Dana trägt den Palästinenserschal wie fast alle, die trotz des strömenden Regens am Dienstagabend zur Kundgebung am Brandenburger Tor gekommen sind. Etwa 200 Menschen, Junge, Alte, Männer und Frauen stehen unter großen Regenschirmen und halten die vollgesogenen Palästinaflaggen hoch. "Palästina wird frei sein, wir werden zurückkehren", steht auf dem Banner auf der Rednerbühne. Am 15. Mai, direkt nach dem israelischen Unabhängigkeitstag, gedenken die Palästinenser der Nakba (Katastrophe): Der Tag soll an die Flucht und Vertreibung während des Nahostkrieges 1948 erinnern, als Hunderttausende Palästinenser aus ihren Häusern und von ihren Grundstücken fliehen mussten.

Dana will ihren vollen Namen nicht nennen. Sie ist vorsichtig. "Wir haben einfach schlechte Erfahrungen mit den Medien gemacht", sagt sie. Die 28-Jährige lebt seit acht Jahren in Deutschland. Ihre Familie gehört zu den palästinensischen Bewohnern Ostjerusalems, das Israel im Sechstagekrieg eroberte und in sein Staatsgebiet eingliederte. Sie gehören zu den sogenannten Ständigen Einwohnern und können sich in Israel frei bewegen. Trotzdem wollte Dana nicht in Israel studieren. "Wegen der Diskriminierung", sagt sie. Die kleine Frau redet schnell, besonders wenn es um die Gewalt am Montag an der Grenze zu Gaza geht. "Das war ein Verbrechen gegen die Menschheit, das war ein Massaker", sagt sie. Etwa 60 Palästinenser waren am Montag und Dienstag bei den Unruhen an der Gazagrenze von israelischen Soldaten getötet worden, darunter mehrere Minderjährige, mehr als 2.700 wurden nach Angaben der palästinensischen Gesundheitsbehörde verletzt. Damit war es der Tag mit den meisten Toten seit dem Gaza-Krieg 2014. Zehn Tote waren nach Angaben aus dem Gazastreifen Hamas-Mitglieder.

Die israelische Armee hatte den Palästinensern "beispiellose Gewalt" vorgeworfen und auf ihr Selbstverteidigungsrecht hingewiesen. Palästinenser seien mit Schusswaffen, Brandflaschen oder Sprengsätzen gegen israelische Kräfte vorgegangen. Dana in Berlin rechtfertigt das Vorgehen der Demonstranten: "Die Leute sind so verzweifelt, sie können Gaza nicht verlassen, sie haben keinen Zugang zu Medikamenten und Krankenhäusern." Seit Jahrzehnten lebten die Menschen im Gazastreifen wie in einem Gefängnis. Gemessen an dem Leid, seien die gewalttätigen Proteste vollkommen berechtigt. "Was sind Steine und Brandflaschen im Vergleich zu Raketen und Schusswaffen?", fragt sie und spielt damit auf israelische Soldaten an, die am Grenzzaun scharf auf die Demonstranten schossen. 

Ghassan Abusamra teilt Danas Meinung. Der Vorsitzende der palästinensischen Gemeinde in Berlin ist in Gaza geboren und hat die Nakba-Kundgebung mit organisiert. Seine Eltern und Geschwister leben noch im Gazastreifen. "Wegen der Besatzung können wir uns nicht besuchen, sondern nur telefonieren." Abusamra kam 1986 für sein Maschinenbaustudium nach Deutschland. Er habe immer nach Gaza zurückkehren wollen, doch dann sei es zur Ersten und Zweiten Intifada gekommen. "Zumindest konnte ich hin- und herreisen, als es die Autonomiebehörde unter dem Palästinenserpräsident Jassir Arafat gab", sagt Abusamra. Später wurde der Gazastreifen belagert und er konnte nicht mehr zurück.

Für Abusamra sind die Proteste die Folge jahrelanger Besatzung. "Der Gazastreifen ist das größte Gefängnis der Welt, alle Grenzen sind dicht, niemand kommt rein, oder raus", sagt er. Die Menschen würden immer ärmer, 80 Prozent der Bevölkerung Gazas seien arbeitslos. "Das kann man ein oder zwei Jahre aushalten, aber irgendwann nicht mehr." Hätten sie bessere Lebensbedingungen, wäre es dazu nicht gekommen.

Sehnsucht nach einem Land für alle

Israels Militär sieht hinter den Protesten dagegen keinen Akt der Verzweiflung, sondern den Versuch der im Gazastreifen herrschenden Hamas, Anschläge auf israelische Ortschaften nahe der Grenze zu verüben. Die Terrororganisation habe vielen Familien 100 Dollar angeboten, damit sie bei den Demonstrationen mitmachten, sagte ein Sprecher der Armee am Montag. Unwillige seien gezwungen worden. Das glaubt Abusamra nicht. "Die Menschen haben es freiwillig gemacht. Und sie werden es wieder tun, obwohl sie so wenig Erfolgschancen haben."

Ein Stück abseits der Lautsprecher steht Mohammed. Er hat keinen Schirm dabei. Die nasse Kapuze klebt ihm auf der Stirn. Warum er hier ist? "Weil wir kein Land haben", sagt er. Als sein Vater mit dem Großvater 1948 nach Syrien floh, verloren sie den Kontakt zum Rest der Familie. Mohammed wuchs in Damaskus auf. Er kennt seine palästinensische Heimat nicht. Als der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach, floh er nach Deutschland. Auch er will seinen vollen Namen nicht nennen.

Momentan sieht Mohammed keine politische Lösung. "Zumindest nicht, wenn die Weltgemeinschaft Israel weiterhin so unterstützt." Auch Deutschland verkaufe Waffen nach Israel und diese Waffen töteten Palästinenser. An die Zweistaatenlösung glaubt er nicht; schon gar nicht, seit die US-Botschaft am Montag offiziell nach Ostjerusalem umgezogen ist. "Wir wollen zurück, vielleicht kann ich selbst nicht zurückkehren, aber vielleicht meine Kinder." Er wünscht sich ein Land für alle. Einen Staat, in dem Palästinenser und Israelis friedlich zusammenleben.