Ein Fünf-Sterne-Hotel in London, vor dem Fenster erstreckt sich der Kensington Park. In dem dortigen Palast hatte Prinzessin Diana gelebt, heute wohnen hier ihre Söhne mit ihren Frauen. Richard Kay betritt verspätet die Lobby, in diesen Wochen hat er viel zu tun: Wenn in der königlichen Familie geheiratet wird, schreibt Kay seine Insidergeschichten. Seit 40 Jahren berichtet er für die "Daily Mail" über die Royals. Ein Medienjournalist beschrieb den 60-Jährigen einmal als "beliebtesten Klatschreporter der britischen Pressegeschichte".

ZEIT ONLINE: Die Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle wird ein weltweites Medienereignis, mehr als 1,5 Milliarden Menschen werden sie im Fernsehen verfolgen. Warum interessieren sich so viele dafür?

Richard Kay: Williams Hochzeit war schon riesig, dieses Mal kommt der amerikanische Faktor hinzu. Das Interesse in den USA ist wahnsinnig groß, alle US-Fernsehsender kommen nach Windsor. Der Zugang für die Medien ist allerdings eingeschränkt, und es wird sehr voll werden. Ich überlege, zu Hause zu bleiben und die Hochzeit im Fernsehen anzuschauen. Da sieht man mehr.

ZEIT ONLINE: Die Hochzeit wurde von Markles Vater überschattet, der sich für gestellte Paparazzi-Fotos bezahlen ließ und nach einigem Hin und Her nicht nach England kommen wird.

Kay: Herr Markle hat angedeutet, dass er Geld für die Bilder bekommen hat, das aber nicht sein wichtigstes Anliegen war: Er wollte vor allem sein Image korrigieren. Er weiß nicht, wie es ist, im Rampenlicht zu stehen, und wurde vom Kensington-Palast offenbar nicht genug darauf vorbereitet. Wieso der Palast das nicht getan hat, ist mir unverständlich. Für Meghan ist das natürlich extrem enttäuschend. Sie hatte gehofft, dass ihr Vater sie zum Altar führt.

Richard Kay schreibt seit 1980 mit Unterbrechung beim britischen Boulevardblatt "Daily Mail" Kolumnen über die Royals. © Khuê Phạm für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Ein PR-Desaster.

Kay: Es ist eine Katastrophe epischen Ausmaßes – Harry und Meghan sind ja noch nicht mal verheiratet. Ihre Halbgeschwister wurden zwar nicht zur Hochzeit eingeladen, sie fliegen aber trotzdem hierher, um im amerikanischen Fernsehen als Kommentatoren aufzutreten. Das gibt kein gutes Bild ab. Die königliche Familie muss absolut entsetzt sein. Sie scheinen die Kontrolle komplett verloren zu haben.

ZEIT ONLINE: Sie haben ein anderes königliches Drama aus erster Hand miterlebt: den Ehestreit zwischen Charles und Diana. Mit der Prinzessin waren Sie sogar befreundet. Wie kam es dazu?

Kay: Ich war Teil einer großen Gruppe von Korrespondenten und Fotografen, die Charles und Diana Mitte der Achtziger im In- und Ausland begleitet hatten. Wenn sie Urlaub machten oder Auftritte absolvierten, waren wir dabei. Wir wussten, dass ihre Ehe große Probleme hatte, ahnten aber nicht, wie tief die Krise wirklich war. Ich hatte ein paar Artikel geschrieben, in denen ich für Dianas Position Verständnis aufbrachte, und sie hatte sie gelesen.

ZEIT ONLINE: Sie hat sehr viel über sich gelesen, nicht wahr?

Kay: Sie ließ sich alle Zeitungen zum Kensington-Palast liefern. Vielleicht war das ein Fehler. Sie las zu viel über sich und war irgendwann besessen davon. Ich war unglaublich fasziniert von ihr. Die Mitglieder der königlichen Familie reden normalerweise nicht mit der Presse. Wenn sie Interviews geben, dann tun sie das nur unter äußerst kontrollierten Umständen. Nun konnte ich sie anrufen und direkt fragen. Einige Kollegen warfen mir vor, dass Diana mich ausnutzte. Ich glaube, es war purer Neid. Ich bin sicher, sie hätten alle ihren rechten Arm hergegeben, um diesen Zugang zu bekommen.

ZEIT ONLINE: Wie führt man eine Freundschaft mit jemandem, der so stark kontrolliert wird?

Kay: Diana war eine einsame Frau in einem großen Palast. Ihre Kinder waren im Internat, mit vielen Freunden hatte sie im Zuge ihres Streits mit Charles gebrochen. Sie wollte normale Sachen machen und war die berühmteste Frau auf dem Planeten. Mit ihr wegzugehen war sehr schwierig, weil sie oft erkannt wurde. Ab und zu gingen wir ins Kino oder in eines der Restaurants hier in der Gegend. Ich besuchte sie im Palast und aß mit ihr Abend. Manchmal besuchten wir gemeinsame Freunde. Sie liebte es, aus London wegzufahren, weil sie sich dann freier fühlte. Unterwegs erzählte sie mir von ihrem Leben. Ich habe sie nicht beneidet. Weiß Gott, ich habe sie nicht beneidet.

ZEIT ONLINE: Sie wurden Teil der Story, über die Sie schrieben. Eine schwierige Situation für einen Journalisten.

Kay: Ein paarmal wurden wir von Paparazzi abgefangen und gemeinsam fotografiert. Sie bekam deswegen Probleme. Die königliche Familie wollte nicht, dass sie mit jemandem wie mir Zeit verbrachte. Ich wiederum wusste, dass Kritik unsere Freundschaft gefährden könnte. Ich war zum Beispiel sehr kritisch, als sie der BBC heimlich ein Interview gab und darüber sprach, dass ihre Ehe aus "drei Leuten" bestand (eine Anspielung auf Charles damalige Affäre Camilla Parker-Bowles, Anm. d. Red.). Meiner Meinung nach hat sie sich selbst geschadet mit dem, was sie gesagt hatte. Später stimmte sie mir zu.

ZEIT ONLINE: Nach Dianas Tod stürzte die Monarchie in eine Krise. Erinnern Sie sich noch an die Tage danach?

Kay: Es war ein außerordentlicher Moment der jüngeren britischen Geschichte. In der Woche zwischen ihrem Unfall und ihrem Begräbnis stand das ganze Land still. Die Blumen begannen hinten am Tor des Kensington Palasts und bedeckten den gesamten Park. Nie werde ich den Geruch vergessen, als die Pflanzen begannen, zu verrotten. Es war ein heißer Sommer. Zehntausende Menschen kamen jede Nacht und jeden Tag hierher, während die Queen mit ihrer Familie auf ihrem Schloss in Schottland war. Es war wahrscheinlich das einzige Mal in ihrer Regentschaft, dass sie die Stimmung des Volkes so falsch einschätzte. Schließlich kam sie nach London und hielt eine Liveansprache im Fernsehen, die einzige ihres Lebens. Das hat das Land wieder zur Ruhe gebracht. Die Menschen haben sich gesagt: Okay, sie versteht uns doch, sie trauert auch.