Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie "Überland". Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

Weitere Informationen über das Projekt #D18

Kim Detloff ist Umweltschützer, ein engagierter, und er hat gerade schlechte Laune. Die Lage, sagt Detloff, sei ernst. Seit einer Woche werden rings um den Greifswalder Bodden, einem Meerbusen zwischen Rügen und Usedom, Schmierfettklumpen an die Strände gespült. Mal schimmern sie lila, mal gelb, mal braun. "Die Zeit rinnt uns davon", sagt Detloff, der beim Naturschutzbund Nabu die Abteilung Meeresschutz leitet. Werden die Klumpen nicht bald eingesammelt, verkleinern und verteilen sie sich in der Brandung und im Sand immer weiter.

Zwar ist noch nicht endgültig geklärt, woher die Klumpen stammen. Neue Laboranalysen, die im Auftrag der Behörden erhoben wurden, legen aber einen starken Verdacht nahe: Die Brocken könnten von Baggerschiffen stammen, die seit Tagen im Greifswalder Bodden einen Graben für die neue Pipeline Nord Stream 2 ausheben. Eines dieser Schiffe, das hat das Unternehmen inzwischen zugegeben, hatte offenbar ein Leck. Schmierfett sei ausgetreten. Sowohl die chemischen Analysen der Behörden als auch Analysen im Auftrag von Nord Stream 2 lassen es wahrscheinlich erscheinen, dass das Fett von dem Schiff stammt. Nur bewiesen, das betont Nord Stream, sei bisher nichts.

Man werde dennoch "unbürokratisch helfen", teilt das Unternehmen mit. Ein Schuldeingeständnis sei das aber nicht. Gleichwohl hat das Unternehmen am Dienstag alle der insgesamt fünf Baggerschiffe bis auf Weiteres stillgelegt – für eine "gründliche technische Überprüfung", wie ein Sprecher es ausdrückt.

Nord Stream kommen die Umweltschäden an der Ostseeküste alles andere als gelegen. Die Erweiterung der 2010 eröffneten Nord-Stream-Pipeline um zwei weitere auf insgesamt vier Stränge ist international umstritten. Selbst Donald Trump hat den Bau schon attackiert. Deutschland pumpe "Milliarden nach Russland", schimpfte der US-Präsident im April und forderte einen Projektstopp. Russland hingegen befürwortet den Bau, die deutsche Wirtschaft will ihn auch, die Länder in Osteuropa sind dagegen. Die EU ist gespalten, die deutsche Politik und die SPD auch.

In Vorpommern, wo die Pipeline auf deutscher Seite endet, war die Öffentlichkeit bisher mehrheitlich für das Projekt. Deutsch-russische Projekte haben in Ostdeutschland seit jeher einen besseren Ruf als in der westdeutschen Gesellschaft. Viele Bürger finden, Putin solle die neuen Pipelinestränge ruhig bauen. Manche sind stolz darauf, dass das russische Gas in Lubmin anlandet, wo einst das größte Atomkraftwerk der DDR stand – betrieben mit sowjetischem Brennstoff. Nach der Wiedervereinigung wurde es eilig abgeschaltet, weil es westdeutschen Experten zu unsicher galt. Dass nun in Lubmin wieder russisch-deutsche Energie verarbeitet wird, ist für jene, die stolz auf das alte Werk waren, eine Genugtuung.

Auch deshalb hatte Nord Stream in Vorpommern bisher leichtes Spiel. Doch wenn nun ausgerechnet zu Beginn der Tourismussaison – dem wichtigsten Wirtschaftszweig der Region – die Strände verschmutzt werden, könnte die Stimmung kippen.

Das weiß nicht nur Nord Stream, das weiß auch Kim Detloff. Wenn es nicht zynisch wäre, könnte sich der Naturschützer über den Schmierfett-Vorfall freuen. Denn Detloff klagt mit dem Nabu ohnehin gegen die Pipeline. Die Organisation hofft auf eine Eilentscheidung des Greifswalder Verwaltungsgerichts, die einen sofortigen Baustopp im Bodden verhängen könnte. Durch den Schmierfett-Vorfall könnten die Sympathien der Bevölkerung für die Umweltschützer steigen. Das gibt Detloff sogar zu. "Trotzdem freut sich bei uns natürlich niemand", beteuert er. "Es ist bloß genau das eingetreten, wovor wir gewarnt haben." Gerade im sensiblen Ökosystem des äußerst flachen Boddens sei jeder Eingriff ein enormes Risiko. Genau so steht es auch in der Begründung der Klage, die der Nabu eingereicht hat.

Von Nord Stream heißt es, die ausgetretene Substanz sei ungefährlich und entspreche im Wesentlichen haushaltsüblichen Schmierstoffen. Trotzdem sagt ein Nord-Stream-Sprecher: "Das Fett sollte natürlich auf keinen Fall am Strand herumliegen." Auch die Behörden warnen inzwischen ausdrücklich davor, die Substanz auch nur zu berühren. Wer doch damit in Kontakt komme, solle sich gründlich waschen. Wenn die Substanz in die Augen komme oder verschluckt werde, müsse sofort ein Arzt aufgesucht werden, heißt es in einer offiziellen Warnung. Man könne eine "geringe toxische Wirkung" nicht ausschließen.