Rassismus - »Ich musste als Einziger meinen Ausweis zeigen«

Rassismus ordnet unser Denken und Zusammenleben. Mit dem Schwerpunkt "Alltag Rassismus" wollen wir herausfinden, warum das so ist, was das für die Gesellschaft bedeutet und wie sich das verändern ließe. Den Aufschlag machte ein Blick in die Ideengeschichte des Rassismus. Jetzt wird es konkret: Wir haben ältere und jüngere Betroffene nach ihren Erfahrungen mit Rassismus befragt.

An eine Szene erinnert sich Aytop Özkuscu, die 1970 aus der Türkei nach Deutschland kam, bis heute: Kurz nach ihrer Ankunft fand sie Arbeit in einem Schulgarten. Als es Winter wurde, saßen die deutschen Kollegen im Gebäude und schickten Özkuscu raus in den Schnee, um die Beete umzugraben. "Du bist doch zum Arbeiten gekommen", riefen sie ihr hinterher, "Raus! Du sollst arbeiten!" Die damals junge Frau wusste sich nicht anders zu helfen und grub den gefrorenen Boden um. 13 Jahre lang ging das so.

Heute, gut 50 Jahre später, äußert sich der Rassismus in Deutschland subtiler. Aytop Özkuscus Enkelin Cansu erlebt vor allem böse Blicke und Bemerkungen. Als kleines Kind habe sie sich gar nicht ausländisch gefühlt. "Erst in der Grundschule hieß es: Du Türkin, du Scheißtürkin, du Ausländerin", sagt sie. Und nach den ersten islamistischen Anschlägen in Europa seien ihre Sitznachbarn in der U-Bahn aufgestanden und hätten sich weggesetzt. Cansu blieb irritiert zurück.

Ähnliche Erfahrungen machen viele Menschen in Deutschland. Sie sind entweder eingewandert oder hier geboren und aufgewachsen – und werden trotzdem als Einwanderer gesehen, kritisch beäugt, angepöbelt, verwechselt, und im Zug nach Ausweisen gefragt.

Wir haben sechs von ihnen zu einem Gespräch zwischen den Generationen eingeladen. Cansu Özkuscu spricht mit ihrer Großmutter Aytop; der chinesisch-deutsche Filmregisseur Dieu Hao Do mit dem Rentner Dang Chau Lam aus Vietnam; und die Afrikawissenschaftlerin Josephine Apraku spricht mit dem Aktivisten Tahir Della.