Rassismus ordnet unser Denken und Zusammenleben. Vor einigen Wochen haben wir mit unserer Serie Alltag Rassismus versucht herauszufinden, warum das so ist, was das für die Gesellschaft bedeutet und wie sich das verändern ließe. Durch die Debatte um Mesut Özil und #metwo ist das Thema aktueller denn je. Wir wollen deshalb die wichtigsten Folgen der Serie hier noch einmal zeigen.

Hier erzählen fünf Personen, wie sie rassistische Diskriminierung am Arbeitsplatz erfahren haben. Ihre Berichte sind Antworten auf einen früheren Leseraufruf von ZEIT ONLINE.

Toan Nguyen, 32, Strategiechef und Partner einer Werbeagentur

"Toan, hast du morgen Zeit?", fragte mich ein Vorstand. Ich war gerade mal 25, relativ neu in der Agentur und eigentlich nicht der erste Ansprechpartner für ihn. "Ja, habe ich", antwortete ich. "Warum?"  "Morgen haben wir ein Meeting mit einem internationalen Kunden. Da wäre es gut, wenn wir einen fremd aussehenden Menschen mit am Tisch sitzen hätten."

Ende der Siebzigerjahre flohen meine Eltern aus Vietnam, sie waren sogenannte Boatpeople. Einige Jahre später wurde ich in Heidelberg geboren. Wir zogen oft um, blieben aber immer in Deutschland. Ich fühle mich dem Land verbunden, mehr als der Heimat meiner Eltern. Ich kann nicht mal auf Vietnamesisch fluchen.

Ich habe oft das Gefühl, dass sie mich auf bestimmte Attribute reduzieren: intelligent, zahlenaffin, fleißig, strukturiert.
Toan Nguyen

Heute bin ich 32 und Partner und Mitgesellschafter einer Agenturtochter. Ich verantworte unter anderem die Strategie- und die Gaming-Abteilung. Vor einigen Wochen war ich auf dem Weg zu einer Strategiesitzung mit dem Vorstand einer großen Bank. Ich fuhr mit dem Taxi. Als ich aussteigen wollte, sagte mir der Taxifahrer, dass ich dort kein Geld abheben könne. Die würden nur die Manager reinlassen. "Ich weiß", sagte ich. "Ich bin geschäftlich verabredet." Er sah mich überrascht an und fragte nach: Ob ich ein Bewerbungsgespräch hätte?

Solche Erfahrungen mache ich immer wieder. Da gibt es den Vorstand in der Strategiesitzung, der sagt: "Sie sehen ja schon nach E-Sports und Gaming aus." Ich glaube sogar, dass das nett gemeint ist, aber so etwas bleibt natürlich hängen. Oder ein Rezeptionist im Hotel, der mich kurz mustert und sagt, dass seine Kollegin sich gleich um mich kümmern würde – nachdem er die Anzugträger vor mir noch alle freundlich begrüßt hatte.

Ich will den Menschen keinen Rassismus unterstellen. Tatsächlich trete ich jugendlich auf. Und doch habe ich oft das Gefühl, dass sie mich auf bestimmte Attribute reduzieren: intelligent, zahlenaffin, fleißig, strukturiert. In Meetings kommen dann manchmal durchaus wohlwollend gemeinte Kommentare wie: "Ich hab das mal versucht, im Kopf auszurechnen. Aber Sie können das bestimmt besser." Und fast alle Ex-Freundinnen sagten zu mir: "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal was mit einem Asiaten haben würde."

Für viele Migranten findet der Erfolg weiter im Verborgenen statt – trotz Fleiß, trotz Aufstieg.
Toan Nguyen

Ich befinde mich in einer ambivalenten Situation: Die Eigenschaften, die mir wegen meines Aussehens zugeordnet werden, sind manchmal von Vorteil. Manchmal sind sie ein Handicap.

Mir ist bewusst, dass ich mit meinem Auftreten eine bestimmte Rolle einnehme. Ich bin der junge, internationale Werber mit dem Samurai-Look. Diese Kombination ist mein Alleinstellungsmerkmal und damit auch ein Stück weit ein Karrierebooster. Sie ist sicher mehr Segen als Fluch. Und dennoch schleudern mir die Betrunkenen in den Bars ab und zu ein "Scheiß Japse!" entgegen. Es ist fast schon schizophren.

Am Ende bleibt die Schublade, aus der man nicht entfliehen kann. Für viele Migranten findet der Erfolg weiter im Verborgenen statt – trotz Fleiß, trotz Aufstieg. Solange keiner darüber redet oder schreibt, bleibt man halt ein Japse oder Türke, der in einer Bank nur eins zu suchen hat: zum Geldautomaten gehen.