Auch das letzte Testspiel der deutschen Nationalmannschaft war überlagert von einem Thema, das wenig mit dem eigentlichen Spiel zu tun hatte: Der deutsche Mittelfeldspieler İlkay Gündoğan wurde von deutschen Fans ausgepfiffen, da er sich einige Wochen vor den Wahlen in der Türkei in London zusammen mit Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Erdoğan getroffen hatte. Darf ein Nationalspieler so etwas? Sind die Pfiffe berechtigt? Auch in anderen Ländern Europas diskutieren Fußballfans über die Identität und Taten ihrer Nationalhelden. Ein Überblick:   

Schweiz: Erfolgreich durch "Papierli-Schweizer"

Die Schweiz ist ein Land der Gräben, auch im Fußball. Jahrzehntelang teilte der "Röschtigraben" die Eidgenossenschaft und ihre Fußballteams. Hier die Deutschschweizer, dort die Welschen – und ab und zu verschlug es auch einen Tessiner in die "Nati", wie die Schweizer ihre Mannschaft liebevoll nennen. Es ging dabei nicht nur um Macht und Einfluss, sondern um den Kern des Spiels: ums System. Die Deutschschweizer spielten athletisch, eher defensiv, während die Romands und die Tessiner einen offensiven und technischen Fußball bevorzugten. Kein Wunder, qualifizierte sich die Schweiz zwischen 1966 und 1994 weder für eine Europa-, noch für eine Weltmeisterschaftsendrunde. Es war die Zeit der "ehrenvollen Niederlagen".

Das änderte sich erst anfangs der Neunzigerjahre, als immer mehr "Papierli-Schweizer" in der "Nati" spielten. 1994 qualifizierte sich die Schweiz für die WM in den USA, 1996 für die EM in England. Die Söhne der eingewanderten Italiener und Türken brachten dem Team nicht nur den Erfolg zurück, sondern impften ihm und seinen Fans eine bis dahin unbekannte Siegermentalität ein.

Der erste Star der Schweizer Fußball-Secondos war Kubilay Türkyılmaz. Im Tessin aufgewachsen, spielte er später bei Galatasaray Istanbul, in der Heimat seiner Eltern, bevor er zurück in die Schweiz zum damaligen Spitzenteam, dem Grasshoppers Club Zürich, wechselte. Seine Herkunft, sein Glaube? Ein Thema waren sie kaum. Der Erfolg gab ihm recht.

Und heute, bald 25 Jahre später? Nach den Italiener- und Türkensöhnen kamen die Balkan-Boys. Mit Milaim Rama, der auch eine Saison bei Augsburg in der Regionalliga spielte, stand 2003 erstmals ein Spieler aus dem Kosovo im "Nati"-Aufgebot. Auf ihn folgte eine ganze Spielergeneration mit Wurzeln in Kroatien, Bosnien, Serbien – und: Albanien. Viele von ihnen sind Doppelbürger, die sich bewusst dafür entschieden haben, für die Schweiz zu spielen. Trotzdem müssen sie sich immer wieder Fragen stellen lassen: Für wen schlägt Ihr Herz? Wieso singen Sie die Hymne nicht?

Ein halbes Jahr vor der Euro 2016 war sogar von einem "Balkan-Graben" in der "Nati" zu lesen. Von "richtigen Schweizern" auf der einen und "anderen Schweizer" auf der anderen Seite, die sogar auf dem Feld versuchen würden, sich gegenseitig auszugrenzen. Es war ein Machtspiel, ausgetragen in der Sonntagspresse. Denn erstmals spielten die Secondo-Spieler nicht nur den entscheidenden Pass, sondern sie gaben im Team den Ton an. Und mit Vladimir Petković trainiert seit 2014 ein Mann das Schweizer Nationalteam, der in Sarajevo aufgewachsen ist. Seine Antwort auf die vermeintlichen Konflikte? Alle an einen Tisch setzen, und zwar wortwörtlich. Lange saßen in den Trainingslagern beim Essen die einzelnen Grüppchen zusammen. Hier die Welschen, dort die Deutschschweizer und am dritten Tisch die Balkan-Boys. Petković vereinte sie alle an einer einzigen Tafel. Das half.
Von Matthias Daum

Österreich: Unsere Nationalheiligtümer

Große Taten verdienen große Anerkennung. Für das Nationalteam zu treffen, ist im wenig erfolgsverwöhnten Fußball-Österreich allemal eine beachtliche Leistung. Ivica Vastić, dem so ein Geniestoß bei der WM 1998 gegen Chile gelang, wurde dafür vom auflagenstärksten Boulevardblatt des Landes entsprechend geadelt: "Ivo, jetzt bist du ein echter Österreicher", bescheinigte die Kronenzeitung dem in Kroatien geborenen Stürmer, der freilich längst den österreichischen Pass besaß.

Vastić, lange Jahre Österreichs Fußballliebling, war als migrantischer Nationalspieler damals eine Ausnahme. Heute hat mehr als ein Drittel der Kicker im Kader des Österreichischen Fußballbunds (ÖFB) einen Migrationshintergrund. Eine Rolle im öffentlichen Diskurs spielt das kaum, noch weniger ist Glaube bisher ein Thema, wohl auch, weil bislang kein Star sich dezidiert zu einer nicht christlichen Religion bekannt hat. Klar, in sozialen Medien und Internetforen wird schon mal von stramm rechts geschossen, wenn Rot-Weiß-Rot nicht so spielt wie gewünscht. Doch davon abgesehen gelten Bayern-Star David Alaba, West Hams Stürmer Marko Arnautović oder Leicester-Verteidiger Aleksandar Dragović als unumstrittene österreichische Schlüsselspieler, ein Ausfall solcher Nationalheiligtümer gliche einem Desaster wie fünf Elfmeter, die dem Gegner geschenkt werden.

Nur, wie begrüßt man einen Weltklassefußballer mit philippinischer Mutter und Vater aus Nigeria? "How do you do" war das erste, das dem Tiroler Landeshauptmann Günther Platter beim Handshake mit Alaba vor sechs Jahren einfiel. Höflich wie immer, erklärte Alaba dem peinlich berührten Politiker: "Sie können ruhig Deutsch mit mir reden, ich bin Österreicher."

Zwei Jahre später kam Alaba wieder zum politischen Handkuss – nun aber war an der Sache nichts mehr possierlich. Andreas Mölzer, Spitzenkandidat der FPÖ im Europawahlkampf 2014, hatte den zweifachen Sportler des Jahres in der den Freiheitlichen nahestehenden Zeitschrift Zur Zeit rassistisch beschimpft. Rasch wurde selbst der Partei klar, wie beliebt Alaba und seine Kollegen sind, und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache ließ Mölzer – der mit anderen untragbaren Sprüchen schon länger unter Kritik stand – absetzen.

Heute ist Strache Vizekanzler sowie Sportminister, und als solchem kann ihm ein erfolgreiches Nationalteam nur recht sein. Da liegt es nahe, auch die eigene Aversion gegenüber jeder Form von Zuzug und Einwanderung zu überwerfen. Der ÖFB arbeitet derzeit mit voller Kraft daran, Ashley Barns ins rot-weiß-rote Team zu holen. Barns, der mit dem FC Burnley in der Premier League stürmt, ist zwar Brite. Aber weil eine Großmutter Österreicherin war, scheint einer raschen Einbürgerung wenig im Wege zu stehen. Erwartet wird, dass die Regierungsmitglieder von ÖVP ebenso wie jene von der FPÖ den nötigen Ministerratsbeschluss bald unterschreiben. Ein "How do you do" wird dann auch kein Eigentor sein.
Von Judith E. Innerhofer