Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie "Überland". Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Hoch über dem Dorf erhebt sich die Burg auf dem Rusteberg, die einst dem Adel diente und von der heute nur noch Mauerreste übrig sind. Peter Dreiling zeigt auf die Ruine der Burgkapelle, zwischen deren Steinen wieder frischer Mörtel durchscheint. "Frisch restauriert", sagt er. Mit öffentlichem Geld. Und mit viel Arbeit durch die Gemeinde. Seine Arbeit. 

Dreiling ist Bürgermeister. Unten, wie an den Südhang geklebt, liegt sein Dorf. 325 Menschen leben hier. In Marth gibt es eine katholische Kirche, die am Sonntag noch halbvoll ist, eine freiwillige Feuerwehr, die in einem restaurierten Fachwerkhaus untergebracht ist, und eine Gaststätte, die drei Tage die Woche geöffnet hat. Drumherum hügelt sich sattgrüne Fotokalenderlandschaft.

Marth ist ein hübsches Dorf. Trotzdem hat Dreiling nach sechs Jahren genug von der ehrenamtlichen Bürgermeisterei. Da ist zum einen das Alter: Dreiling ist 65. Die Elektronikfirma, die er nach der Wende gründete, leitet er nun auch schon ein Vierteljahrhundert – neben seinem Amt. Und da ist zum anderen der Frust darüber, dass es nur wenige im Dorf zu interessieren scheint, was er nebenbei für die Gemeinschaft tut.

"Ich will wieder meine Freiheit", sagt er. Doch so einfach ist das nicht in Marth, mit der Freiheit von Peter Dreiling und überhaupt. Denn nicht nur Dreiling verzichtete bei der Bürgermeisterwahl am 15. April auf eine Bewerbung. Auch keiner der anderen 284 Wahlberechtigten trat an. Und so gab es keinen einzigen Kandidaten. Das Gesetz sieht für diesen Fall vor, dass die Wählerinnen und Wähler den Namen ihres Favoriten auf den leeren Stimmzettel schreiben können. 58 entschieden sich für Dreiling, obwohl sie wussten, dass er nicht mehr wollte.

Dennoch bekam Dreiling im ersten Wahlgang nicht die absolute Mehrheit. Ein 39 Jahre alter Mann aus dem Dorf erhielt 44 der Stimmen, etwas weniger als der Bürgermeister. Deshalb geht es am kommenden Sonntag für den Kandidaten wider Willen in die Stichwahl. Auch sein Kontrahent will noch nicht sagen, ob er die Wahl annähme, sollte er gewinnen.

Der Ort Marth ist nicht alleine mit diesem demokratischen Dilemma. Auch in drei anderen Dörfern gab es am 15. April keine Bewerber. In Tautenburg nahe Jena schrieben die meisten Bürger einfach ihren bekanntesten Nachbarn auf den Zettel. Der Mann hatte bisher eine Autohauskette in der Region aufgebaut, jetzt soll er plötzlich als Bürgermeisterkandidat in die Stichwahl. Ob ihm das recht ist, lässt sich schwer sagen. Er wolle nicht mit der Presse reden, richtet seine Sekretärin aus. 

Dass das Problem lediglich in vier Orten auftritt, liegt daran, dass in diesem Frühling in Thüringen überwiegend Landräte, Oberbürgermeister und hauptamtliche Bürgermeister zur Wahl stehen – also Posten, die recht ordentlich bezahlt werden. Vor knapp zwei Jahren hingegen, als über 543 ehrenamtliche Bürgermeister wie Dreiling abgestimmt wurde, blieben in 44 Gemeinden die Wahlzettel leer. In 370 Kommunen gab es nur einen Bewerber.