Marcel Reichmann*, 27, Rettungsassistent

Vor sechs Jahren habe ich eine Ausbildung zum Rettungsassistenten absolviert. Mittlerweile studiere ich im achten Semester Medizin. Neben dem Studium bin ich auf meine Arbeit angewiesen. Deswegen fahre ich regelmäßig Nachtschichten im Rettungswagen.

So auch Anfang Februar. Es war zwei Uhr morgens, ein ganz normaler Nachtdienst in einem Vorort von Frankfurt. Die zentrale Leitstelle alarmierte uns: "Gestürzte Person, Platzwunde am Kopf, Opfer anscheinend alkoholisiert."

Wir trafen an der Unfallstelle ein, eine Wohnung im zweiten Stock eines Apartmentblocks. Es lief laute Rockmusik, es roch nach Bier. Fünf Leute standen im Flur, alle Mitte zwanzig, alle tätowiert, einige trugen Camouflage. "Er liegt im Badezimmer", sagte jemand mit einer altdeutschen Schrift auf dem T-Shirt.

Zusammen mit meinem Kollegen ging ich ins Badezimmer und erschrak: Alles war vollgekotzt, das Waschbecken, die Fliesen, das Klo. Auf dem Boden, neben der Badewanne, lag der Patient. Ein wuchtiger Typ, fast zwei Meter groß, bestimmt 150 Kilo schwer. Er schnarchte. Um seinen Kopf haben sich Kotze und Blut vermischt. Er musste mit der Stirn auf den Rand der Badewanne geknallt, dann bewusstlos geworden sein.

Mein Job ist es, zu helfen. Da mache ich keinen Unterschied zwischen Rassisten und anderen.
Marcel Reichmann

Ich sprach ihn an: "Hallo, hier ist der Rettungsdienst. Sie sind gestürzt und bluten am Kopf." Er riss seine Augen auf, sah mich, den Sohn einer Weißen und eines Afroamerikaners, an und schrie: "Was hat der Schwarze in meinem Badezimmer zu suchen!" Im Liegen schlug er um sich, spuckte in meine Richtung und pennte wieder weg.

Seine Freunde standen wie Zuschauer hinter mir im Türrahmen. Sie grinsten. Niemand half. Sie sagten, dass der Mann am Boden drei Flaschen Whiskey und einen Eimer Nudelsalat intus hatte. Schwere Alkoholvergiftung und Platzwunde am Kopf – er musste dringend ins Krankenhaus.

Als er kurz darauf wieder aufwachte, schlug er um sich und spuckte in meine Richtung. Er wollte sich von mir nicht helfen lassen. In dem Moment ließ ich das nicht an mich ran. Mein Job ist es, zu helfen. Da mache ich keinen Unterschied zwischen Rassisten und anderen. Deswegen forderte ich weitere Sanitäter an. Zu zweit hätten wir den Patienten nicht aus der Wohnung bekommen.

*Name geändert