Herr A. will nur noch weg – Seite 1

Rassismus ordnet unser Denken und Zusammenleben. Vor einigen Wochen haben wir mit unserer Serie Alltag Rassismus versucht herauszufinden, warum das so ist, was das für die Gesellschaft bedeutet und wie sich das verändern ließe. Durch die Debatte um Mesut Özil und #metwo ist das Thema aktueller denn je. Wir wollen deshalb die wichtigsten Folgen der Serie hier noch einmal zeigen.

Muhammad A. erinnert sich genau an den Abend, als er durch einen Tunnel in seiner Wohngegend in einer ostdeutschen Stadt gelaufen sei. Plötzlich sei ein Mann hinter ihm aufgetaucht und habe gefragt: "Bist du Syrer oder Albaner?" Dann rief er immer wieder: "Go home, geh nach Hause!" A. sagt, er habe Angst bekommen und sei in eine Straße mit einer Polizeistation eingebogen. Erst dann habe der Verfolger von ihm abgelassen.

Das ist fünf Monate her. Seitdem gehe er nachts nicht mehr aus dem Haus, er bringe nicht einmal seinen Müll im Dunkeln in den Hof. Die Schikanen seien für ihn Alltag geworden. Er zählt auf, was er täglich erlebe: "Ich begegne Menschen, die sich nicht neben mich in die Straßenbahn setzen, Zugkontrolleure, die nur mich nach dem Ausweis fragen, Passagiere, die den Kopf schütteln, wenn sie mich sehen." Neulich habe ihn ein Nutzer einer Homo-Dating-App so heftig rassistisch beschimpft, dass er auch die App nur noch vorsichtig nutzt. A. ist homosexuell und Atheist – keine gute Kombination in seiner Heimat in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dort ist Homosexualität strafbar.

A. kam vor vier Jahren nach Deutschland, zuvor hatte er ein Masterstudium in den USA abgeschlossen und ein paar Jahre in den Vereinigten Arabischen Emiraten im Marketing gearbeitet. Dann bekam er wegen seiner sexuellen Neigung dort Probleme. Deutschland war sein Ausweg. Der 37-Jährige studierte noch einmal Wirtschaft, seit 2016 promoviert er. Vom fremdenfeindlichen Image der neuen Bundesländer hatte er zwar gehört. Sein Doktorvater riet ihm sogar, in Berlin oder Leipzig zu wohnen. "Ich dachte, so schlimm wird es schon nicht sein. Jetzt will ich nur noch weg hier", sagt er.

Allerdings braucht die Region dringend gut ausgebildete Arbeitskräfte wie A. Grundsätzlich kommen nur sehr wenige Menschen aus Nicht-EU-Ländern zum Arbeiten nach Deutschland. Das fand ein Forschungsteam am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in München heraus. Besonders wenige kommen nach Ostdeutschland. 2016 erteilten die neuen Bundesländer jeweils weniger als 500 Aufenthaltstitel zur Erwerbstätigkeit oder zur Arbeitsplatzsuche. In Bayern waren es dagegen knapp 6.000 Aufenthaltserlaubnisse. Auch im Verhältnis zu den Einwohnerzahlen ist das wenig.

Ausländische Arbeitskräfte lassen sich abschrecken

Wissenschaftler vermuten, dass auch das fremdenfeindliche Image Ostdeutschlands eine Rolle bei der Standortwahl spielt: die gesellschaftlichen Diskussionen, Pegida, die Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und die AfD-Erfolge. Nirgendwo ist die gesellschaftliche Spannung angesichts der Flüchtlingsfrage spürbarer als im Osten. Zwar sind rechts motivierte Straftaten in Deutschland und auch im Osten rückläufig. Gemessen an den Einwohnerzahlen passieren sie aber immer noch am häufigsten in den neuen Bundesländern. Und sie strahlen zeitlich und räumlich aus – überschatten gegenläufige Entwicklungen, wie die Wahl des Linken-Politikers Bodo Ramelow  zum Ministerpräsidenten in Thüringen oder die Geschichten einzelner engagierter Bürgermeister.

"Die Situation ist, wie sie ist, den ein oder anderen wird es abschrecken", sagt Heinz Martin Esser. Er ist Vorstand bei Silicon Saxony, einem Branchennetzwerk für Mikro- und Nanoelektronik und Softwareunternehmen. Der Verband hat mehr als 330 Mitglieder. Laut Esser dauert die Personalsuche insgesamt länger als vor einigen Jahren. Eine Ingenieursstelle zu besetzen, kann mehrere Monate beanspruchen. Das liege hauptsächlich am demografischen Wandel in der Region. Viele Arbeitskräfte gingen in den Ruhestand und der Nachwuchs fehle. 

Gleichzeitig entwickelt sich die Wirtschaft in Ostdeutschland 28 Jahre nach der Wiedervereinigung viel langsamer als im Westen. 2016 lag das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner in Ostdeutschland bei 73 Prozent des westdeutschen Vergleichswerts. Die Ursachen sind strukturell. In der Region gibt es hauptsächlich klein- und mittelständische Firmen, aber kein einziges großes DAX-Unternehmen. Auf der Suche nach besseren Jobs sind gut qualifizierte jüngere Menschen massenhaft weggezogen. Übrig geblieben sind diejenigen, die nicht ganz so innovativ sind, nicht ganz so gut ausgebildet; die Älteren, die nicht viele neue Ideen in das Wirtschaftsleben hineinbringen.

Oliver Holtemöller führt häufig Einstellungsgespräche mit internationalen Bewerbern. Er ist stellvertretender Leiter des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle. "Die Bewerber fragen im Gespräch sehr oft, ob sie auf der Straße Angst haben müssen", sagt er. Die Gewalttaten richteten sich überwiegend gegen Geflüchtete, aber davon ließen sie sich abschrecken. "Sie laufen ja nicht mit einem Schild auf der Stirn rum, auf dem steht, ob sie einen Hochschulabschluss haben." Trotzdem empfiehlt er den Wissenschaftsstandort Halle. Übergriffe seien auf seine Angestellten noch nie vorgekommen. Außerdem bleibe rechte Gewalt eher ein ländliches Problem.

Firmen investieren weniger im Osten

Holtemöller erforscht seit knapp zehn Jahren den Aufholprozess in Ostdeutschland. Er ist sich sicher, dass sich wirtschaftliche Entwicklung und Fremdenfeindlichkeit gegenseitig bedingen: "Studien belegen, dass wirtschaftliches Abgehängtsein Menschen dazu bringt, fremdenfeindliche Einstellungen zu haben und rechtsextreme Parteien zu wählen." Das ausländerfeindliche Image hemmt wiederum Unternehmen, ihren Standort in den Osten zu verlegen. Aber wie lässt sich empirisch belegen, dass sich Fremdenfeindlichkeit negativ auf die Wirtschaft auswirkt? "Das kann man nicht in Euro umrechnen, aber es ist klar, dass es einen Zusammenhang gibt", sagt Holtemöller.  

Deutliche Hinweise gab es bereits 2004 von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Kai Bussmann, Professor für Strafrecht und Kriminologie, hat dort die bisher einzige quantitative Studie zu den ökonomischen Auswirkungen von Fremdenfeindlichkeit verfasst. Seine Mitarbeiter haben 600 Unternehmen in Deutschland anonym befragt, inwieweit sie Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt als Standortnachteil bewerten. Bei fast einem Drittel der Firmen war Fremdenfeindlichkeit Thema in Bewerbungsgesprächen, im Osten sogar bei vierzig Prozent. Ostdeutsche Unternehmen bekamen laut der Studie sechsmal mehr Absagen als Firmen im Westen – mit Verweis auf Ausländerfeindlichkeit.

Besser das Trauma nicht aufwühlen

Kai Bussmann zufolge liegt es am mangelnden Interesse von Politik und Wirtschaft, dass es keine neueren Studien dazu gibt. Das Image laste sowieso schon so schwer auf der Region. Es sei daher unerwünscht, das Thema noch mehr aufzukochen.

Auf die Frage, wie das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zum Imageproblem Ostdeutschlands steht, heißt es eher zurückhaltend: "Fremdenfeindlichkeit kann der wirtschaftlichen Entwicklung schaden, in Ost- wie in Westdeutschland. Eine gute Entwicklung auch strukturschwacher Regionen kann dazu beitragen, dass Ängste und Vorbehalte gegen Fremde zurückgehen."

In Sachsen wollen Unternehmen das Problem inzwischen nicht mehr abwiegeln. Der Lobbyverein Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen sendet deshalb die Botschaft: Sachsen ist weltoffen. "Für unsere Mitglieder ist es wichtig, Haltung zu zeigen, sich weltoffen zu präsentieren und das auch ihren Mitarbeitern vorzuleben", sagt Vorstandssprecher Andreas von Bismarck. Zu den 70 Mitgliedern gehören hauptsächlich klein- und mittelständische Unternehmen, aber auch große Unternehmen wie Wacker Chemie, die Deutsche Bank und der Branchenverband Silicon Saxony. Wie häufig bekommen Mitgliedsfirmen Absagen wegen Fremdenfeindlichkeit? Dazu hat der Verein keine Zahlen. "Wir kennen aber Beispiele und das ist schlimm genug", sagt von Bismarck.

Wie verbreitet Fremdenfeindlichkeit in den gesamten neuen Bundesländern tatsächlich ist, erforscht derzeit das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena. Die Studie hatte das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie in der letzten Legislaturperiode in Auftrag gegeben und soll im Herbst 2018 erscheinen.

Für A. werden konkrete Zahlen vermutlich nichts an seiner Meinung ändern. Er hat seine Doktorarbeit inzwischen abgebrochen und will wegziehen. A. kann sich zwar vorstellen, weiterhin in Deutschland zu leben, nur nicht im Osten.