Sollen Kopftücher an Schulen verboten sein? Vor wenigen Tagen bestätigte das Berliner Arbeitsgericht: Die Schulverwaltung darf einer Lehrerin mit Kopftuch untersagen, an einer Grundschule zu unterrichten. Doch die Rechtslage ist nicht überall gleich, das Tuch bleibt umstritten. Deniz Baspinar, Psychologische Psychotherapeutin in Köln, sagt: Für ein generelles Verbot des Kopftuchs an Schulen gibt es gute Argumente.

Dilara* ist schwanger mit ihrem zweiten Kind. Die zierliche junge Frau hat eine schwierige Phase hinter sich. Nach dem ersten Kind war ihr der Wiedereinstieg in den Beruf nicht gelungen, deshalb will sie nun ihre Familienplanung abschließen. Das erste Kind geht bereits in die Schule, es ist ein Mädchen. Jetzt wünscht sich Dilara einen Jungen. Während der Schwangerschaft hat sie einen Traum: Alles ist hell erleuchtet. Sie tritt ans Fenster, die Sonne scheint auf ihren Bauch. Danach schließt sie wilde Tiere in Käfige.

Sie deutet den Traum als Aufforderung Gottes, das wilde Tier in sich zu bändigen: ihr Ego, ihr nefs. Seit einiger Zeit denkt sie schon über das Kopftuch nach. Dilara glaubt an Allah, sie fastet, doch die Haare trägt sie bislang offen. Warum ist sie nicht konsequent und geht den letzten Schritt, fragt sie sich. Auch ihr Mann ermutigt sie, ein Kopftuch zu tragen. Und wird nicht die Schwägerin, die ein Kopftuch trägt, von den Schwiegereltern deutlich bevorzugt? Das ärgert Dilara. Vielleicht gibt es so etwas wie einen unausgesprochenen Handel mit Gott: Ich trage ein Kopftuch – und im Gegenzug gibst Du mir einen gesunden Jungen und nettere Schwiegereltern.

Dilara entscheidet sich für das Tuch. Ihr Ehemann geht mit ihr einkaufen, sie benötigt ja neue Kleidung: Kopftücher, langärmelige Oberteile, Tuniken, Mäntel. An einem islamischen Feiertag, dem Zuckerfest, legt sie das Tuch zum ersten Mal an. Sie bindet es, wie sie es von den Frauen aus ihrer Umgebung kennt.

Das Tuch signalisiert Selbstüberwindung

Die Reaktionen sind positiv. Alle beglückwünschen sie zu diesem Schritt. Man könne nun das Licht Gottes in ihrem Antlitz sehen, sagen sie. Viel ist von nefs die Rede. Das türkische Wort geht auf das arabische nafs zurück, es meint das Selbst, die Seele, aber auch so etwas wie Triebhaftigkeit. Seinen nefs zu kontrollieren bedeutet Selbstbeherrschung oder Selbstüberwindung. Es bedeutet, dass man sich von den weltlichen Freuden und Eitelkeiten abwendet und dass man seine Gefallsucht überwindet.

Dilara nimmt die Komplimente dankbar an. Ihr Ehemann ist jetzt viel aufmerksamer zu ihr. Dennoch empfindet sie mit dem Tuch ein seltsames Gefühl von Unwohlsein. Sie hofft, dass sich das mit der Zeit geben wird.

Doch das zweite Kind wird wieder ein Mädchen. Dilara ist sehr enttäuscht, dann wird aus der Enttäuschung Verbitterung. Warum erfüllen sich ihre Wünsche nie, denkt sie, was soll sie denn noch machen? Das Kopftuch wird ihr unangenehmer. Wenn sie es trägt, atmet sie schlechter und spürt eine Schwere auf sich lasten. Sie fühlt sich mit dem Tuch plötzlich viel älter. Um es nicht tragen zu müssen, vermeidet sie es nun sogar, aus dem Haus zu gehen.

Sie fragt ihren Mann, was er davon halte, wenn sie das Kopftuch wieder ablege. Es kommt zu einem Streit. Der Ehemann wirft ihr vor, das Kopftuch aus einer Laune heraus angelegt zu haben. Wie stehe er da, wenn seine Frau das Tuch wieder ablegt? Er wäre der Mann einer unernsten, launenhaften Frau, die ihren nefs nicht kontrollieren kann. Er droht mit der Scheidung.

Kopftuch - »Heutzutage gelten wir als Terroristen« Warum Muslimas ihren Kopf bedecken, kann viele Gründe haben. Welche, erfahren Sie im Video – von Frauen, die sich dafür oder dagegen entschieden haben. © Foto: Sarah Lehnert für ZEIT ONLINE