Ob es jemand auf die Universität schafft, hängt in Deutschland besonders stark vom Elternhaus ab. Ein Symbol für diese Chancenungleichheit ist der sogenannte Bildungstrichter. Nun legt das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung neue Zahlen vor. Monika Jungbauer-Gans ist dort wissenschaftliche Geschäftsführerin.

ZEIT ONLINE: Frau Jungbauer-Gans, wie groß ist die soziale Schieflage beim Hochschulzugang?

Jungbauer-Gans: Sie ist weiterhin beträchtlich. Wenn wir hundert Kindern aus Akademikerfamilien 100 Kindern von Nichtakademikern gegenüberstellen, dann schaffen es von den einen 79 auf eine Hochschule, von den anderen sind es 27. Schaut man sich die Kinder an, deren Eltern überhaupt keinen Abschluss haben, schaffen es sogar nur 12 Prozent an eine Universität oder Fachhochschule.

ZEIT ONLINE: Der letzte Trichter erschien 2009. Hat sich an der Ungleichheit etwas getan?

Jungbauer-Gans: Die Übergangsquote auf die Hochschule ist in beiden Gruppen gestiegen, bei der einen Gruppe um zwei, der anderen um vier Prozentpunkte. Die "Gerechtigkeitslücke" hat sich also etwas geschlossen. Das liegt unter anderem daran, dass es heute mehr Nichtakademikerkinder auf ein Gymnasium schaffen und dann die Berechtigung zum Studium auch häufiger nutzen, als das früher der Fall war. 

ZEIT ONLINE: Dennoch ist der Bildungsaufstieg weiterhin schwer, er scheint fast unmöglich.

Jungbauer-Gans: Das kommt darauf an, welche Zahlen man sich anschaut und wie man sie interpretiert. Betrachtet man zum Beispiel die Anteile an der Gesamtzahl der Studierenden, dann sieht es anders aus: Dann stammen nämlich 48 Prozent aus Familien, deren Eltern nicht studiert haben. Fast jeder Zweite an einer deutschen Hochschule ist also ein Bildungsaufsteiger.

ZEITONLINE: Das ist verwirrend.

Jungbauer-Gans: Stimmt, deshalb werden die Zahlen in der Öffentlichkeit auch oft durcheinandergeworfen. Noch einmal: Auf eine Hochschule schafft es aus einer Nichtakademikerfamilie nur gut ein Viertel. Betrachtet man die Gesamtzahl der Studierenden, sind es jedoch fast die Hälfte. Der Unterschied liegt darin begründet, dass es viel mehr Nichtakademikerfamilien in der Bevölkerung insgesamt gibt.  

ZEIT ONLINE: Gibt es also einen Aufstieg durch Bildung in Deutschland?

Jungbauer-Gans: Natürlich gibt es den. Und bei den unteren Schichten ist der Zuwachs höher. Das ist aber relativ logisch, denn bei den Akademikerkindern haben auch früher fast alle studiert, da ist für eine Erhöhung der Anteile nicht mehr viel Luft nach oben, während wir im Zeitverlauf bei Nichtakademikerkindern deutliche Zuwächse der Anteile finden, die ein Studium aufnehmen. Zudem gibt es eine bewusste Öffnung der Hochschulen.

ZEIT ONLINE: An was denken Sie da?  

Jungbauer-Gans: Es gibt heute das duale Studium, das eine Berufsausbildung mit einer Hochschulausbildung verbindet. Auch die Fachhochschulen wurden stark ausgebaut, die eher Kinder aus Nichtakademikerfamilien besuchen. Zudem ist es heute möglich, auch ohne Abitur zu studieren.

Die soziale Herkunft wirkt sich auf die gesamte Bildungskarriere aus

ZEIT ONLINE: Wie lässt sich die Bildungsungleichheit weiter abbauen?

Jungbauer-Gans: Wir wissen aus Befragungen, dass Nichtakademikerkinder sich ein Studium oft nicht zutrauen, selbst wenn sie Abitur haben. Sie haben Angst, zu scheitern, sehen größere Probleme, ihr Studium zu finanzieren, oder fühlen sich von zu Hause weniger unterstützt. Hier könnte man ansetzen, indem man den Betroffenen mehr Unterstützung anbietet. Aber die eigentliche Entscheidung, ob jemand studiert oder nicht, fällt natürlich weit früher.

ZEIT ONLINE: Wann?

Jungbauer-Gans: Die soziale Herkunft wirkt sich im Laufe der gesamten Bildungskarriere aus. Selbst bei Habilitierten können wir noch nachweisen, dass solche aus höheren Schichten es leichter auf eine Professur schaffen. Dennoch wissen wir, dass der soziale Hintergrund am Anfang besonders stark durchschlägt. Insofern dürfte die wichtigste Schwelle der Übergang von der Grundschule ins Gymnasium sein, der in Deutschland ja besonders früh ist. Hier wählen viele Nichtakademikerkinder andere Schulformen.

ZEIT ONLINE: Wer mehr Arbeiterkinder auf die Uni bringen will, muss also die Grundschulzeit verlängern?

Jungbauer-Gans: Unter dem Gerechtigkeitsaspekt würde es wohl etwas bringen, wenn man die Grundschulzeit verlängert. Und die Leistungen aller Schüler würden darunter auch nicht leiden. Dennoch ist eine solche Reform wegen des Widerstandes gerade von Akademikereltern politisch kaum durchzusetzen. Ein anderer Weg, den viele Bundesländer gehen, ist, die Durchlässigkeit des Bildungssystems zu erhöhen und mehr Anschlussmöglichkeiten zu schaffen, zum Beispiel die Möglichkeiten zu verbessern, nach der Realschule noch das Abitur zu erreichen. Auch damit lassen sich Herkunftsunterschiede abmildern.

ZEIT ONLINE: Abmildern, aber nie ganz ausgleichen?

Jungbauer-Gans: Richtig, ein gutes Bildungssystem reduziert die sozialen Unterschiede beziehungsweise verstärkt sie nicht noch, etwa dadurch, dass Lehrer das Potenzial von guten Schülern aus unterprivilegierten Familien ignorieren. Dennoch wird das Elternhaus immer einen großen Einfluss haben. Das beginnt schon ganz früh beim Vorlesen oder damit, welche Anregungen man Kindern gibt. Am Ende wird es immer Leistungsunterschiede geben, die zu ungleichen Bildungsresultaten führen. Gerade bei Migranten schlägt sich der Herkunftseffekt übrigens besonders stark nieder.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Jungbauer-Gans: Hier geht die Studierquote noch weiter auseinander. Der Vorteil von Akademikerkindern gegenüber Nichtakademikerkindern mit Migrationshintergrund ist noch etwas größer als der Vorteil deutscher Akademikerkinder. Dass Personen mit Migrationshintergrund im Durchschnitt seltener an Hochschulen zu finden sind, liegt also vor allem an der jeweiligen sozialen Herkunft. Die Bildungsambitionen von Migranteneltern sind insgesamt hoch – höher sogar als bei vergleichbaren Deutschen.