaft falsch sind.