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Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie "Überland". Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Jeden Frühling zieht Matthias Müller am Wochenende seine Wanderschuhe an und fährt mit seinem roten Golf an den Rand von Jena. Er läuft schwitzend den Berg hinauf, vorbei an der alten, wackeligen Wehrkirche, hinauf zu der Wiese unterhalb der Kalkfelsen, über dem manchmal ein Paar Bussarde kreist.

Hier öffnet sich das Tal. Und hier oben steht eine Orchidee, die Müller für ein Wunder hält. Sie trägt den lateinischen Namen Orchis purpurea, zu Deutsch: purpurfarbenes Knabenkraut.Vor Zehntausenden Jahren, während der letzten großen Eiszeit, hatte Orchis purpurea den langen Weg vom Mittelmeer bis ins mittlere Thüringen geschafft. Seither wächst sie hier, stolz und schön, mit roter Blüte.

Früher war immer Stau

Im Leutratal bei Jena blühen viele Orchideen. Die Bocks-Riemenzunge, die tatsächlich ein wenig nach Bock riecht. Der elegante Frauenschuh. Das Bastard-Knabenkraut. Bis zu 30 der 60 in Deutschland nachgewiesenen Orchideenarten wachsen im Leutratal.  Das ist für Matthias Müller, der für den Naturschutzbund arbeitet, jedes Mal wieder eines der zwei Wunder im Leutratal. Das andere ist die Stille. Endlich, sagt er, könne er wieder die Vögel hören.

Denn etwas fehlt. Es fehlt die stinkende und lärmende Autokolonne, die sich früher jeden Tag durch das Tal quälte, zweispurig den Berg hoch und zweispurig wieder herunter. Die Steigung betrug teilweise sechs Prozent, so manch ein alter Laster war überfordert. Vor allem im Winter kam es zu Unfällen, rutschten Lkw mit ihren Anhängern weg und blockierten die Fahrbahn. Ständig war der Autobahnabschnitt zwischen den Abfahrten Jena-Göschwitz und Schorba in den Verkehrsnachrichten.

Doch das ist vorbei. Es ist ein Tag im Mai und Müller steht, wo früher die Autobahn war. Dort ist nun eine breite, sehr lange Wiese, die aussieht wie ein gigantischer Sportplatz, den jemand wie einen Kaugummi in die Länge gezogen hat. Auf der Trasse wächst dichtes, einjähriges Gras. Dazwischen blühen ein paar eingeschleppte Rapsblüten. Jäger haben sich einen Hochstand gebaut, die Sicht auf das Wild könnte nicht besser sein.  

Es war Mitte der 1930er Jahre, als die Arbeiterbrigaden im Leutratal anrückten, um die Reichsautobahn zu bauen – von Dresden nach Frankfurt, für Führer, Volk und Vaterland. Die Trasse durchschnitt fortan das Tal, der Lauf der Leutra musste verlegt werden. Immerhin, an die Orchideen wurde gedacht. Bevor Arbeiter die Betonplatten verlegten, gruben sie die Wurzeln aus, und pflanzten sie in einiger Entfernung von der neuen Straße wieder ein. Danach erklärte man die Wiesen zum Schutzgebiet.

Doch mit dem Schutz war es nicht weit her. Der Lärm der Autos und ihre Abgase nahmen schon zur Zeit der DDR stetig zu. Tausende Trabis und W-50-Laster keuchten die steile Steigung hinauf. Nach 1990 wuchs die Belastung von Natur und Mensch exponentiell. Die Bundesautobahn 4 wurde zur wichtigsten Ost-West-Magistrale der vereinigten Republik; halb Deutschland fuhr durch das Tal. Manchmal, wenn wieder einmal Stau war, ging es nur in Schrittgeschwindigkeit bergan.

Besonders im Dorf Leutra und dem kleinen Flecken Pösen, die direkt an der Autobahn lagen, erschien ein normales Leben kaum mehr möglich. "Das war schon extrem", sagt Matthias Müller. Vor seiner Pensionierung hat Müller als promovierter Chemiker an der Universität gearbeitet. In seiner Freizeit begann er, die Orchideen regelmäßig zu besuchen. Nur zu oft, sagt er, habe er die Menschen in ihren abgasgrauen Häusern bedauert. "Aber man kannte es ja nicht anders."