Wie lebt es sich als Jüdin in Deutschland? Welche Erfahrungen machen Juden mit Antisemitismus? ZEIT ONLINE hat Sie gebeten, Ihre Eindrücke und Erlebnisse zu schildern. Aus den zahlreichen Einsendungen sind Aufzeichnungen entstanden, die einen Einblick in die Alltagserfahrung jüdischer Menschen geben. Hier der zweite Teil unserer Protokollreihe, in dem zwei jüdische Frauen ganz unterschiedlich auf die Situation in Deutschland blicken.

"Ich möchte einen Aufschrei in Deutschland"

Rahel Brandes*, 41, wuchs in einer süddeutschen Kleinstadt auf, in der sie als einzige Jüdin an ihrer Schule stigmatisiert wurde. Erst seit ihrem Umzug nach Berlin kann sie ihre jüdische Identität ausleben. Nichtsdestotrotz hält sie den Antisemitismus in Deutschland für verschleppt — und den Umgang mit Jüdinnen und Juden für zutiefst verklemmt.

Ich habe es vor allem im Geschichtsunterricht gespürt. Das war eine Katastrophe: Meine Lehrer waren überfordert, meine Mitschüler genervt vom ewigen Holocaust-Thema. Und dann saß da plötzlich eine. Ich. Wie der lebende Vorwurf, inmitten der anderen. Einmal musste ich einen Quellentext vorlesen. Kurz bevor ich das Wort "Jude" hätte vorlesen müssen, unterbrach der Lehrer mich und sagte, jemand anderes sollte weiterlesen. Ich wurde behandelt wie ein rohes Ei.

Ich habe bereits in der Grundschule begriffen, dass in meiner Familie etwas anders ist. Ich bin in einer kleinen Stadt in Rheinland-Pfalz aufgewachsen. Die jüdische Gemeinde dort ist kaum vorhanden, und ich war immer die einzige Jüdin an der Schule. Die Leute waren oft überrascht davon, wie normal ich bin. Häufig habe ich gehört: Du bist jüdisch, aber du bist echt okay. Oder aber: Oh, du bist jüdisch, so siehst du gar nicht aus. Es gibt ganz bestimmte Vorstellungen davon, wie Juden sind, wie Juden aussehen. Es gibt offensichtlich gar kein Verständnis dafür, dass es das jüdische Aussehen gar nicht gibt. Viele sind vollkommen irritiert, wenn ein jüdischer Mensch beispielsweise eine dunkle Hautfarbe hat.

Wenn ich neue Menschen kennengelernt und mich mit meinem Namen vorgestellt habe, begann das immer gleiche Gespräch. Ach, woher kommt denn dieser Name? Dann sagte ich, dass es ein jüdischer Name ist. Und die Unterhaltung stockte sofort. Schlagartig trat eine verklemmte Schwerfälligkeit auf. Sobald die Frage nach dem Namen kam, wusste ich: Der Abend wird verkrampft.

Mittlerweile lebe ich in Berlin. Ein Gespräch über meinen Namen muss ich hier seltener führen –und auch wenn, führt es nicht mehr so oft zu einer Beklemmung meines Gegenübers. Berlin ist nicht mit Deutschland gleichzusetzen. Vielfältige Identitäten sind hier normal. Ich würde nirgendwo anders in Deutschland leben wollen. Dennoch ist mein Freundeskreis vorrangig jüdisch, aus dem einfachen Grund, dass ich mich so nicht erklären muss.

Meine Kinder leben wie in Watte gepackt

Aber selbst in Berlin bin ich vorsichtig. Meinen Kindern habe ich beigebracht, dass sie nicht herumposaunen sollen, dass sie jüdisch sind. Weil ich ihnen die Erfahrungen, die ich in meiner Jugend gemacht habe, ersparen wollte, habe ich sie auf eine jüdische Schule geschickt. Einerseits wachsen sie so alles andere als normal auf. Sie leben wie in Watte gepackt, treffen in ihrer Schule zu einem großen Teil nur jüdische Kinder, aber nicht ausschließlich: Die jüdische Schule ist offen für alle Konfessionen. Jeder Tag beginnt für sie mit einem Gang durch die Sicherheitsschleuse. Andererseits ermögliche ich ihnen so auch ein Stück Normalität: Sie können sich frei bewegen, jüdische Feste feiern ohne sich erklären zu müssen. Bei der Namenswahl meiner Kinder habe ich darauf geachtet, dass sie international klingen und keine Fragen aufwerfen.

In Deutschland wird kaum jemand zugeben, dass er oder sie antisemitisch ist. Niemand möchte etwas gegen Juden haben. Fragt man aber nach typisch jüdischen Eigenschaften, wird man oft hören, dass Juden wohlhabend seien, intelligent und besonders gewiefte Geschäftsleute. Darin entlarven sich antisemitische Denkweisen. Selbst in Berlin habe ich Nachbarn und Freunde, die denken, dass ich besonders reich sei. Damit, dass ich studiert habe, dass ich Anwältin bin, dass ich mir etwas erarbeitet habe, hat das für diese Menschen dann nichts zu tun. Oder man fragt die Leute, was sie davon halten, wenn ihr Sohn eine Jüdin heiraten würde. Es könnte die reizendste Person sein, die sie sich für Ihre Kinder wünschen würden — spätestens hier wird ein Unbehagen deutlich.

Der Antisemitismus in Deutschland ist verschleppt, er wurde nie vollständig aufgearbeitet. Der deutsche Umgang mit Juden ist unfassbar verklemmt und alles andere als befreit. Die Leute können nicht sagen: Da ist eine Deutsche und die feiert andere Feiertage. So sollte es eigentlich sein. Und das wäre auch der Fall, hätte man sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit dem Antisemitismus auseinandergesetzt.

Die Juden, die hier vor dem Holocaust gelebt haben, haben sich als Deutsche gefühlt, sie haben im Ersten Weltkrieg gekämpft. Warum können Juden heute keine Deutschen mehr sein? Und warum ist Jüdischsein noch immer ein so großes Thema? Warum ist das so wichtig, ob ich jüdisch bin oder nicht? Prüfen Sie sich selbst und Ihr Umfeld. Sie würden nie sagen: Das ist Tina, die ist Katholikin. Aber wäre Tina jüdisch, würden Sie sagen: Das ist Tina und sie ist jüdisch.

Ich bin nicht die PR-Beauftragte von Benjamin Netanjahu

Ich habe keine Lust mehr, verkrampfte Gespräche zu führen und mich erklären zu müssen. Ich habe keine Lust, davon erzählen zu müssen, dass meine Großeltern in Treblinka ermordet worden sind. Und ich bin auch nicht die PR-Beauftragte von Benjamin Netanjahu. Ich möchte auf die Ankündigung einer Israelreise nicht hören: Oh, wie schön, fliegen Sie nach Hause? Ich möchte nicht hören: Sie sprechen aber toll Deutsch! — Warum denn auch nicht? Ich bin ja schließlich hier aufgewachsen. Hier ist mein Zuhause.

Ich möchte einen Aufschrei in Deutschland. Das deutsche Gutmenschentum geht mir auf die Nerven. Wo bleibt der Aufschrei darüber, dass Synagogen bewacht werden müssen, seit Jahrzehnten bereits? Darüber, dass meine Kinder unter Hochsicherheitsvorkehrungen zur Schule gehen müssen?

Wo bleibt der Aufschrei? In den Medien finde ich ihn nicht. Nachrichten kann ich mir oftmals kaum anhören. Denn auch das ist Antisemitismus: wenn man in Deutschland nie hört, dass in der Carta der Hamas steht, dass Israel und die Juden ausgelöscht werden sollen, wenn Abbas im Europaparlament unproblematisch davon sprechen darf, dass Juden die Brunnen der Palästinenser vergiften würden und ein Martin Schulz dann davon spricht, welch guter Freund Abbas doch sei, ohne nur ansatzweise Kritik zu äußern und Abbas für sein Rede auch noch Applaus erhält. Wenn man in Deutschland denkt, man müsse sich zu all dem nicht äußern, sondern könnte sich weiterhin hinter einer Israelkritik verstecken. Das hat mit Politik nichts zu tun. Das ist Antisemitismus.

Israel ist nicht meine Heimat, meine Heimat ist hier

Die Karikatur, die vor Kurzem in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde, fasst diese Problematik bestens zusammen: Warum muss Benjamin Netanjahu mit großen Ohren und großer Nase dargestellt werden? Diese Karikatur macht deutlich, dass es eben nicht allein um Israelkritik geht — und wie sich der Antisemitismus hinter einem "Man wird Israel ja wohl noch kritisieren dürfen" versteckt.

Der Antisemitismus in Deutschland ist unterschwellig noch immer vorhanden. Aber wir, die jüdische Bevölkerung, sind nicht das Problem. Wir sind die Betroffenen. Der Protest muss von der deutschen Mehrheitsgesellschaft kommen. Man geht in Deutschland für verschiedenste Dinge auf die Straße. Nur wenn es um Juden geht, gehen zu wenige auf die Straße.

Mein Mann und ich haben uns schon mehrfach gefragt, ob wir nicht lieber auswandern sollten. Aber wir sind hier zu Hause. Ich spreche zwar Hebräisch, aber ich könnte heute nicht nach Israel gehen: Das ist nicht meine Heimat. Meine Heimat ist hier.