ZEIT ONLINE: Und wie verhält es sich mit einem spezifisch deutschen Antisemitismus? Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rix sagte einst, die Deutschen würden den Juden Auschwitz nie verzeihen. Einer repräsentativen Studie zufolge stimmt jede zweite deutsche Bürgerin der Aussage zu, Juden würden heute versuchen, aus der NS-Vergangenheit einen Vorteil zu ziehen.

Winter: Auschwitz sprengt jede deutsche Identität. Der Holocaust kann niemals Bestandteil eines nationalen Selbstverständnisses werden, auch wenn das in den 2000ern versucht wurde, als die gelungene Erinnerungskultur beinahe zur Grundlage des demokratischen Gemeinwesens erhoben wurde. Aber Auschwitz bleibt, das lässt sich nirgendwo integrieren. Allein die Existenz von Juden wird immer daran erinnern. Deswegen trifft sie eine antisemitische Aggression.

ZEIT ONLINE: In den Sozialwissenschaften spricht man von einem sekundären Antisemitismus.

Winter: Das bedeutet: Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz. Das ist ein antisemitisches Phänomen, das nach 1945 entsteht und ein neues Moment bekommt, nämlich das der Schuldabwehr. Diese Abwehr ist notwendig, weil die deutsche Identität sonst zu fragil wäre. In einer Variante dieser antisemitischen Ausdrucksform wird der Jude zum Moralapostel stilisiert, der immer wieder an die Verbrechen der NS-Vergangenheit erinnern muss. Hier zeigt sich: Der Antisemitismus wandelt sich, aber er ist eine erstaunlich hartnäckige Leidenschaft.

ZEIT ONLINE: Gibt es denn auch jüngere Erscheinungsformen von Antisemitismus?

Winter: Im Umfeld von AfD und Pegida ist momentan eine relativ neue Konstellation von Antisemitismus und Muslimenfeindlichkeit zu beobachten. Die These hierbei ist: In Deutschland gibt es gar keinen Antisemitismus mehr, die Geschichte ist gut aufgearbeitet, das ist ein abgeschlossenes Kapitel. Antisemitismus käme nur noch von außen rein, die Muslime seien heute die wahren Antisemiten. Da spricht ein rassistisches, muslimenfeindliches Ressentiment, das sich zwar an das reale Problem des islamistischen Antisemitismus anlehnen kann. Dass es aber keine ernsthafte Auseinandersetzung mit Antisemitismus darstellt, zeigen die antisemitischen Vorfälle in den eigenen Reihen – etwa die Höcke-Rede vom "Denkmal der Schande". Der eigene Antisemitismus wird projiziert, denn er gehört nicht zum Selbstbild heutiger Rechtspopulisten. Niemand möchte heute mehr als Antisemit bezeichnet werden, kein AfD-Anhänger, kein Kollegah.

ZEIT ONLINE: Dient der Antisemitismus nicht auch einer Inszenierung von Männlichkeit? Der Rapper Kollegah ruft ja unter anderem zur "Boss-Transformation" auf, die zu einer "Boss-Aura" führen soll.

Winter: Bei Kollegah findet man das anfangs erwähnte Syndrom wieder: Antisemitismus geht mit Sexismus und Homophobie einher. Der Fokus liegt hier auf einer stereotyp männlichen Körperlichkeit, die durchaus mit einer antisemitischen Einstellung korrespondiert. Es geht um das alte, aber noch immer präsente Bild des "lüsternen, verweiblichten Juden". Die Gegenfiguren sind muskulöse Männer. "Der Jude" ist kein richtiger Mann – sondern das, was aus dem Männlichkeitsbild abgespalten wird.

ZEIT ONLINE: Ist der "Pop-Antisemitismus" im Rap, wie ihn die Süddeutsche Zeitung vor Kurzem nannte, deswegen so attraktiv für heranwachsende Jungs?

Winter: Vielleicht. Ich denke aber nicht, dass Jungs anfälliger sind für Antisemitismus. Vielmehr würde ich sagen, dass es unterschiedliche Aspekte gibt, die Antisemitismus für die jeweilige Geschlechtsidentität attraktiv machen. Ein männlicher Antisemit kann so zum Beispiel Weiblichkeitsvorstellungen projizieren, während weibliche Antisemitinnen ihre Geschlechtsidentität in Abgrenzung  zu den "verkopften, herzlosen Juden" konturieren können. Im Antisemitismus ist für jeden und jede was dabei.

ZEIT ONLINE: Wenn Antisemitismus so allgegenwärtig ist, sollte sich die momentane Debatte dann gar nicht allzu sehr auf Kollegah, Farid Bang und den Echo-Skandal konzentrieren?

Winter: Derzeit werden lediglich Fragmente der Texte kritisiert. Die sind zwar oftmals offensichtlich antisemitisch – aber viel wichtiger und interessanter ist doch das Weltbild, das Kollegah mit einem Song wie Apokalypse transportiert. Im dazugehörigen Video tritt das Böse in Gestalt der Banken als eine geradezu dämonische Kraft auf, gegen die eine heile Gemeinschaft Widerstand leisten muss. Das ist wie bei Herr der Ringe, nur dass das Böse hier als explizit jüdisch gezeichnet ist. Die pädagogische und öffentliche Auseinandersetzung sollte sich aber nicht einzelnen Sätzen widmen, sondern genau dieser politischen Fantasie. Kollegahs Stellungnahmen richten sich ja auch gegen die "Mainstream-Medien", gegen die man sich auflehnen müsste. Lines wie "Körper definierter als Auschwitz-Insassen" sind da nur die Spitze des Eisbergs.

ZEIT ONLINE: Wie weit ist der Weg von so einem impliziten Antisemitismus hin zu Gewalt?

Winter: Diese Weltanschauung ist ja schon eine Form von Gewalt gegenüber den Stigmatisierten, die damit konfrontiert sind. Zu körperlicher Gewalt muss so eine Weltanschauung nicht zwangsläufig führen: Die wenigsten Menschen mit entsprechenden Einstellungsmustern werden gewalttätig. Aber wenn so ein Weltbild gesellschaftsfähig wird, können sich natürlich plötzlich mehr Leute in einem Wunsch nach Gewalt legitimiert sehen, weil das Kollektiv, dem sie sich zugehörig fühlen, mächtiger wird. Antisemitismus ist mehr als ein einzelner Satz. Antisemitismus ist eine leidenschaftliche Welterklärung.