Dieser Text ist Teil unserer neuen Serie "Heimatmysterium". Hier suchen wir nach dem, was Menschen in Deutschland verbindet – Religion, Beruf, Hobby, Herkunft oder Lebenssituation. Dem, was deutsche Heimaten ausmacht.

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Meist nimmt sie am Fenster Platz, auf einem der schwarzen Ledersessel, legt die Füße hoch, doch da ist es heute voll, also nimmt sie einen der Lederstühle am anderen Ende des Raumes. Der Pfleger kommt, "das Blut sieht gut aus", sagt er, "dann kann's ja losgehen". Sie schaut nicht hin, während er den Zugang legt, so was kann sie nicht sehen, Blut schon gar nicht. "Danke schön", sagt sie, als er fertig ist, dann tropft die klare Flüssigkeit aus dem Beutel in ihren Arm. Meist, wenn sie niemanden zum Reden hat, blättert sie in der Gala oder in der Bunten, was sie sonst nie tut, nur hier in der Praxis oder mal beim Friseur. Es gibt so viel Elend auf der Welt, denkt sie dann, ist doch egal, wer mit wem über den roten Teppich läuft. Sie sagt: "Tät ich's, ich hätt' ein schlechtes Gewissen."

Frau Prinz, so nennen wir sie, denn ihren wahren Namen, das hat sie sich gewünscht, sollen nicht alle wissen, trägt blaue Lederschuhe, fein, aber ihr nicht fein genug. Schuhe waren ihr Fimmel, nun sind die Füße dick, der Knöchel geschwollen, eineinhalb Nummern größer müssen es sein. Jeans, Pullover, Daunenweste, Perlenkette, am linken Ringfinger ein goldener Ring aus zweien zusammengeschweißt: Ihr Ehering mit Diamant und der schlichte Ehering ihres verstorbenen Mannes. "Würde ich den verlieren", sagt sie, "das wäre eine grande catastrophe." 

Er fuhr zur See, und manchmal nahm sie ihren gesamten Jahresurlaub und fuhr mit. Dann machten sie nach Feierabend Ausflüge, selbst wenn die Hitze hämmerte, dass sich alle nur verkriechen wollten. Ihr Mann sagte: "Mit dir ist's so anstrengend", aber sie wollte unbedingt, und was sie wollte, setzte sie durch. Wenn sie keinen Urlaub hatte, brachte sie ihn zum Schiff, sie an Land, weinte und konnte nicht aufhören, und er, auf der Gangway, drehte sich nicht mehr um. Von unterwegs schickte er ihr Rosen, rot, langstielig, eimerweise, so groß waren ihre Vasen nicht. Einmal wusste sie sich nicht zu helfen und alle Rosen kamen in die Badewanne.

Die weißen, kurzen Haare hat sie am Morgen mit einer Rundbürste geföhnt, damit sie nicht runterhängen. Zu dünn sind sie ihr geworden, so fisselig, und es gehen auch welche aus, aber das kann das Alter sein, 78 immerhin. Am liebsten, sagt sie, würde sie den Arzt gleich, wenn die Flüssigkeit nach eineinhalb Stunden durchgetropft ist und sie in sein Sprechzimmer geht, fragen, ob sie sich beim Friseur nicht eine leichte Welle machen könne, damit das mal besser sitzt, aber ob dann alle Haare ausgingen? Doch diese Frage, überlegt sie, könne sie doch nicht stellen, oder? "Ich denke dann, dass er denkt: Mensch, hat sie keine anderen Sorgen?"

Man merkt es nicht, wenn man sie so sitzen sieht

Wenigstens, sagt sie, seien ihr die Haare nicht ausgefallen. "Aber dafür hab ich nun das." Sie schaut auf ihre Hände und Füße. Man merkt es nicht, wenn man sie sitzen sieht, aufrecht, zurechtgemacht. Man merkt es erst, wenn sie die Jacke anzieht und fragt, ob man helfen könne, die Knöpfe kriegt sie nicht mehr zu. Eine schwere Tasche tragen kann sie, einen Knopf annähen oder eine Flasche aufdrehen: unmöglich. Man merkt es, wenn sie im Sitzen plötzlich ihr Bein hochzieht. "Jetzt hat's gerade gezuckt", sagt sie. Oder wenn im Stehen mit einem Mal und ohne ihre Kontrolle ein Bein austritt und sie den Halt verliert. Man merkt es, wenn sie geht, staksig, sie sagt: "Wie ein Storch im Salat."

Elegant ist sie immer gewesen, nun fühlt sie sich ganz schön runtergekommen. Es sind die Nerven, die sind geschädigt, nicht regenerierbar, sagt ihr Neurologe. Daran bin auch ich schuld, sagt ihr Onkologe und meint weniger sich selbst als die Chemotherapie, die er ihr verordnet hat. Zurzeit zwei Wochen am Stück, eine Woche Pause, zwei Wochen am Stück. Seit einem Jahr und bis ans Ende ihres Lebens, so viel ist klar.

Im Sprechzimmer, der Arzt hinter dem Schreibtisch, sie davor, sagt sie ihm nichts von der Welle und den Haaren. Sie sprechen über die Chemotherapie, die gerade gut anschlägt. "Aber wenn es Ihnen schlechter geht", mahnt der Onkologe, "müssen Sie sofort ins Krankenhaus gehen." Sie: "Ja, aber was soll denn sein? Mir geht's doch gut, bis auf diese Nervenschmerzen." Onkologe: "Na, wenn Sie Fieber bekommen oder gelb werden."

Eineinhalb Jahre ist es her. Im November packte sie im Garten noch das Laub zusammen, 35 blaue Säcke waren es, die Tage drauf fühlte sie sich schlapp. Hast du dich wohl übernommen, dachte sie sich, wird schon wieder. Es wurde Dezember, und sie fuhr zu ihrer Tochter. Mit den Enkelkindern backte sie, wie jedes Jahr, ein Pfefferkuchenhaus. "Mama", sagte ihre Tochter, "das gefällt mir nicht, du wirst ganz gelb." Sie feierten Weihnachten, dann rief sie bei ihrem Hausarzt an, doch der war im Urlaub. Ein anderer nahm sie nicht, also wartete sie, bis er wieder da war, sie kam herein, und er: "Ich mache nichts mit Ihnen, sofort zur Internistin."