Dieser Text ist Teil unserer neuen Serie "Heimatmysterium". Hier suchen wir nach dem, was Menschen in Deutschland verbindet – Religion, Beruf, Hobby, Herkunft oder Lebenssituation. Dem, was deutsche Heimaten ausmacht.

Weitere Informationen über das Projekt #D18

Meist nimmt sie am Fenster Platz, auf einem der schwarzen Ledersessel, legt die Füße hoch, doch da ist es heute voll, also nimmt sie einen der Lederstühle am anderen Ende des Raumes. Der Pfleger kommt, "das Blut sieht gut aus", sagt er, "dann kann's ja losgehen". Sie schaut nicht hin, während er den Zugang legt, so was kann sie nicht sehen, Blut schon gar nicht. "Danke schön", sagt sie, als er fertig ist, dann tropft die klare Flüssigkeit aus dem Beutel in ihren Arm. Meist, wenn sie niemanden zum Reden hat, blättert sie in der Gala oder in der Bunten, was sie sonst nie tut, nur hier in der Praxis oder mal beim Friseur. Es gibt so viel Elend auf der Welt, denkt sie dann, ist doch egal, wer mit wem über den roten Teppich läuft. Sie sagt: "Tät ich's, ich hätt' ein schlechtes Gewissen."

Frau Prinz, so nennen wir sie, denn ihren wahren Namen, das hat sie sich gewünscht, sollen nicht alle wissen, trägt blaue Lederschuhe, fein, aber ihr nicht fein genug. Schuhe waren ihr Fimmel, nun sind die Füße dick, der Knöchel geschwollen, eineinhalb Nummern größer müssen es sein. Jeans, Pullover, Daunenweste, Perlenkette, am linken Ringfinger ein goldener Ring aus zweien zusammengeschweißt: Ihr Ehering mit Diamant und der schlichte Ehering ihres verstorbenen Mannes. "Würde ich den verlieren", sagt sie, "das wäre eine grande catastrophe." 

Er fuhr zur See, und manchmal nahm sie ihren gesamten Jahresurlaub und fuhr mit. Dann machten sie nach Feierabend Ausflüge, selbst wenn die Hitze hämmerte, dass sich alle nur verkriechen wollten. Ihr Mann sagte: "Mit dir ist's so anstrengend", aber sie wollte unbedingt, und was sie wollte, setzte sie durch. Wenn sie keinen Urlaub hatte, brachte sie ihn zum Schiff, sie an Land, weinte und konnte nicht aufhören, und er, auf der Gangway, drehte sich nicht mehr um. Von unterwegs schickte er ihr Rosen, rot, langstielig, eimerweise, so groß waren ihre Vasen nicht. Einmal wusste sie sich nicht zu helfen und alle Rosen kamen in die Badewanne.

Die weißen, kurzen Haare hat sie am Morgen mit einer Rundbürste geföhnt, damit sie nicht runterhängen. Zu dünn sind sie ihr geworden, so fisselig, und es gehen auch welche aus, aber das kann das Alter sein, 78 immerhin. Am liebsten, sagt sie, würde sie den Arzt gleich, wenn die Flüssigkeit nach eineinhalb Stunden durchgetropft ist und sie in sein Sprechzimmer geht, fragen, ob sie sich beim Friseur nicht eine leichte Welle machen könne, damit das mal besser sitzt, aber ob dann alle Haare ausgingen? Doch diese Frage, überlegt sie, könne sie doch nicht stellen, oder? "Ich denke dann, dass er denkt: Mensch, hat sie keine anderen Sorgen?"

Man merkt es nicht, wenn man sie so sitzen sieht

Wenigstens, sagt sie, seien ihr die Haare nicht ausgefallen. "Aber dafür hab ich nun das." Sie schaut auf ihre Hände und Füße. Man merkt es nicht, wenn man sie sitzen sieht, aufrecht, zurechtgemacht. Man merkt es erst, wenn sie die Jacke anzieht und fragt, ob man helfen könne, die Knöpfe kriegt sie nicht mehr zu. Eine schwere Tasche tragen kann sie, einen Knopf annähen oder eine Flasche aufdrehen: unmöglich. Man merkt es, wenn sie im Sitzen plötzlich ihr Bein hochzieht. "Jetzt hat's gerade gezuckt", sagt sie. Oder wenn im Stehen mit einem Mal und ohne ihre Kontrolle ein Bein austritt und sie den Halt verliert. Man merkt es, wenn sie geht, staksig, sie sagt: "Wie ein Storch im Salat."

Elegant ist sie immer gewesen, nun fühlt sie sich ganz schön runtergekommen. Es sind die Nerven, die sind geschädigt, nicht regenerierbar, sagt ihr Neurologe. Daran bin auch ich schuld, sagt ihr Onkologe und meint weniger sich selbst als die Chemotherapie, die er ihr verordnet hat. Zurzeit zwei Wochen am Stück, eine Woche Pause, zwei Wochen am Stück. Seit einem Jahr und bis ans Ende ihres Lebens, so viel ist klar.

Im Sprechzimmer, der Arzt hinter dem Schreibtisch, sie davor, sagt sie ihm nichts von der Welle und den Haaren. Sie sprechen über die Chemotherapie, die gerade gut anschlägt. "Aber wenn es Ihnen schlechter geht", mahnt der Onkologe, "müssen Sie sofort ins Krankenhaus gehen." Sie: "Ja, aber was soll denn sein? Mir geht's doch gut, bis auf diese Nervenschmerzen." Onkologe: "Na, wenn Sie Fieber bekommen oder gelb werden."

Eineinhalb Jahre ist es her. Im November packte sie im Garten noch das Laub zusammen, 35 blaue Säcke waren es, die Tage drauf fühlte sie sich schlapp. Hast du dich wohl übernommen, dachte sie sich, wird schon wieder. Es wurde Dezember, und sie fuhr zu ihrer Tochter. Mit den Enkelkindern backte sie, wie jedes Jahr, ein Pfefferkuchenhaus. "Mama", sagte ihre Tochter, "das gefällt mir nicht, du wirst ganz gelb." Sie feierten Weihnachten, dann rief sie bei ihrem Hausarzt an, doch der war im Urlaub. Ein anderer nahm sie nicht, also wartete sie, bis er wieder da war, sie kam herein, und er: "Ich mache nichts mit Ihnen, sofort zur Internistin."

Ein Arzt sagt, sie habe die Wahl zwischen Pest und Cholera

Frau Prinz sitzt auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer. Dort ist alles noch immer akkurat aufgeräumt. © Bettina Theuerkauf für ZEIT ONLINE

Sie ging zur Internistin, vermutlich die Gallensteine, die Internistin schickte sie ins Krankenhaus. Keine Gallensteine, sagte man im Krankenhaus, hier könne man nichts machen, und schickte sie zum Leberspezialisten. Der sagte: "Sie haben die Wahl zwischen Pest und Cholera." Was er damit meinte, sagte er nicht, und sie fragte nicht, doch der Satz ließ sich, ohne dass sie es merkte, in ihr nieder, quartierte sich ein und kommt nun immer mal wieder hervor. Pest und Cholera.

Sie wurde operiert, und als sie wieder aufwachte, erfuhr sie: Tumor im Gallengang, in einer Gabelung gelegen, inoperabel. Na schön, dachte sie, dann kriegst du nun Chemotherapie und gut ist. Sie habe ja nie ein Verhältnis zu Krankheiten gehabt, sagt sie, nie sei was Schlimmes gewesen. Keinerlei Tabletten genommen, Herz, Nieren, Lunge, alles in Ordnung, und das, obwohl sie Jahrzehnte geraucht hatte. Drei, vier Tage nach der Operation lief sie wieder über den Flur und wunderte sich, dass ihre Tochter immer beim Abschied weinte: "Was heulst du denn? Es gibt doch keinen Grund zu heulen!", fuhr die Mutter die Tochter einmal an.

Sie hatte keine Schmerzen, nur etwas schlapp fühlte sie sich, und sie nahm ab, konnte kaum was essen. Spargel kochte sie und schmiss ihn weg; Tomaten und Zucchini mit Fetakäse überbacken, schmiss sie weg; bis auf Gemüsesuppen schmeckte alles furchtbar. 55 Kilo wog sie noch. Sie aß viel Haferflockensuppe, damit nahm sie zu. Sie ging wieder in den Garten, halbe Stunde arbeiten, halbe Stunde sitzen, lang still sein konnte sie nie. Als es mit den Beinen schwierig wurde, kaufte sie sich zwei Rollatoren, einen mit Tablett für drinnen, einen für draußen.

Als es Herbst wurde, sagte sie zu ihrer Tochter: "Weißt du, was ich unbedingt noch machen will? Einmal auf die Mir, bis nach St. Petersburg." Mir, zu Deutsch "Frieden", ein russisches Segelschulschiff. Da fuhr die Tochter die Mutter an: "Jetzt hau mal nicht so auf den Putz. Ich dachte, du überlebst diesen Sommer nicht!" Das war der Satz, der sich in ihr, der Tochter, einquartiert hatte. Ihre Mutter wird den Sommer nicht überleben, hatte der Arzt gesagt, und sie hatte den Satz ihrer Mutter verschwiegen, aber nicht ihrer Familie, den Freunden und Nachbarn. Alle, sagt Frau Prinz, hätten es gewusst, sie ist unheilbar krank, aber sie sei dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen.

Angst vor dem Tod? "Habe ich nicht", sagt sie

Ein Nachmittag im April, Sonne dringt durchs Fenster. Sie trägt wieder Perlenkette, wie meist, es ist die einzige, die sie ohne Hilfe zukriegt, Magnetverschluss. Das Wohnzimmer akkurat aufgeräumt, Perserteppiche auf dem Boden, auf einer Anrichte das Bild von der Trauung, sie im gelben Kostüm, ihr Mann mit gelber Krawatte, gepunktet, daneben eine Vase mit roten Rosen. Drei Tische, ein großer und zwei kleine, jeder mit weißer Tischdecke, eine Schale mit Keksen für den Besuch.

Gegen halb vier klingelt Frau Krug von gegenüber, die nur in dieser Geschichte Frau Krug heißt, Nachbarinnen sind sie seit mehr als dreißig Jahren. "Ich bin die, die immer ein bisschen auf sie aufpasst", sagt Frau Krug, "sie mag ja nie sagen: Mir geht's schlecht. Kann ich auch verstehen, ich bin ja auch so 'ne Type, die immer versucht, alles selbst zu machen." Frau Prinz gluckst.

"Was willst du trinken?", fragt sie. "Selter, kalt aus dem Kühlschrank?"

"Ja."

"Ich hol's dir."

"Du sollst nicht so viel tragen, das weißt du doch!"

"'Ne Flasche Selter kann ich ja wohl noch tragen!"

Aber Frau Krug ist schon in der Küche. Als sie zurückkommt, sagt Frau Prinz zu ihr: "Ein Senfglas hast du genommen?"

Frau Prinz, sagt Frau Krug, ist so: Sie stellt sich immer hinten an, erst kommen die anderen; Ruhe strahlt sie aus, Herzenswärme; im Mittelpunkt zu sein mag sie nicht; sie weint schnell, aber das ist ja gut, zeigt nur, dass sie Gefühle hat; ging so gut mit der Diagnose um, das hätte sie nicht gedacht.

Frau Prinz: "Es ist gut, dass ich das nicht wusste, mit dem Sommer. So bin ich richtig gut da durchgegangen."

Frau Krug: "Nie im Leben hätte ich dir das gesagt."

Frau Prinz: "Ich hab gemacht, was ‪die Ärzte sagten. Meine Schwester kaufte Bücher, was man essen soll bei Krebs. Ich sagte: Schluss jetzt, hör auf damit, ich mache sowieso nicht, was da drinsteht."

Frau Krug: "Durch die Krankheit bist du stark geworden, ganz schön stark."

Frau Prinz: "Rumgejammert hab ich schon mal."

Frau Krug: "Aber nicht einen Tag niedergeschlagen warst du!"

Frau Prinz: "Es kommt ja hinzu: Ich habe gar keine Angst vor dem Tod. Seit mein Mann nicht mehr ist, kann ich gut mit dem Tod umgehen. Ich habe nur Angst, wie ich dahin komme."

99, sagt der Onkologe, werde Sie nicht

Der goldene Ring, den sie trägt, ist aus zweien zusammengeschweißt: aus ihrem Ehering mit Diamant und dem schlichten Ehering ihres verstorbenen Mannes. © Bettina Theuerkauf für ZEIT ONLINE

In 78 Jahren sind viele vor ihr gegangen. Sie zählt auf: ganz früh ihre Mutter, dann ihr Chef, viel später ihr Vater, ihr erster Mann, von dem sie getrennt war, ihr zweiter Mann, mit dem es die schönste Zeit im Leben war, mehrere Tanten, Verwandte. Bei zwanzig Beerdigungen wird sie gewiss gewesen sein. Wann sie gehen muss, sagt Frau Prinz, interessiere sie nicht: "Ich mache mir keine Gedanken. Wie es ist, so ist es."

In Deutschland erkranken jedes Jahr 500.000 Menschen an Krebs, mehr als 220.000 sterben daran. Wer weiß, dass es keine Möglichkeit gibt, geheilt zu werden, will oft wissen: Wie lange noch? Eine Frage ohne Antwort, und geben Ärzte sie doch, kommt es vor, dass Patienten ihnen nach dem Datum sagen: Sie hatten mich ja längst für tot erklärt. Oder sie legen sich ins Bett und warten darauf: Nun ist es so weit. Wie also sich dem annähern, was nicht zu greifen ist?

Viele Patienten, sagen Ärzte, seien dankbar für eine Ahnung: Sind es Tage, Wochen, Jahre? Frau Prinz machte kürzlich vor ihrem Onkologen nur diese Bemerkung: Solle sie nicht mal Vorsorge treffen, betreutes Wohnen? Sie meine ja nur, wenn sie dann doch vielleicht 99 werde wie ihr Vater? "99", sagte der Onkologe, "werden Sie nicht." Damit hatte sich das. Mit solchen Gedanken, findet sie, muss sie sich doch nicht rumquälen.

Am Tag, an dem Frau Prinz die Chemotherapie bekommen hat, holt sie eingefrorene Suppe aus dem Tiefkühlschrank, Möhre mit Orange, stellt sie zum Auftauen auf die Heizung. Den Esstisch deckt sie mit blau-weißem Geschirr, Burgenland von Villeroy & Boch, das WMF-Besteck zieht sie aus roten Taschen; damit es nicht anläuft, lagert es darin, man nimmt es raus, immer blitzeblank. Frau Prinz, so kommt es einem vor, wenn man mehrere Tage mit ihr verbringt, ist eine Frau, die die Form wahrt. Egal, was war im Leben, sie hat immer etwas gefunden, mit dem sie weitermachen kann, eine neue Form, und wenn es keine gab, hat sie sich eine geschaffen.

1945, da war sie fünf, floh sie mit ihrer Familie aus der Niederlausitz. Sie müssen gehen, sagten die deutschen Soldaten, die Russen kommen. Dort hatten sie in einer weißen Villa gewohnt, Dienstmädchen, Haushälterin und Gärtner; nun, in Norddeutschland, hatten sie zwei Zimmer, keine Toilette. "Unsere", sagte die Hausbesitzerin zu ihnen, "benutzen die Flüchtlingsschweine nicht." Ihr Vater, ein ehemaliger Offizier, erzog sie streng. Der rote Nagellack flog zum Fenster raus, die Schuhe mit Pfennigabsätzen? Nur was für Straßenmädchen. Ein Paar der Schuhe hob sie heimlich auf. Dann ein Besuch von angesehenen Leuten, die Dame trug Schuhe mit Pfennigabsätzen. "Ich habe auch solche Schuhe", sagte Frau Prinz zur Dame, und die Dame: "Ach wie schön, zeig mal!" Als sie weg waren, sagte die Tochter zum Vater: "Du möchtest doch nicht behaupten, dass die Dame ein Straßenmädchen ist?"

Gefühle wegschieben, Verstand benutzen

Frau Prinz wurde Sekretärin bei einem berühmten Strafverteidiger, sprach Englisch und Französisch; ihre erste Ehe: schwierig, ihr Mann ein Alkoholiker, kein Geld hatten sie mehr, Schulden wegen privater Entziehungskuren, sie trennten sich. Mit ihrer Tochter zog sie aus, verliebte sich neu, noch mal heiraten? Keine Ambitionen an sich, aber die Drängelei wurde ihr zu viel. Als ihr Mann starb, lief sie durch die Wohnung, heulte, schrie, zog sich nicht an, die Nachbarn sahen, wie sich die Post im Briefkasten stapelte. So geht es nicht, sagte sie sich irgendwann. Fünf Jahre besuchte sie eine Selbsthilfegruppe. Ihr Leben bekam eine neue Form. Jahrelang hatte sie nur auf dem Beifahrersitz gesessen und Angst vor dem Fahren gehabt. Du willst an die See, sagte sie sich, dann fahr selbst. So war das auch mit der Angst vor dem Fliegen. Du willst nach New York, dann flieg. Sie nennt es: "Gefühle wegschieben, Verstand benutzen."

"Alles stehen lassen", sagt Frau Prinz, als die Suppe alle ist, "das mach ich später, ich muss tüchtig bleiben."

Wann es Frau Prinz gerade schwerfällt, eine Form zu finden:

– Wenn sie daran denkt, dass ihre Enkel letztes Weihnachten kein Pfefferkuchenhaus bekamen; sonst hatte sie alles selbst gebacken, mit den zittrigen Händen ging es nicht mehr.

– Wenn sie vom Neurologen berichtet, von dem sie erfuhr, es werde nicht mehr besser; sie war so geschockt und vergaß zu fragen, was das genau bedeute: "Wenn ich nichts mehr machen kann", sagt sie, "das macht doch keinen Spaß mehr, dann ist es vorbei."

– Wenn sie ihr Auto, das sie nicht mehr fahren darf, in der Garage stehen sieht; am besten verkauft sie es, sie wird ja doch nur traurig.

– Wenn sie an ihre Beerdigung denkt, bei der ihre Tochter fürchterlich weinen wird. "Aber am meisten heule sowieso ich rum", sagt sie, lacht auf: "Ach, ich bin ja schon weg dann."

Redet sie davon, füllen sich ihre Augen mit Tränen. Kurz darauf sagt sie, als beschreibe sie sich von außen: "Sie sehen, das greift mich am meisten an."

Frau Prinz, was glauben Sie, passiert nach dem Tod?

"Was mit der Seele geschieht, weiß ich nicht, aber es wäre eine schöne Vorstellung: Da oben sind sie alle und gucken runter." Schweigend schaut sie aus dem Fenster, draußen ein Baukran, die ersten Blätter an den Bäumen, dann: "Ich glaube das ist illusorisch. Früher stand ich oft auf dem Balkon, wenn mein Mann zur See fuhr, ich guckte in die Sterne, wo mag er nur sein? Nun stehe ich auch manchmal da und gucke: Vielleicht ist er da?"

Wenn keiner ginge, wie voll wäre dann die Erde?

Frau Prinz heißt eigentlich anders, ihren wahren Namen sollen nicht alle kennen. © Bettina Theuerkauf für ZEIT ONLINE

Frau Prinz, warum starb Ihr Mann?

"Das erzähle ich nicht so gerne", sagt sie. Und dann erzählt sie, ohne zu stoppen: "Neun Jahre ist es her, ich habe es nicht erkannt, er machte alles wie immer, er war fröhlich, machte Witze. Es gibt Fotos von kurz vorher, da sitzt er strahlend, lachend, mit meiner Enkelin auf dem Boden. Manchmal sagte er nur: Auf der Welt habe ich nichts mehr zu suchen. Und du bist ja versorgt, sagte er, aber ich habe es nicht erkannt, die Depression. Ich war im Büro, ein Dezembertag, es nieselte, daher schaute ich auf den Boden und nicht hoch, vielleicht hätte ich sonst gesehen, dass keine Lichter an waren, er mochte so gerne Kerzen. Ich schloss die Tür auf, alles dunkel, hallo? Vielleicht hat er sich hingelegt, dachte ich, ich guckte in alle Zimmer, nichts, zu den Nachbarn: Habt ihr ihn gesehen? Einer sagte: Ich hab ihn um drei noch getroffen, er holte Fotos ab. Die lagen auf dem Tisch. Sein Schlüsselbund war da, seine Papiere. Ich ging zur Polizei. Zurück in der Wohnung fand ich einen Brief, unter den Adventskranz geschoben, und daneben ein Zettel, auf dem stand so was wie: Ich habe diese Pistole neunzehnhundertirgendwann, etwa vierzig Jahre vorher, aus Brasilien mitgebracht und mit ihr keine Straftaten begangen. Er hat sich erschossen. In dem Brief stand: Verzeih mir, bitte, verzeih mir ein bisschen. Das habe ich nicht, also nicht ganz, ich will mal sagen: halb, aber ich denke immer, wie schön könnten wir es noch haben."

© Bettina Theuerkauf für ZEIT ONLINE

Morgens beim Aufwachen ist er ihr erster Gedanke und abends beim Einschlafen ihr letzter. "Ich weiß gar nicht, wie ich es sagen soll", sagt Frau Prinz, dann flüsternd: "Ich glaube, mein Leben ist gelebt." Manchmal stellt sie sich vor, wie voll die Erde wäre, wenn keiner ginge: "Wäre das nicht schrecklich?"

Wenn es so weit ist, wünscht sie sich kein Brimborium, es soll nur schlicht gesagt werden, dass sie eingeschlafen ist, aber keine stundenlangen Danksagungen. Sie will ihre Vorstellungen noch aufschreiben, nun nimmt sie zur Aufzählung die Finger zur Hilfe.

"Erstens will ich verbrannt werden."

"Zweitens sollen nicht alle in Schwarz erscheinen."

"Drittens habe ich verschiedene Wünsche für Lieder, mit denen ich aufgewachsen bin. So nimm denn meine Hände / und führe mich bis an mein selig Ende / und ewiglich. Und wenn es Sommer ist, unbedingt: Geh aus, mein Herz."

Kennen Sie das auswendig, Frau Prinz?

Sie überlegt. Stockend: "Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit … Schau an der schönen …" Sie stoppt. "Nee, nur Fragmente kommen noch", sagt sie. "Das muss ich noch mal im Gesangbuch nachschauen."