Woher kommt Antisemitismus? Der Sozialpsychologe Sebastian Winter glaubt: Judenfeindlichkeit ist mehr als nur ein Sammelsurium an Vorurteilen. An der International Psychoanalytic University in Berlin forscht er zu den Ursachen.

ZEIT ONLINE: Sie bezeichnen den Antisemitismus als kollektive Wahnerkrankung. Was meinen Sie damit?

Sebastian Winter: Es ist augenfällig, dass antisemitische Weltbilder mit ihrer Idee einer jüdischen Weltverschwörung Ähnlichkeiten zum Verfolgungswahn aufweisen. Die psychischen Mechanismen sind die gleichen.

ZEIT ONLINE: Ein Antisemit würde aber niemals zur Psychoanalyse gehen, schreiben Sie. Warum nicht?

Winter: Um zur Psychoanalyse zu gehen, braucht es die Bereitschaft, sich selbst genauer zu betrachten. Dem autoritären Charakter, wie Theodor W. Adorno das nannte, fehlt diese Bereitschaft. Er projiziert stattdessen seine inneren Konflikte nach außen und nimmt sie so als Bestandteil eines Anderen wahr. Antisemitismus ist Teil dieser Persönlichkeitsstruktur.

Sebastian Winter © privat

ZEIT ONLINE: Der Antisemit sieht in Jüdinnen und Juden also das, was er an sich selbst nicht mag?

Winter: Genau. Das teilt der Antisemitismus mit allen anderen Formen des Syndroms gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit: die Projektion von eigenen unerwünschten Impulsen. Das findet sich auch im Rassismus wieder, in Bildern von "faulen Griechen" oder "sexistischen Nordafrikanern". Hier geht es jedoch um eine Legitimation eigener Herrschaft, während der Antisemitismus das Gegenteil ist: Der Antisemit rebelliert vermeintlich gegen eine herrschende Klasse. Das hat teils einen paranoiden Charakter. Der entscheidende Unterschied zum Wahn im eigentlichen Sinne ist, dass Antisemitinnen und Antisemiten erst einmal nicht klinisch auffällig sind. Diese Personen gelten als normal und psychisch gesund – vorausgesetzt, ihr Umfeld ist tendenziell antisemitisch.

ZEIT ONLINE: Antisemitismus funktioniert also nur im Kollektiv?

Winter: Ja. Um den Antisemitismus zu verstehen, muss man sich die Weltanschauung dahinter anschauen: Es gibt immer das Gute und das Böse. Das Gute ist immer eine Form von Kollektiv, das kann die Nation oder eine Gemeinschaft von Gläubigen sein. Aus diesem Kollektiv heraus wird alles Böse nach außen projiziert. So scheint die Gemeinschaft frei von Konflikten, wie ein heiler Innenraum.

ZEIT ONLINE: Jean-Paul Sartre schrieb 1946, der Antisemitismus sei keine Denkweise, sondern eine Leidenschaft. Und: "Wenn es keinen Juden gäbe, der Antisemit würde ihn erfinden." Woher kommt diese Sogwirkung des Antisemitismus?

Winter: Der Antisemitismus ist nicht einfach nur ein Konglomerat von Vorurteilen. Es handelt sich tatsächlich um eine Leidenschaft. Sigmund Freud hat das Massenpsychologie genannt: Alle Beteiligten des Kollektivs können sich mit einem gemeinsamen Ideal identifizieren. Es herrscht ein Gefühl von Einheit, das nur dadurch funktioniert, dass alles Störende außen ist. Deswegen sagt Sartre auch, der Antisemit habe vor allem Angst, vor sich selbst, vor seiner Willensfreiheit, seiner Verantwortung, seiner Einsamkeit, vor allem – außer vor den Juden. Er braucht sie aber als Feindbild.

ZEIT ONLINE: Funktioniert dieser Mechanismus überall gleich – im islamistischen, im rechten, im linken Antisemitismus?

Winter: Die Grundmuster sind dieselben. Auf der konkreten Ebene gibt es natürlich Unterschiede und verschiedenste historische Ausprägungen. Aber auf der Diskursebene finden wir in allen antisemitischen Lagern die Vorstellung von den Juden als Strippenzieher hinter den Kulissen, als heimliche Herrscher. Nur so kann es zu irritierenden Bündnissen kommen wie beispielsweise auf den antiisraelischen Demonstrationen 2014. Da haben Islamisten, Rechtsextreme und Angehörige eines bestimmten Spektrums der deutschen Linken gemeinsam protestiert. Das wäre bei jedem anderen Thema undenkbar.

ZEIT ONLINE: Worin unterscheiden sich die verschiedenen antisemitischen Strömungen?

Winter: Die mörderischste Variante des Antisemitismus, die am ehesten in Waffengewalt umschlägt, ist immer noch der islamistische Antisemitismus, was man zum Beispiel sieht an den Anschlägen auf eine jüdische Schule in Toulouse 2012, den koscheren Supermarkt in Paris 2015, das jüdische Museum in Brüssel 2014 und die jüdische Rentnerin vor wenigen Wochen. In der Bevölkerung am verbreitetsten ist derzeit aber sicherlich der israelbezogene und verschwörungstheoretische Antisemitismus.Im neonazistischen Spektrum finden sich auch noch Versatzstücke eines biologischen, rassentheoretischen Antisemitismus.