An einem grauen Sonntag im Frühjahr besuche ich meine Tante und meinen Onkel. Wie gewöhnlich trinken wir Tee. An diesem Nachmittag sind es drei ganze Kannen. Es gibt viel zu reden. Ich möchte über meinen Urgroßonkel Kurt Eilers reden und mehr über ihn herausfinden. Er war Mitglied der NSDAP, so viel ist sicher. Über seine Zeit während der Naziherrschaft gibt es allerdings zwei Versionen einer Geschichte. Die eine besagt, Kurt war nur ein Mitläufer. Die andere sagt, Kurt war ein Täter. Die erste Version wurde in meiner Familie ersponnen und weitererzählt, jahrzehntelang. Die zweite von mir herausgefunden.

Über den Krieg und die NS-Zeit habe Kurt nie wirklich gesprochen, hieß es oft, wenn ich mit Verwandten darüber sprechen wollte. Meine Tante und mein Onkel erzählen auch beim heutigen Ostfriesentee die gleiche Geschichte, die ich schon von meiner Mutter gehört habe: Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs sah Kurt die Sinnlosigkeit des Krieges ein und begab sich von vorderster Front über Wiese, Stock und Stein zurück nach Varel ins Friesland. Davor war er zwar in der NSDAP, aber so sei es damals eben gewesen. Das ist die Geschichte, wie sie in meiner Familie kursiert und von vielen Verwandten erzählt wird.

Meine Tante und mein Onkel wissen scheinbar nicht viel mehr über Kurt, zumindest sagen sie nicht mehr. Auch eine Familienchronik, die Kurts Mutter verfasste und die ich vor mehr als zehn Jahren das erste Mal las, änderte nichts an ihrem Bild über ihn. In den Aufzeichnungen werden seine Beziehungen zu friesischen NSDAP-Funktionären beschrieben. Dort steht auch, er sei schon 1930 in die Partei von Adolf Hitler eingetreten. Drei Jahre später, bei der Machtergreifung der Nazis, war Kurt 23, knapp drei Jahre jünger, als ich es heute bin.

Martin Wähler ist freier Autor und lebt in Düsseldorf. Er sieht die familiäre Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Deutschland als unzureichend an. © privat

Was ich in der Familienchronik las, klingt für mich nach einem überzeugten Nazi. Jahrelang trug ich diesen Verdacht mit mir herum. Er quälte mich, als die AfD sich gründete und in den Bundestag einzog. Weil mich die Geschichte des Mitläufers nicht überzeugte, ließ ich mir im Landesarchiv Niedersachsen in Oldenburg die Entnazifizierungsakte von Kurt geben. Diese Akten sind Überreste der Entnazifizierungsaktion der Alliierten nach dem Krieg. Damit sollten die Eliten Deutschlands von ehemaligen NS-Kadern befreit werden. Doch unter Historikern gilt die Entnazifizierung als weitgehend gescheitert. Wegen mangelnder Fachkräfte wurden viele bald wieder rehabilitiert. Vor den eingesetzten Schwurgerichten war es oft leicht, sich als Unschuldiger darzustellen. Das beweisen nicht nur die vielen ehemaligen Nazifunktionäre, die in den Fünfzigern wieder Karriere machten, das beweist auch mein Urgroßonkel Kurt. Nach dem Krieg arbeitete er weiter in guter Stellung als Kulturbaumeister.

Meine Ehre heißt Treue

Lange wusste ich nicht, wie ich mit den Informationen aus der Entnazifizierungsakte und aus der Familienchronik umgehen soll. Ich hatte Zweifel, da ich nicht sicher war, ob ich den Dokumenten oder meiner Familie glauben soll. Dann las ich bei einer Recherche zufällig den Wahlspruch der SS auf einer Website: "Meine Ehre heißt Treue." Ich musste kurz einhalten, dann meine Mutter anrufen. In unserer Familienchronik hatte ich den gleichen Spruch gelesen. Er stand über einem Bericht über den Tod von Kurts Vater. Lange konnte ich mir nicht wirklich erklären, was er bedeutet. Aber in diesem Moment wurde mir bewusst, dass entgegen der familiären Meinung nicht nur eine Person in meiner Familie überzeugter Nationalsozialist war.

Kurt heiratet 1939 in Parteiuniform. Zu seiner Hochzeit kommen 50 politische Leiter aus der Region. © Martin Wähler

"Meine Ehre heißt Treue", durch diesen einfachen Satz begriff ich, weshalb die Familienchronik so stolz über Kurt berichtete: Mit 20 trat er in die NSDAP ein, davor war er im Jugendverband des Stahlhelms, einer nationalkonservativen Gruppierung, von denen Teile später in die SA übergingen. Kurts Eltern mussten einverstanden mit dem antidemokratischen Programm der NSDAP gewesen sein. In seinem Engagement innerhalb der faschistischen Partei haben sie ihn vermutlich sogar ermutigt.

Ich entschied mich, weiter zu recherchieren und schaute mir neben der Familienchronik noch einmal seine Entnazifizierungsakte an. Laut Chronik war Kurt ein gefragter Funktionär der NSDAP-Kreisleitung in Friesland. Er kümmerte sich um technische Abläufe, war Schulungsredner für "weltanschauliche Fragen". 1939 heiratete er, mit dabei waren 50 wichtige "Parteigenossen". 1940 feierte er Silvester mit NSDAP-Kadern und vielen Offizieren der Luftwaffe. Im selben Jahr wurde er außerdem noch Ortsgruppenleiter der NSDAP in Varel. Von nun an trat er bei öffentlichen Terminen auf und hielt Reden. Er war auch dafür zuständig, den Behörden Juden und weitere "Staatsfeinde" zu melden.

Von all dem wollte er 1948 beim Ausfüllen seines Entnazifizierungsbogens nichts wissen. Er sei lediglich als kommissarischer Ortsgruppenleiter eingesetzt worden, habe nur technische Anfragen bearbeitet, heißt es dort. Außerdem behauptete er, dass es vor 1942 keinen antisemitischen Terror in Varel gab. Dem damaligen Schwurgericht beteuerte er, dass in seiner Ortsgruppe keine Fremdarbeiter beschäftigt waren. Er verriet nicht, dass er sie laut Familienchronik tatsächlich als Arbeiter auf einer Straßenbaustelle außerhalb von Varel einsetzte. Kurt wusch sich rein. Nur wegen seiner lückenhaften Angaben wurde er später lediglich als Mitläufer eingestuft und konnte so in den Fünfzigern seine Karriere fortsetzen.

Für mich war seit dem Vergleich der Dokumente klar: Innerhalb der Familie gab es mindestens einen echten Nazi, der von seinen Eltern unterstützt wurde. Doch ihm konnte, wie so vielen, nichts angehängt werden.