Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen. 

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Der Tag, an dem Heinrich Römstedt die Elbe wiedersieht, ist sonnig und warm. Schäfchenwolken ziehen am Himmel stromabwärts, Wind spielt in den Blättern, und die Butterblumen leuchten im Wiesengrün. Der 83-Jährige sitzt im Rollstuhl am Flussufer, die beige Schirmmütze aus der Stirn geschoben, die Hände im Schoß gefaltet. Sein Blick wandert über das Wasser, das träge dahinfließt, zur Fähre, die sich voll beladen durch den Strom schiebt. Fast zwei Jahre war er nicht mehr hier. Es kommt ihm vor wie eine Ewigkeit.

Früher, als Römstedt noch als selbstständiger Raumausstatter arbeitete, fuhr er mit seiner Frau jeden Sonntag an der Elbe. Stundenlang steuerte er das Auto am Fluss entlang, Lauenburg, Bleckede, Hitzacker, immer dieselben Strecken. Dann kamen die Schmerzen, die Rückenoperationen, der Rollstuhl. Römstedts Welt schrumpfte zusammen auf das Haus und die paar Orte, die er mit seinem elektrischen Rollstuhl erreichen kann. Die Elbe, nur ein paar Kilometer entfernt, war für ihn plötzlich unerreichbar. Bis Hubert kam.

Hubert Erbe, 57 Jahre alt, steht an diesem Nachmittag im Mai mit ihm am Elbufer, die eine Hand am Griff des Rollstuhls, in der anderen eine glimmende Zigarette. Ab und zu nimmt er einen tiefen Zug und atmet den Rauch in die Sommerluft, dabei schaut er auf den Fluss und schweigt. Ein Besuch an der Elbe, ohne zu reden. Das war es, was sich Römstedt gewünscht hatte.

Die beiden Männern kennen sich seit Jahrzehnten, zwei Generationen aus Barskamp, demselben kleinen Ort im Osten des Landkreises Lüneburg. Hier feierte Röhmstedt 1954 mit Erbes Vater Hochzeit, später kloppten der Raumausstatter und der 26 Jahre jüngere Schmied in derselben Männerrunde Doppelkopf. Doch nicht die alte Bekanntschaft hat Erbe dazu bewogen, zu Römstedt zu fahren, ihn aus dem Rollstuhl ins Auto zu hieven und an die Elbe zu fahren. "Schuld hat die Gräfin", sagt er. "Die hat mich überzeugt von ihrer Nachbarschaftshilfe."

Die Gräfin, so nennt man im Dorf Claudia von Bernstorff. Die 65-Jährige lebt mit ihrem Mann in einem Gutshaus von 1840, dort zog sie zwei Söhne groß, betrieb 40 Jahre lang einen Antiquitätenhandel. Seit sie dort kürzergetreten ist, nutzt sie die Zeit und versucht die 774 Menschen im Ort wieder näher zusammenzubringen. Für die Dorfgemeinschaft, aber auch für sich. "Ich will einfach nicht alt werden in einem Dorf, in dem alle nur noch nebeneinander her leben", sagt sie.

Einen Dorfverein hat sie bereits 2014 mitgegründet, eine Ausstellung mit historischen Aufnahmen organisiert, die alte Schmiede zum neuen Dorfladen umgebaut und mit dem Verein ein halbes Dutzend Feste veranstaltet. Nun brachte sie vor wenigen Wochen ein neues Projekt auf den Weg: eine ehrenamtliche Nachbarschaftshilfe.

Ihr Plan klang einfach. Sie sucht Helfer, verteilt Informationsschreiben an alle Haushalte und vermittelt diejenigen, die helfen wollen, an diejenigen, die Hilfe brauchen. Ein Selbstläufer, dachte sie und präsentierte ihre Idee im Dorfverein. Nach einer Woche hatte sie die ersten zwölf Mitstreiter gefunden. Alle waren bereit zu helfen.